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Aus: Ausgabe vom 11.09.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kulturkosmos

Auf dass es so bleibe

Für solidarische Kunst, gegen Bullenstress: Das Theaterfestival »At.tension« an der Müritz
Von Michael Merz und Erik Zielke
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Gemetzel an Teddys und Barbiepuppen: »Boucherie Bacul« auf dem »At.tension«-Festival

Die Lage hat sich entspannt. Übermäßige mediale Aufmerksamkeit, wie sie dem alten sowjetischen Militärflughafen an der Mecklenburger Seenplatte im Frühjahr zuteil wurde, ist passé. Gut so. Die Polizei wurde im Juni erfolgreich vor die Schranken des dort stattfindenden »Fusion«-Festivals verwiesen, und auch die Kamerateams und Journalistenmeuten sind weitergezogen. Vom vergangenen Donnerstag bis Sonntag konnten sich die Macher und Freunde des Vereins Kulturkosmos wieder auf das Wesentliche konzentrieren: die darstellende Kunst. Zum achten Mal gab es mit der »At.tension« auf etwa hundert Hektar Fläche ein nur schwer zu überschauendes, interdisziplinäres Programm. Das Festival war restlos ausverkauft, Karten gab es nur per Verlosung und letztlich 8.500 Menschen kamen zu unzähligen Vorstellungen von Neuem Zirkus, Objekt- und Figurentheater, Tanz, Performance, zu Workshops, Straßentheater und mitreißenden Konzerten. »Wir blicken vollkommen erfüllt und mit glücklich-erschöpftem Gesicht auf vier Tage größten Theaterspaß«, bilanzierte Mitorganisatorin Susanne von Essen am Montag.

Neben der Vielfalt auf dem Spielplan ist es die außergewöhnliche Atmosphäre, die das Festival ausmacht. Gegenseitige Rücksichtnahme, friedlich-solidarisches Feiern und Diskutieren sind hier selbstverständlich. Die »At.tension« wird komplett ohne Subventionierung veranstaltet. Es gibt keine Drittmittel, keinerlei Förderung durch Kommune oder Land. Alles wird gestemmt von 1.800 ehrenamtlichen Helfern, die die 24 Spielstätten in Hangars, in Zelten oder im Freien am Laufen halten, auf Mad-Max-Lastern den Müll entsorgen, die Komposttoiletten sauber halten und, und, und. Das Verbot von Werbung auf dem gesamten Gelände, die moderaten Preise für Essen und Getränke – so sieht der propagierte »Ferienkommunismus« aus. Und, auch das steht außer Frage, hier wird vegetarisch und vegan gegessen. Wer Lust auf Fleisch verspürte, dem verging diese sowieso mit der Schlachtershow der »Boucherie Bacul« am Wegesrand. Die beiden Metzger schlachteten Teddys und Barbiepuppen, stopften deren Einzelteile in Gläser, füllten sie mit Kunstblut auf und verkauften das Ganze aus ihrer Marktbude heraus.

Der Theaterhunger der 8.500 Besucher schien hingegen unstillbar. Auf zum Teil endlose Schlangen und Wartezeiten von bis zu zwei Stunden mussten sie sich bei einigen besonders gefragten Darbietungen einlassen. Dazu zählte auch die Eine-Frau-Performance »Contra« von und mit der britischen Künstlerin Laura Murphy: In sechzig Minuten wurde den Zuschauern mit Witz und Klugheit Sexismus in der Gesellschaft vor Augen geführt. Murphy, immerhin einen großen Teil der Performance über nackt, lieferte sich selbst den Blicken aus, nicht ohne immer wieder dem Publikum den Spiegel vorzuhalten. Die Darstellerin verfiel dabei nicht auf bloße Effekthascherei, eher vertraute sie auf Erkenntnisgewinn durch ästhetische Mittel.

Ein politischer Anspruch der »At.tension« war überall auf dem Gelände spürbar. Der Verein Kulturkosmos etwa engagiert sich gegen ein neues Polizeigesetz in Mecklenburg-Vorpommern, ruft zum Widerstand gegen die Ausweitung staatlicher Kontrolle und Überwachung auf. »Anlasslose Bestreifung«, wie sie vor einigen Monaten von der Polizei auf dem Areal beabsichtigt war, ist hier geflügeltes Wort. Nun gab es als Teil der »Walk Acts« ein Unordnungsamt, dessen »Beamte« bei »aufkommender großer Ordnung« und »gefühlter Übersichtlichkeit« gerufen werden konnten. Sie waren dafür da, dass alles so bleibt, wie es ist – möglichst chaotisch.

Filme und Lesungen waren darüber hinaus fester Bestandteil. Ihren Roman »Lass uns mit den Toten tanzen« stellte die Kapitänin Pia Klemp am Samstag im Kinohangar vor. Sie ist momentan dazu verdammt, an Land zu bleiben, da in Italien ein Verfahren gegen sie und Teile ihrer Crew läuft. Auf der »Iuventa« und der »Sea-Watch 3« hatte sie seit 2015 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet. Grauen und schwarzer Humor lagen während ihrer Lesung nahe beieinander. Pia Klemp gibt denen eine Stimme, die nicht gehört werden, und kämpft gegen die Unmenschlichkeit der EU-Flüchtlingspolitik. Eine Lesung, die vielmehr Vortrag mit Diskussion wurde, gab auch Andreas Blechschmidt aus dem autonomen Hamburger Kulturzentrum »Rote Flora«. Er stellte sein Buch vor, in dem er sich mit den G-20-Protesten auseinandersetzt. Blechschmidt hatte 2017 die »Welcome to Hell«-Demo angemeldet, die mittels brutaler Polizeigewalt aufgelöst wurde. Eine Falle sei das gewesen, bekennt er, die Ereignisse seien noch nicht aufgearbeitet und viele seien dadurch traumatisiert worden. In seiner Schilderung der Übergriffe ist auffällig, dass er die polizeilichen Provokateure ausspart, die es nachgewiesenermaßen gab.

Stellvertretend für etliche leidenschaftliche Musikacts sei hier die Band Aggregat genannt. Das Drei-Mann-Orchester mit Cello, Drums und Synthesizern spielte nicht zum ersten Mal auf dem Areal und brachte den Salon-de-Baile-Hangar bis auf die letzte Reihe zum Tanzen. Am Sonntag abend sollte die gelebte Utopie dann vorläufig zu Ende gehen. Während einer ausschweifenden Abschiedsgala kamen noch einmal die Künstlerinnen und Künstler zusammen. Susanne von Essen ließ danach wissen: »Wir machen uns jetzt ans Aufräumen und freuen uns schon auf die ›At.tension‹ Nummer neun, die aller Voraussicht nach vom 2. bis 5. September 2021 stattfinden wird.«

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