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Aus: Ausgabe vom 18.09.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Ein Land, zwei Systeme

Von Jörg Kronauer
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Deng Xiaoping und Margaret Thatcher beim Gespräch über die Zukunft Hongkongs – Nachstellung des historischen Treffens am 24. September 1984 im Diwang-Dasha-Hochhaus in Shenzhen (Aufnahme vom 2.7.2007)

Als die Volksrepublik China vor fast 70 Jahren gegründet wurde, stand sie einem eher ungewöhnlichen Problem gegenüber: Das Land war faktisch viergeteilt. Da war zum einen die Insel Taiwan, auf die sich die im Bürgerkrieg unterlegene Guomindang zurückgezogen hatte; da waren zum anderen aber auch noch Hongkong und Macau, zwei Territorien, die unter britischer bzw. portugiesischer Kolonialverwaltung standen. Die Volksrepublik hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie diesen Zustand nicht auf Dauer hinnehmen, sondern alle historischen Territorien Chinas unter ihrer Herrschaft vereinigen wolle. Die Frage war nur, wie?
Erste Überlegungen, die Wiedereingliederung mit Sonderrechten für die betreffenden Gebiete zu erleichtern, galten Taiwan. Mao Zedong schlug schon im Mai 1960 vor, die Guomindang auf Taiwan de facto an der Macht zu belassen, wenn deren Vertreter nur bereit seien, die Insel der Volksrepublik anzugliedern und auf eine eigenständige Außenpolitik zu verzichten. Für die Guomindang kam das aber nicht in Frage: Die Chancen, dass sie ihre Herrschaft auf die Dauer sichern können würde, wenn sie den Schritt in die Volksrepublik ginge, galten als gering. Maos Vorstoß lief ins Leere.

Wieder aufgenommen und dann auch bald mit der Formel »Ein Land, zwei Systeme« verknüpft wurde Maos Gedanke Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre im Rahmen der Reform- und Öffnungspolitik von Deng Xiaoping. Diesmal ging es zwar erneut zunächst um Taiwan, dann aber bald auch um Hongkong und Macau. Der Hintergrund: Eines der Kolonialabkommen, mit denen sich Großbritannien im 19. Jahrhundert die Kontrolle über Hongkongs Territorium gesichert hatte, lief zum 30. Juni 1997 aus. Nach harten Verhandlungen mit London einigten sich beide Seiten auf ein Abkommen, das am 19. Dezember 1984 unterzeichnet wurde: die »Sino-British Joint Declaration«. Diese schrieb die Formel »Ein Land, zwei Systeme« für die Zeit nach Hongkongs Rückkehr zu China am 1. Juli 1997 auf 50 Jahre fest.

Konkret bedeutet das: Bis zum Jahr 2047 wird Hongkong sein Wirtschaftssystem, seine Währung (den Hongkong-Dollar, der locker an den US-Dollar gebunden ist), sein politisches System und Rechtswesen beibehalten. All dies ist ihm im Verlauf von mehr als 150 Jahren von der britischen Kolonialmacht oktroyiert worden. Geblieben sind die sozialen Verhältnisse, die sich – nur ein Beispiel – in der häufig brutalen Ausbeutung der insgesamt über 300.000 Hausangestellten zeigen; das sind in aller Regel Frauen aus stark verarmten Ländern wie den Philippinen. Dass Hongkongs koloniale Eliten, zunächst jedenfalls, an der Macht blieben, war eines der Zugeständnisse, die die Regierung von Premierministerin Margaret Thatcher dazu gebracht hatten, der Rückgabe Hongkongs zuzustimmen: Sie war der Ansicht, die einstige Kolonie sei nun für mindestens ein halbes Jahrhundert ein Stachel im Fleisch der Volksrepublik.

Wieso ließ China sich auf den Deal ein? Man könnte sagen: Was ist aus Sicht des jahrtausendealten chinesischen Staats schon ein halbes Jahrhundert? Tatsächlich war Hongkong mit seinem Zwischenstatus lange Zeit sehr nützlich für Beijing und ist es in gewissem Maß auch heute noch. Denn der Zwischenstatus ermöglicht es, Geschäfte mit der Volksrepublik besonders günstig abzuwickeln. Hongkong war damit eine Weile ein ökonomisch wichtiger Motor. Diese Rolle verliert es allerdings immer mehr. Die angrenzende Metropole Shenzhen etwa erzielt schon heute eine größere Wirtschaftsleistung als die ehemalige Kolonie. Der Zahn der Zeit nagt am Sonderstatus Hongkongs. Die wirtschaftliche Entwicklung spielt Beijing in die Hände.

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