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Aus: Ausgabe vom 12.09.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literaturgeschichte

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Jan-Christoph Hauschild erhellt die Biographie des geheimnisumwitterten Schriftstellers B. Traven
Von Gerd Bedszent
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Offene Parteinahme für die Beraubten: B. Traven

Seine vor exotischem Hintergrund spielenden sozialkritischen Romane machten den Schriftsteller B. Traven in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts berühmt. In den meisten seiner Werke (u. a. »Das Totenschiff«, 1926; »Der Schatz der Sierra Madre«, 1927; der »Caoba«-Zyklus, 1931–1940) verband er eine abenteuerliche Handlung mit einer gekonnten Schilderung der menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen des Proletariats. Travens offene Parteinahme für die Beraubten und in die kapitalistische Maschinerie Hineingepressten, seine Schilderung der skrupellosen Methoden internationaler Konzerne sowie seine unverhohlene Ablehnung der Institutionen des bürgerlichen Staates machten ihn zu einem sowohl in der Arbeiterbewegung als auch in anarchistischen Zirkeln oft und gern gelesenen Autor. Dass dann sein letzter Roman »Arslan Norval« von geringerer Qualität war, tat seiner Beliebtheit kaum Abbruch. Seine Hauptwerke erlebten Millionenauflagen und wurden in viele Sprachen übersetzt.
Da Traven unter Pseudonym schrieb, seine deutsche Herkunft leugnete und widersprüchliche Informationen zu Identität und Lebenslauf verbreitete, hefteten sich schon zu seinen Lebzeiten zahlreiche Journalisten an seine Fersen, allerdings mit mäßigem Erfolg. Textanalysen legten zwar damals damals nahe, dass Traven in der Zeit der Münchener Räterepublik unter dem Namen Ret Marut als linker Publizist tätig war – doch wer war Ret Marut? Im Verlaufe der Jahrzehnte entstand ein kaum zu überblickender Wust irrwitziger Spekulationen, wer sich hinter dem literarischen Phantom verbergen könne. Die Gerüchteküche verstummte nicht einmal, als Traven im Jahre 1969 in Mexiko starb und die Witwe seine Autorenschaft öffentlich machte. Nicht wenige Informationen zu seiner Person hat er aber mit ins Grab genommen. Eine große Herausforderung also für einen Biographen, die der Literaturwissenschaftler Jan-Christoph Hauschild angenommen hat: Vergangenes Jahr hat er unter dem passenden Titel »Das Phantom. Die fünf Leben des B. Traven« seine Ergebnisse vorgelegt.
Das jahrzehntelange Rätselraten um die Person Travens erscheint auch aus heutiger Sicht als durchaus nachvollziehbar, da der Autor mehrfach den Namen gewechselt und alles getan hat, um seine tatsächliche Herkunft zu verschleiern. Erleichtert wurde sein Versteckspiel dadurch, dass verschiedene Leute, die um seine Identität wussten oder diese zumindest ahnten – etwa der Schriftsteller Erich Mühsam – aus politischer Solidarität schwiegen. Erst sehr spät konnte der Nachweis erbracht werden, dass sich hinter den Pseudonymen B. Traven und Ret Marut der 1882 geborene Otto Feige verbarg. Die Diskussion war mit diesem Nachweis natürlich nicht abgeschlossen. Leute, die etwa ernsthaft die Meinung vertraten, der Autor sei tatsächlich ein illegitimer Hohenzollern-Spross, können sich schwer mit der Tatsache abfinden, dass es sich bei dem geheimnisumwitterten Schriftsteller um einen waschechten Proletarier aus der brandenburgischen (heute polnischen) Kleinstadt Schwiebus (Świebodzin) handelte.
Hauschild, ein Traven-Spezialist der intensiv zu dessen Biographie geforscht hat, hat in seinem Buch zahlreiche als gesichert geltende Informationen zusammengetragen und eine (fast) lückenlose Biographie geschrieben. Fotos aus verschiedenen Lebensabschnitten Feiges und Auszüge aus relevanten Dokumenten dienen der Veranschaulichung. Passenderweise erzählt er Travens/Feiges Biographie rückwärts – sie beginnt mit den Umständen seines Todes und endet mit Kindheit und Geburt.

Am interessantesten liest sich das letzte Kapitel über den ersten Lebensabschnitt von Otto Feige. Hauschild schildert kurz den stockkonservativ-kaisertreuen Mief der deutschen Provinz, vor dem der junge Maschinenschlosser bald flieht – seine Familie hört nie wieder etwas von ihm. Der spätere anarchistische Schriftsteller war in seiner Jugendzeit aktiver Gewerkschafter und bekennender Anhänger der Sozialdemokratie. Innerhalb der SPD trat er als Anhänger der radikalen Linken in Erscheinung, vertrat zunehmend anarchosyndikalistische Positionen. In seiner Zeit als Gewerkschaftsfunktionär legt er einen Schwerpunkt seiner Arbeit auf die Organisation von Bildungsprogrammen und Kulturveranstaltungen, gründete unter anderem ein Arbeitertheater.
Einen konkreten Anlass, wieso Feige plötzlich seine bis dahin geradlinige Berufskarriere beendete, die Identität wechselte und als angeblich in den USA geborener Schauspieler Ret Marut eine Bühnenkarriere begann, kann Hauschild nicht entdecken. Traven hat die Hintergründe seiner nicht wenigen biographischen Brüche nie jemandem anvertraut. Das Ende seiner kurzen Schauspielkarriere dürfte ausbleibendem Erfolg geschuldet gewesen sein. Sehr interessant sind die folgenden Kapitel über den politischen Publizisten Marut, dessen in der Endphase des Ersten Weltkrieges erschienene radikalpazifistische Zeitschrift Der Ziegelbrenner regelmäßig Politiker, führende Militärs und Großunternehmer mit rabiaten Kraftausdrücken zu beschimpfen pflegte. Konsequenterweise engagierte sich Marut in der revolutionären Nachkriegskrise dann in den beiden bayrischen Räteregierungen. Deren Niederschlagung durch konterrevolutionäre Truppen sorgte für den nächsten biographischen Bruch.
Hauschild bemüht sich, Travens in mehreren Etappen erfolgte Flucht nach Übersee, die ihn schließlich im Jahre 1924 nach Mexiko führte, im Detail zu rekonstruieren. Es bleiben allerdings Lücken. Die umfängliche Schilderung von Travens letztem Lebensabschnitt in Mexiko leidet unter der dürftigen Quellenlage. Überzeugend arbeitet Hauschild dagegen heraus, aus welchem Fundus sich der angehende Schriftsteller Traven für seine Romane und Erzählungen bediente.
Wird das Rätselraten über den Schriftsteller B. Traven mit dieser Biographie beendet sein? Sicher nicht. Es bleiben ja immer noch Lücken und Widersprüche in seinem Lebenslauf. Die meisten Fragen dürften dank Hauschild aber hinreichend genau beantwortet sein.

Jan-Christoph Hauschild: Das Phantom. Die fünf Leben des B. Traven. Edition Tiamat, Berlin 2018, 317 Seiten, 24 Euro

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Bernhard May, Solingen: Lektüreempfehlung Und noch ein Rätsel, diesmal um die Traven-Rezeption: Es gilt als möglich, dass die Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl sich nach B. Travens Roman »Die weiße Rose« (1929) benannte. Hans Scholl...
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