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Aus: Ausgabe vom 17.09.2019, Seite 1 / Titel
Militarismus

Aufmarschgebiet BRD

NATO-Kommando in Ulm macht sich kriegsbereit. Mitte Oktober US-Truppen- und Panzertransporte quer durch die Republik
Von Jörg Kronauer
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»Operation Atlantic Resolve«: US-Soldaten bereiten sich in der Clausewitz-Kaserne in Burg (Sachsen-Anhalt) auf den Abmarsch vor (Januar 2019)

Die Bundeswehr und ihre NATO-Verbündeten treiben die Optimierung ihrer militärischen Aufmarschpläne gegen Russland energisch voran. Am heutigen Dienstag kommen Vertreter der NATO-Staaten in Ulm zusammen, um auf einer »sicherheitspolitischen Konferenz« den Stand und die Perspektiven bei der Einrichtung des neuen NATO-Kommandos für schnelle Truppen- und Materialtransporte (Joint Support Enabling Command, JSEC) in der Donaustadt zu erörtern. Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen für die nächste Verlegung von US-Truppen über niederländische Häfen quer durch Deutschland nach Polen, die für Mitte Oktober angekündigt auf Hochtouren ist.

Im Rahmen der Truppenverlegung werden laut Angaben der US-Streitkräfte rund 3.500 Soldaten sowie mehr als 2.000 Militärfahrzeuge, darunter 85 Abrams-Kampfpanzer und 120 Schützenpanzer vom Typ »Bradley«, aus Texas nach Polen gebracht. Dort lösen sie eine ungefähr ebenso große Einheit ab, die nach neun Monaten militärischer Aktivitäten in Ost- und Südosteuropa in die Vereinigten Staaten zurückkehren wird. Seit der Eskalation des Ukraine-Konflikts führen US-Militärs in den Ländern von Estland bis Rumänien bzw. vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer regelmäßig Manöver gemeinsam mit den einheimischen Streitkräften durch, um auf einen etwaigen Krieg – der Sache nach handelt es sich um einen möglichen Krieg gegen Russland – bestmöglich vorbereitet zu sein. Allein für das Jahr 2019 stünden im Rahmen der »Operation Atlantic Resolve« – so lautet der offizielle Name für den Einsatz – 50 Manöver mit 50 Partnernationen auf dem Programm, teilen die US-Streitkräfte mit.

Ein wichtiges Element im Rahmen von »Operation Atlantic Resolve« ist die Optimierung der Truppentransporte. So hat sich schon bei den ersten Manövern herausgestellt, dass viele Straßen, Brücken und Unterführungen in Ost- und Südosteuropa einer Nutzung durch schweres US-Kriegsgerät nicht standhalten oder schlicht zu klein für große Militärfahrzeuge sind. Auch bei der Verlegung der Truppen durch die Bundesrepublik sind immer wieder Mängel aufgetreten. »Wir mussten einiges verbessern«, etwa bei der »Informationsarbeit«, berichtet Brigadegeneral Hartmut Renk. Der Bundeswehroffizier ist zur Zeit als Stabschef bei der US Army Europe eingesetzt – dies bereits als dritter deutscher Militär. Dies soll ein Ausdruck des hohen Stellenwerts sein, den die US-Streitkräfte der Bundesrepublik als Aufmarschgebiet gegen Russland sowie der Bundeswehr als Kooperationspartnerin bei der Truppenverlegung in Richtung Osten beimessen. Weil die US-Truppen sich im westpolnischen Zagan versammeln, um von dort aus zu ihren Manövern auszuschwärmen, verläuft die Verlegung der Truppen vor allem durch Brandenburg.

Die Optimierung dieser, aber auch anderer Truppenbewegungen ist letztlich die Aufgabe des neuen JSEC in Ulm, dessen Aufstellung 2018 beschlossen und gestartet wurde. Dies umfasst alles von der Abwicklung zwischenstaatlicher Formalitäten über die Beschäftigung mit der Infrastruktur bis zur Organisation der Verlegungen. Ziel ist es, einen blitzschnellen Aufmarsch zu ermöglichen – gegen Russland. Während ein US-Kommando in Norfolk (Virginia) den Nachschub über den Atlantik organisiert, obliegt der Ulmer Einrichtung die Aufgabe des Weitertransports der Streitkräfte in Europa. Das JSEC, das spätestens ab 2021 voll einsatzbereit sein soll, ist allerdings nicht nur für die Nutzung durch die NATO geeignet, sondern auch für künftige Einsätze einer »Armee der Europäer«.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Michael Haugk: Farbe bekennen Die Ankündigung, dass ab Oktober große Mengen von US-Kriegsmaterial auf dem Schienen-, aber auch auf dem Landwege durch Ostdeutschland nach Polen transportiert werden sollen, darf uns nicht gleichgült...

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