Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 13.09.2019, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Akademisches Prekariat

»Mit dem Outsourcing wird Ende Oktober Schluss sein«

Bald bessere Bedingungen für studentische Bibliotheksangestellte der Berliner Humboldt-Universität. Ein Gespräch mit Daniel Schmitz
Interview: Gitta Düperthal
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Kapitalistische Strategie: Die Humboldt-Universität lagerte Jobs zwecks Lohndumping an Fremdfirmen aus

Ihre Betriebsgruppe an der Berliner Humboldt-Universität, HU, setzt sich für bessere Bezahlung in den Bibliotheken ein. Wie sind die Arbeitsbedingungen dort?

Die studentischen Beschäftigten in der Unibibliothek wurden nach dem Tarifvertrag TV-Stud eingestellt, bezahlt und befristet. Sie verrichten aber Tätigkeiten, für die sie nach dem Tarifvertrag der Länder, TV-L, eingestuft werden müssten. Je nach Art der Beschäftigung und Erfahrungsstufe kann das jeweils bis zu zwei oder sechs Euro Stundenlohn weniger bedeuten. Nach TV-L gibt es obendrein eine Jahressonderzahlung, und die Einstellung ist unbefristet.

Im Sommer 2018 gab es ein Urteil des Landesarbeitsgerichts, das unsere Auffassung bestätigte. Eine studentische Hilfskraft hatte auf die Eingruppierung nach TV-L geklagt, das Gericht gab ihr recht. Studentische Hilfskräfte nach TV-Stud dürfen nur zu künstlerischen und wissenschaftlichen Hilfstätigkeiten herangezogen werden. Die Hochschulen aber setzen diese Arbeitskräfte in Verwaltung, Bibliotheken und IT ein. Das ist Lohndumping. Die einen sind befristet beschäftigt und werden mies bezahlt; andere leisten die gleiche Arbeit nach TV-L unbefristet und besser entlohnt. Die Sektion Bildung der FAU in Jena hatte in ähnlichen Situationen 2018 den Ländertarif für Thüringer Universitätsbeschäftigte durchgesetzt. Daran knüpfen wir in Berlin an.

Der Konflikt ist also noch nicht ausgestanden?

Nach dem Gerichtsprozess wurde es an der HU schlimmer. Statt die Spaltung aufzuheben und entsprechend dem Urteil den Tarif zu ändern, verlängerte die Universität im Oktober 2018 Verträge für viele Kolleginnen und Kollegen nicht. Ab Januar 2019 begann sie, die Beschäftigung in der Bibliothek auszulagern. Leute wurden über die Firma Grohmann zum Teil über Drittfirmen zu 10,50 Euro Stunde angestellt; zu einem noch geringeren Stundenlohn als zuvor.

Wie hat Ihre Betriebsgruppe reagiert?

Wir haben recherchiert, wieviel Lohn gezahlt wird. Im Juni 2019 hatten wir Kolleginnen und Besucher darüber bei der Prestigeveranstaltung der HU »Lange Nacht der Wissenschaften« öffentlich aufgeklärt. Wir wurden dann zwar des Geländes verwiesen, konnten aber Druck aufbauen. Das hat funktioniert.

Was konnten Sie erreichen?

Mit dem Outsourcing von Stellen an der Unibibliothek wird Ende Oktober Schluss sein. Für viele, die ihren Job verloren haben, kommt das leider zu spät. Es ist auch nur ein Teilerfolg. Früher hatten die studentischen Hilfskräfte zum Teil auch Beratungsgespräche durchgeführt, Azubis angeleitet und dergleichen. In den aktuellen Stellenbeschreibungen ist dies offiziell nicht enthalten, sie werden weiterhin unterbezahlt. Und es fehlt immer noch Personal.

Was unterscheidet Ihre Gewerkschaft von anderen?

Einerseits haben wir andere Mittel und eine andere Taktik. Wir sind auch bei Themen aktiv, die andere eher vernachlässigen, etwa wenn es um Outsourcing oder falsche Eingruppierung in niedrigen Entgeltgruppen geht. Andererseits setzen wir unsere Aktionen direkt und selbstbestimmt um.

Wir üben an fehlender demokratischer Ausrichtung der Hochschule Kritik, es geht nicht immer nur um den Tarifvertrag. Etwa wenn Lehrbeauftragte für ein ganzes Semester nur 1.200 Euro erhalten und so die Hochschule am Laufen halten sollen, aber über keinerlei betriebliche Absicherung oder Beteiligung verfügen. Langfristig zielen wir auf eine andere Gesellschaft ohne kapitalistische Ordnung ab.

Und was kritisiert die FAU an anderen Gewerkschaften?

Dass sie Sozialpartnerschaft wollen und damit systemerhaltend sind. Interessant ist aber, dass die DGB-Gewerkschaften zum Teil Ansätze nach dem Vorbild der Basisgewerkschaftsbewegung übernehmen, um besser mobilisieren zu können. Um Selbstorganisierung geht es dabei nicht. Wir wollen uns von Betriebs- und Personalräten nicht vereinnahmen lassen, aber mit ihnen kooperieren.

Daniel Schmitz ist Gewerkschafter der Betriebsgruppe der anarcho-syndikalistischen Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter Union, FAU, an der Humboldt-Universität in Berlin

Debatte

  • Beitrag von josef witte aus Hefei, VR China (13. September 2019 um 04:21 Uhr)
    Das Ganze mutet ein wenig skurril an. Eine kapitalismuskritische Gruppe, die sich als Gewerkschaft aufbläst, ohne wahrscheinlich den Status eines Vertragspartners mit der Kapitalseite zu besitzen, bezeichnet generell Gewerkschaften als »systemerhaltend« und der »Sozialpartnerschaft« verpflichtet. Ich hätte mich als Verdi-Mitglied und Betriebsrat im Einzelhandel herzlichst bei derartigen Schlaumeiern und Besserwissern bedankt. Andererseits hätte ich sie gerne eingeladen, sich als Betriebsrat aufstellen zu lassen, um ihnen die Gelegenheit zu geben, kritische und klassenkämpferische Kompetenz in Auseinandersetzungen mit der Geschäftsleitung unter Beweis zu stellen. Den Kampf um Arbeiterrechte und Interessen in den Gewerkschaften als »systemerhaltend« zu bezeichnen kann eigentlich nur einem linken Don Quichote einfallen.
    • Beitrag von David Summers aus Jena (13. September 2019 um 16:04 Uhr)
      Die FAU sind Linksradikale, das ist allgemein bekannt. Aber trotzdem ist die Funktion der Gewerkschaften v. a. in Deutschland momentan systemerhaltend – selbst ein sozialerer Kapitalismus (wenn’s das überhaupt gibt) stößt nicht das Tor zur Revolution auf und hat auch keinen Effekt auf Entwicklung von Klassenbewusstsein und Solidarität im Proletariat. Der DGB ist weit davon entfernt, am Kapitalismus zu rütteln bzw. sich den Sozialismus auf die Fahne zu schreiben. Das müssen Kommunisten schon selbst organisieren – nicht nur im Betrieb und in den Gewerkschaften. Da freut man sich über jede Betriebsgruppe, die die Sozialpartnerschaft als Unterdrückung ablehnt (auch wenn das momentan nur sehr, sehr wenige sind). Im Großen und Ganzen sind die Gewerkschaften auch der Sozialpartnerschaft verpflichtet, leider durch das sehr schlechte Betriebsverfassungsgesetz, aber von einem kapitalistischen Staat kann man auch keine arbeiterfreundlichen Gesetze erwarten. Macht wirklich erst die »Weihe« durch die Kapitalseite eine Gewerkschaft zur Gewerkschaft? Komische Sichtweise, finde ich. Klar, es ist der Staat der Kapitalisten, damit sagen die auch, wer verhandeln darf und wer nicht. Noch profitiert der DGB davon (fragt sich aber, wie lange noch).

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