Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 18.09.2019, Seite 16 / Sport

Wie ein Stein

Von André Dahlmeyer
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Gabriel Barbose von den Flamengos aus Rio feiert das erste Tor der Saison (14.9.2019)

Einen wunderschönen guten Morgen! Am Sonnabend, dem 19. Spieltag des sogenannten »Brasileirão Série A«, der Meisterschaft Brasiliens im Balltreten für Jungs, erwartete Tabellenführer Flamengo im Maracanã von Rio de Janeiro zum Spitzenspiel den von WM-Versager Jorge Sampaoli trainierten Verfolger FC Santos. Vor dem Match lagen die Cariocas zwei Punkte vor den Paulistas. Flamengo gegen Santos heißt Zico gegen Pelé. Es war aber zudem das Duell zweier ausländischer Trainer, die jüngst bei Brasuca-Klubs das Zepter übernommen hatten: der Portugiese Jorge Jesus beim fünfmaligen Meister Flamengo, dem er eine etwas europäischere Dynamik beigebrachte – und der Argentinier »Sampa« bei Santos, wo er dem kollektiven Spiel etwas mehr Würze verlieh. (Argentinier behaupten gern, Sampaoli sei ein »getarnter« Chilene.) Jesus ist erst der vierte europäische Trainer in der Vereinsgeschichte Flamengos – im November feiert das Team 124 Lenze. Der Ungar Izidor Kürschner (18 Monate Ende der 30er) sowie die Portugiesen Ernesto Santos (zehn Monate Ende der 40er) und Cândido de Oliveira (vier Monate Ende 1950) hatten kein Glück. Jesus ist seit Juni beim Weltpokalsieger von 1981 im Amt.

Der Regattaverein Flamengo, Halbfinalist der Copa Libertadores (am 2. Oktober treten die Rot-Schwarzen auswärts in der Arena do Grêmio in Porto Alegre an), hat derzeit zweifellos den besten Kader Brasiliens, wenn nicht sogar Südamerikas. Kapitän Diego Alves (Ex-FC-Valencia) im Kasten, die Veteranen Filipe Luís und Rafinha als »Laterales« (offensive Außenverteidiger), der Impuls des jungen Spaniers Pablo Marí (Ex-Man-City) zwischen beiden in der Abwehrreihe, und vorne steht mit dem Dreispitz »Gabigol« Barbosa, Bruno Henrique und dem uruguayischen Nationalspieler Giorgian De Arrascaeta eine echte Offensivmacht bereit, um höchstmöglichen Schaden bei welchem Gegner auch immer anzurichten.

Am Ende gewann der »Fla« daheim mit Autorität 1:0 und ist jetzt also das, was man in Deutschland Herbstmeister nennen würde (nur drei Niederlagen), auch wenn auf dem Subkontinent gerade der Frühling erste Kapriolen schlägt. Mein Garten ist voll von jecken nektarsaufenden Kolibris.

Die einzige Einlochung verbuchte der von Internazionale ausgeliehene 23jährige Gabigol kurz vor dem Pausen-Churrasco. Nach einem Alleingang lupfte der platinblond gefärbte Bursche die Kugel mit einem Schlenzer von der rechten Sanktionsraumecke lasziv unter die Latte der Gehäusemitte des gedemütigten Torrumstehers Éverson – dort fiel sie runter wie ein Stein. Das Maracanã war ein Tollhaus.

Die Torcedores wittern erstmals nach einer langen, langen Titeldürre wieder eine Meisterschaft. Für Gabigol war es bereits der 16. Liga-Treffer, für den »Fla« Nummer 42. Sowas gefällt. (Dazu muss man sagen: Südamerika ist nicht wie Deutschland oder Europa – dort wird noch verteidigt, und zwar mit der Machete zwischen den Zähnen!) Für die Fans ist klar: Jetzt muss neben dem Titel auch die Libertadores her, das Finale gegen Boca Juniors oder River Plate, beide aus Argentiniens Hauptstadt. Erstmals ohne Rückspiel und auf neutralem Platz (in Santiago de Chile). Die Eintrittskarten dafür wurden gerade verkauft: innerhalb einer Minute!

Indes hat der FC Santos, der das Campeonat lange anführte, an Terrain verloren. Nur ein Sieg in den letzten fünf Matches, und außerdem besiegte Palmeiras am Sonnabend Cruzeiro aus Belo Horizonte mit 1:0. Palmeiras ist nun Zweiter, Santos nur Dritter und Cruzeiro auf einen Abstiegsplatz abgerutscht, weil Fluminense mit einem Tor von Paulo Henrique Ganso Corinthians ruhigstellte.

Don’t forget: Heute (Ortszeit) wird beim Spiel zwischen Internacional und Atlético Paranaense in Porto Alegre die Copa do Brasil entschieden (den Hinkampf verlor »Inter« mit 0:1). Der Gewinner qualifiziert sich für die Copa Libertadores.

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