Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 13.09.2019, Seite 2 / Inland
Solidarität mit Rojava und Öcalan

»Wehren uns gegen systematische Kriminalisierung«

»Langer Marsch« der kurdischen Jugend durch Nordrhein-Westfalen. Festnahmen einzelner Teilnehmer in Köln. Ein Gespräch mit Berivan Demir
Interview: Henning von Stoltzenberg
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Der Zug der kurdischen Jugend auf dem Weg zur nächsten Station (Köln, 12.9.2019)

An diesem Freitag soll Ihr diesjähriger »Langer Marsch« durch Nordrhein-Westfalen ans Ziel kommen. Wo machten Sie Station?

Wir sind am 9. September gestartet. Von der ersten Etappe in Troisdorf ging es weiter nach Köln. Anschließend wollen wir mit unserem Friedensmarsch über Leverkusen nach Düsseldorf ziehen, um dann an diesem Freitag unsere Aktion in Mönchengladbach zu beenden.

Was wollen Sie damit erreichen?

Wir möchten Aufmerksamkeit wecken für den Gesundheitszustand Abdullah Öcalans, der seit 1999 auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali gefangengehalten wird. Wir fordern die Aufhebung der Isolationshaft und die Wiederaufnahme von Friedensverhandlungen mit der Türkei. Die Freilassung Öcalans ist notwendig, um die militärische Logik des Konflikts (zwischen Kurden und Ankara, jW) zu durchbrechen und den Fokus endgültig auf politische Verhandlungen zu lenken.

Das Motto »Mit Reber Apo den Kolonialismus zerschlagen« (Reber Apo meint den PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan, jW) ist ein politisch sehr offensives und zugleich abstraktes Motto für die hiesige Bevölkerung. Wie ist die Resonanz auf Ihre politische Aktion bisher?

Der »Lange Marsch« stößt besonders durch das Motto jedes Jahr auf Provokationen seitens türkischer Faschisten und deutscher Rechtsextremer. Dies passiert in Form von rassistischen Zurufen und Handzeichen der Grauen Wölfe (faschistische Gruppierung in der Türkei, jW). Viele Außenstehende reagieren aber auch interessiert und aufmerksam auf den Marsch.

In den vergangenen Jahren gab es wiederholt Repressalien und Angriffe von Seiten der Behörden auf Ihre Aktivitäten. Wie verlief der Marsch bislang in diesem Jahr?

Bisher wurden einzelne Teilnehmer am zweiten Tag in der Bahnhofshalle in Köln von der Polizei festgenommen. Es folgten am Abend brutale Jagdszenen über die Domplatte, bei der vier unserer Genossen gewaltsam festgenommen wurden. Frühere Friedensmärsche wurden mehrfach durch kurzzeitig erfundene Verbote seitens der Polizei behindert und nach Beendigung angegriffen.

Das sind inzwischen »türkische Zustände«: Man will uns Kurden kriminalisieren. Besonders bei Demonstrationen soll das Bild eines aggressiven Mobs erzeugt werden, um uns einzuschüchtern und unsere Aktivitäten verbieten zu können. Da spielen wir nicht mit und wehren uns aktiv mit unserem Marsch, den wir unbeirrt fortsetzen, gegen diese systematische Kriminalisierungspolitik. Denn während hierzulande Demonstrationen mit Gewalt zerschlagen werden, rollen in Deutschland gebaute Panzer über Rojavas Grenzen (siehe jW vom 31.8.).

Was wäre ein Erfolg für Ihr Anliegen angesichts der starken Kriminalisierung der kurdischen Freiheitsbewegung?

Die kurdische Freiheitsbewegung ist bereits seit Jahrzehnten keine rein kurdische, sondern eine weltweite internationalistische Bewegung. Es ist ein großer Erfolg, dass immer mehr Menschen klar wird: Diese Bewegung vertritt die Interessen aller freiheitlich denkenden, fortschrittlichen und demokratischen Menschen auf der Welt; sie stellt eine Alternative zum herrschenden ausbeuterischen System dar.

Es sind Tausende Menschen ums Leben gekommen, als sie die Angriffskriege des sogenannten Islamischen Staates und der Türkei auf Rojava abwehrten und die Zivilbevölkerung in verlustreichen Gefechten verteidigten. Ein weiterer Erfolg wäre für uns besonders, die Ideen Abdullah Öcalans bekannter zu machen – beispielsweise das Konzept des Demokratischen Konföderalismus mit all seinen Facetten. Wir wollen der Bevölkerung die Folgen der deutschen Politik und der Zusammenarbeit mit der Türkei vor Augen zu führen.

Erfährt Ihre Demonstration auch Solidarität von sozialen Bewegungen in Deutschland?

Unser Marsch wird wie jedes Jahr von solidarischen Internationalisten unterstützt und mitgetragen. Dennoch sind wir uns sicher, dass der Marsch eine viel breitere Solidarität und Beteiligung verdient, als dies bisher der Fall ist. Denn wir stehen für eine pluralistische und basisdemokratische Gesellschaft. Je mehr wir sind, desto überzeugender können wir gemeinsam für unsere Vorstellungen eintreten.

Berivan Demir ist Sprecherin des »Langen Marschs« der kurdischen Jugendbewegung

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