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Aus: Ausgabe vom 17.09.2019, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Auffallend flach

Jackie Thomaes Roman »Brüder« erzählt kurios beiläufig vom Rassismus
Von Carsten Otte
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Angewandte Literaturkritik: Debattenbeitrag von Jeff Koons

Als die 1972 in Halle an der Saale geborene Journalistin und Schriftstellerin Jackie Thomae vor fünf Jahren mit dem Roman »Momente der Klarheit« debütierte, gab es Lob und Kritik gleichermaßen: Das Buch, das als »unromantische Komödie« verkauft wurde und das auf lakonische Weise von Beziehungen berichtete, die auf ihrem Höhepunkt schon wieder vorbei sind, unterhielt einen Großteil des Publikums, das in Literatur nicht zuletzt auch eigene Erfahrungen gespiegelt sehen möchte. Die sich wiederholenden Erzählmuster wurden allerdings auch als ermüdend und klischiert beschrieben. So ist Thomaes zweiter Roman durchaus mit Spannung erwartet worden, zumal der Auftritt der Autorin beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt vor zwei Jahren zeigte, dass ihr vor allem die literarische Kurzstrecke liegt.

Bitte recht deutlich

»Brüder« hingegen ist ein 430 Seiten starkes Werk, das sowohl zeithistorisch als auch thematisch weit ausholt, das aber gleichwohl eine ziemlich überschaubare Grundstruktur aufweist. Sieht man von einem kurzen Zwischenkapitel und einem Epilog ab, ist der Roman zweigeteilt, und die beiden leider nur lose verbundenen Teile beschäftigen sich jeweils mit einem der titelgebenden Brüder. Zu späten DDR-Zeiten schwängert Idris, ein Student aus dem Senegal, zwei Frauen, kümmert sich aus allerlei, auch vorgeschobenen, Gründen nicht um die Kinder und kehrt nach Afrika zurück. Der Roman erzählt nun den Lebensweg der beiden Halbbrüder Mick und Gabriel. Während der eine ein rauschhaftes Partyleben im Nachwende-Berlin führt, verschlägt es den anderen nach London, der dort manisch an seiner Karriere zum Stararchitekten arbeitet. Sie eint ihre komplizierten Beziehungen zu weißen Frauen, was nicht zuletzt daran liegt, dass beide mit dem gut verdrängten Leid am abwesenden Vater zu kämpfen haben, der aber allein schon durch seine Hautfarbe immer präsent ist, vor allem für die neugierige Umwelt: »Und zwangsläufig musste er dann an den Mann denken, an den er sonst nur dachte, wenn andere ihn nach ihm fragten. Wo ist dein Vater, wo kam er her, warst du schon mal in Afrika?«

Micks Lebensgeschichte wird aus auktorialer Sicht vorgetragen, und das verleitet Thomae nicht selten dazu, die Figuren bis in den letzten Rest auszudeuten. Unverständlicherweise erklärt die Autorin die Charaktere selbst dann noch, wenn nun wirklich alle begriffen haben sollten, wie sie gestrickt sind. Besonders ärgerlich ist diese Überdeutlichkeit in einigen Dialogen, die sich lesen, als kämen sie aus dem Debattenbaukasten. Wenn etwa Gabriel erst mit Freundin Sybil und später seiner Frau Fleur streitet – und das kommt in beiden Fällen recht häufig vor – dann geht es zu wie im Soziologieseminar: »Farbe bekennen? Ohne mich. Und ich sage dir auch, warum: Weil Hautfarbe als Distinktionsmerkmal die Grundlage für jede Art von Rassismus ist. Die einzigen, die sich daran orientieren dürfen, sind bekennende Rassisten. (…) Wieso sollte ich mich einer Gruppe zuordnen lassen, die gar nicht existiert?« Selbstredend vermag Sybil diese Frage gleichermaßen geschliffen zu beantworten: »Weil sie zwar wissenschaftlich nicht existiert, aber gesellschaftlich. Akzeptier das endlich: Wer Teil einer marginalisierten Gruppe ist, entkommt Identitätsfragen nicht (…).« Mick akzeptiert nicht und verlässt die aufgebrachte Sybil. Warum, fragt man sich, wird diese Beziehung überhaupt erzählt?

Gabriel lernen wir übrigens über zwei Ich-Erzählungen kennen, über seine eigene Perspektive und die Fleurs. Zu Beginn des zweiten Kapitels rastet Gabriel völlig aus. Er schmiert einer Studentin Hundekot in die Haare, weil die ihren Köter vor seinem Haus einen Haufen hat machen lassen, was nicht nur dazu führt, dass Gabriels Karriere in London vorerst am Ende ist. Er, der immer Opfer von Übergriffen war, wird nun zum Täter, der sich auch gerichtlich verantworten muss. Drastisch ist die Einstiegsszene, und im Folgenden wird nun nacherzählt, wie es zu diesem Ausraster gekommen ist. Ja, Burnout, ja, unbearbeitetes Gewaltpotential, ja, ein Mann, der sich längst mit seinen eigenen Untiefen und Beschädigungen hätte beschäftigen müssen.

So what?

Viel zu oft wird in diesem Roman einfach nur das Offensichtliche, das Naheliegende rekonstruiert, und dabei werden die Konflikte viel zu selten in Szenen und Handlung aufgelöst. Abgesehen von dem fulminanten Einstieg und einigen gelungenen, weil entschlackten Dialogen, wird die Geschichte, werden die Geschichten dieses Roman nur vorangetrieben, indem über sie geplaudert oder räsoniert wird. Das liest sich dann wie eine Zeitungskolumne und weniger wie ein Roman. Vor allem wenn noch mal an den jeweiligen Zeitgeist erinnert wird, was sich immer so anhört wie ein nostalgische Generationsverklärung, wie sie hierzulande viel zu oft betrieben wurde: »Wie in den Jahrzehnten und Jahrhunderten zuvor hatte man auch jetzt das Gefühl, in einer ganz besonders bedeutsamen Zeit zu leben. Man hörte wieder 1999 von Prince. Man hörte nicht auf, Buena Vista Social Club zu hören. Man unterteilte die elektronische Musik in so viele Untersparten, dass man den Überblick verlor.« So what? Warum ist dieser Text, der oft so aufgebläht wirkt, nicht um die Hälfte gekürzt worden? Vielleicht hätte sich tatsächlich eine ästhetische Rasanz und inhaltliche Prägnanz entwickeln können. So aber schaut man einer mit ihren Stilmitteln überforderten Autorin beim Scheitern zu.

Jackie Thomae bietet in dem Roman eine Vielzahl von Erzählperspektiven, allerdings lesen sie sich viel zu ähnlich. Gerade der gedehnte Plauderton ermöglicht und befördert, thematisch in die Breite zu gehen, mal über die Ehe, mal über Autismus, dann wieder über die Zukunft der Architektur und zwischendurch über die Kindererziehung zu parlieren. In die Tiefe geht hier wenig, die Gedanken und Motive bleiben an der Oberfläche, so dass zwangsläufig nur wenig überrascht. Das ist besonders fatal beim vermeintlichen Hauptthema, nämlich der Frage, welche Rolle die Hautfarbe der beiden Halbbrüder für den Lebensweg spielt, wie die Formen des Rassismus sich über die Jahrzehnte und politischen Systeme verändern, es aber im vermeintlich aufklärten Europa ein nahezu mythisches und damit schwer zu tilgendes Ressentiment zu geben scheint, das je nach politischer Großwetterlage in blanken Hass und stumpfe rassistische Gewalt umschlagen kann.

Dieser so wichtige und schrecklich aktuelle Stoff wird zwar immer wieder aufgegriffen, dann aber aus den Augen verloren, was auch an den sozialen Milieus liegt, von denen erzählt wird. Denn sowohl in der Berliner Partywelt der 90er als auch in der urbanen Oberklasse Londons spielen Vorbehalte gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe eine verhältnismäßig marginale Rolle. Das fällt besonders auf, wenn Mick auf einen alten Kumpel trifft, der nicht nur Proll geblieben ist, sondern sich in der düsteren Gegenwart zu einem Schlägernazi entwickelt hat. Diese durchaus stimmig dargestellten Konfrontationen hätten weiterverfolgt werden müssen, um vielleicht auch der Frage nachzugehen, warum die Xenophobie wieder zur kollektiven Stimulanz geworden ist.

Im Trend

Der Verlag behauptet, »Brüder« sei ein Roman »über die Frage, ob wir unser Schicksal selbst bestimmen – oder ob Herkunft und Charakter uns unweigerlich prägen«. In Wahrheit handelt es sich um einen Roman, der inhaltlich scheitert, weil er keine sprachliche Tiefenbohrung anstellt. Sigrid Löffler, die Grande Dame der Literaturkritik, hat diesen Roman im Rundfunkgespräch einen »Flachwurzler« genannt. Dass »Brüder« auf der Longlist zum deutschen Buchpreis steht, bei dem es ja um die besten Romane des Jahres gehen sollte, wäre ziemlich irritierend, wenn die Jury in diesem Jahr nicht noch weitere Texte ausgewählt hätte, die sowohl sprachlich als auch inhaltlich auffallend flach sind. So aber liegt »Brüder« durchaus im Trend einer Literaturentwicklung von Seiten der Verlage, die Bücher zu Spitzentiteln machen, die sich irgendwie um angesagte Themen drehen und die irgendwie leicht konsumierbare Lektüre versprechen. Doch dieses Irgendwie hat mit Literatur als Kunst nichts zu tun.

Jackie Thomae: Brüder. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2019, 432 Seiten, 23 Euro

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