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Aus: Ausgabe vom 12.09.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Mobilität

Autokonzerne im Fadenkreuz

Weg vom Verbrennungsmotor: Umweltverbände mobilisieren zu Großdemonstration vor der IAA in Frankfurt am Main. Konzerne rufen nach dem Staat
Von Susan Bonath
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Die Nachfrage nach Elektroautos soll der Staat ankurbeln: VW-Chef Herbert Diess am Montag in Frankfurt

Umwelt- und Betrugsskandale, verstopfte Großstädte, verpestete Luft: Die Autobranche hatte schon mal ein besseres Image. Die Krise ist auch auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt am Main zu bemerken. Nur noch 800 statt wie noch 2017 um die 1.000 Aussteller sind auf dem Messegelände vertreten. Draußen protestieren Umweltschützer. Das Bündnis »Aussteigen« ruft für den Sonnabend zu einer Großdemonstration vor den Toren der Ausstellung auf. Angesichts der ökologischen Katastrophe, in die die kapitalistische Produktionsweise zwangsweise führt, fordert es umfangreiche Maßnahmen, darunter die sofortige Abkehr vom Verbrennungsmotor.

Die Bundesregierung müsse, so heißt es im Aufruf, endlich konkrete Schwerpunkte setzen und sie auch verfolgen. Dazu gehöre ein Klimaschutzgesetz bis zum Ende dieses Jahres, »das das Erreichen des 1,5-Grad-Zieles sicherstellt«. Der öffentliche Nahverkehr und die Radwege seien deutlich auszubauen. Ein klimaneutraler Individualverkehr soll bis 2035 Realität werden. Das Bündnis, dem sich unter anderem der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), die Deutsche Umwelthilfe (DUH), Greenpeace und das Kampagnennetzwerk Campact angeschlossen haben, plädiert darüber hinaus dafür, Fahrgeschwindigkeiten drastischer zu begrenzen. Und auch beim E-Motor machen sie Abstriche. Nötig sei »effiziente Elektromobilität statt dicker E-SUVs«, mahnen die Aktivisten.

»Die Bundesregierung und Autolobby bekommen einfach keinen wirksamen Klimaschutz hin«, bemängelt Uwe Hiksch vom Bundesvorstand der Naturfreunde Deutschlands in einer Mitteilung des Bündnisses. Er forderte die Autoindustrie zu einer »umgehenden Transformation« auf. Sie müsse die Entwicklung weiterer Verbrennermodelle stoppen und auf Batteriefahrzeuge umschwenken. Die Bundesregierung solle die Konzerne auch dazu verpflichten, die Hardware aller manipulierter Dieselfahrzeuge nachzurüsten. Vier Jahre sei der Skandal jetzt her und »elf Millionen Dieselkäufer wurden von BMW, Daimler, Volkswagen und Co. betrogen«, rügt auch Jürgen Resch von der DUH. »Die Konzernspitzen müssen bei der IAA zusagen, dass sie die Kosten übernehmen«, so Resch.

Doch von derartigen Zusagen ist die Autoindustrie weit entfernt. Seit Jahrzehnten habe sie die Minderung von Kohlendioxid (CO2) im Straßenverkehr hintertrieben, stellt der stellvertretende BUND-Chef Ernst-Christoph Stolper fest. Und Marion Tiemann von Greenpeace ergänzt: »Mit ihren spritschluckenden SUVs zeigen die Autobosse zukünftigen Generationen und lebenswerten Städten den Mittelfinger.« Beide ermahnten die Bundesregierung, endlich den Ausbau der Schiene, leichte Autos mit Elektroantrieb und Sharingmodelle zu fördern sowie dem Radverkehr Vorrang zu geben. Gerald Neubauer von Campact schlägt kämpferische Töne an: »Die Klimabewegung ist so stark wie nie, und jetzt knöpfen wir uns die Autoindus­trie vor«, sagte er.

Die Konzernvorstände geben sich derweil unbeeindruckt. Volkmar Denner, Geschäftsführer des Automobilzulieferers Bosch, stellte sich am Dienstag zur Eröffnung der Pressetage der IAA offensiv gegen die Umweltschützer. Eine Verkehrswende mit sofortigem Aus für Verbrennungsmotoren hält er für indiskutabel. Er sagte: »Was ökologisch richtig ist, darf wirtschaftlich und sozial nicht falsch sein.« Man müsse statt dessen »eine neue Balance finden zwischen den Interessen«. Laut Denner sei die Nachfrage nach E-Autos wegen teurer Batterietechnik gering. Emissionsfreies Fahren sei zwar möglich, aber nur sinnvoll, wenn es bezahlbar werde. Und dies werde »noch lange dauern«, so der Bosch-Chef.

Nach Vorgaben der Europäischen Union (EU) müssen Autobauer den CO2-Ausstoß von Neuwagen bis 2021 auf 95 Gramm pro Kilometer senken. Für jedes Gramm darüber, so es denn festgestellt werden sollte, müsste die Industrie dann 95 Euro Strafe pro verkauftem Fahrzeug zahlen. Laut Umweltorganisationen gelangen bei Benzinern etwa 2,5 Kilogramm CO2 pro verbrauchtem Liter in die Luft, bei den effizienteren Dieselmotoren sind es demnach sogar gut drei Kilogramm pro Liter.

Angesichts dessen bitten die Unternehmensspitzen auf der IAA die Politik, ihre Konzerne zu alimentieren. So rief etwa Volkswagen-Chef Herbert Diess nach »staatlicher Unterstützung, um die Akzeptanz beim Kunden für Elektroautos zu fördern«. Elmar Degenhart, Vorstandsvorsitzender des Zulieferers Continental legte der Politik nahe, sie möge »angesichts der schwachen Konjunktur und der hohen Investitionen die Steuer- und Abgabenlast für Unternehmen und Verbraucher senken«. Und Daimler-Chef Ola Källenius klagte darüber, wie schwer es bereits sei, die EU-Vorgaben einzuhalten. Man könne schließlich »den Kunden nicht vorschreiben, was sie kaufen«. Hinzu komme »der unsichere Markt«, mahnte er in Richtung der Bundesregierung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will die IAA am Donnerstag offiziell eröffnen. Ab Sonnabend bekommt das breite Publikum Zugang, bis dahin bleiben Fachbesucher unter sich.

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