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Aus: Ausgabe vom 11.09.2019, Seite 5 / Inland
Pflege

Gegen Verwahrpsychiatrie

Gewerkschaft wirbt bei Aktionstag für bessere Personalausstattung in psychiatrischen Kliniken. Befragung der Beschäftigten lässt prekäre Zustände erahnen
Von Markus Bernhardt
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Die Hälfte der Zwangsmaßnahmen könnte mit einer besseren Personalausstattung vermieden werden

Mit einem bundesweiten Aktionstag unter dem Motto »Für gute Versorgung und Arbeitsbedingungen statt Zeitnot und Verwahrpsychiatrie« hat die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi am Dienstag erneut auf die prekäre Arbeitssituation der Beschäftigten in psychiatrischen Kliniken hingewiesen.

Schon seit Jahren sorgt die hohe Arbeitsbelastung in besagten Einrichtungen regelmäßig für mediale Aufmerksamkeit. Vor allem dann, wenn es zur Verletzung der Rechte von Patientinnen und Patienten kommt. Zur Erinnerung: Erst Ende März dieses Jahres war in der RTL-Serie »Team Wallraff« über Verwahrlosung, anhaltende Zwangsfixierungen, chaotische Zustände und Personalmangel im Klinikum Frankfurt-Höchst berichtet worden (siehe jW vom 6. April).

Obwohl als allgemein bekannt vorausgesetzt werden dürfte, dass eine gute personelle Ausstattung psychiatrischer Kliniken sich auch positiv auf das Wohl der Patienten auswirkt, hat sich seit besagtem Bericht an der hohen Arbeitsbelastung der Mitarbeitenden kaum etwas geändert. Vielmehr scheinen sich die prekären Verhältnisse, unter denen die Beschäftigten leiden, bundesweit zunehmend zu verschlimmern. Am Montag hatte Verdi eine Umfrage vorgestellt, die die Dienstleistungsgewerkschaft durchgeführt hatte und an der sich rund 2.300 Beschäftigte aus über 160 psychiatrischen Krankenhäusern beteiligt hatten.

Die Umfrageergebnisse sprechen indes tatsächlich Bände. Wie die Gewerkschaft auf ihrer Internetseite bekannt gab, hätten das Gros der Beschäftigten angegeben, dass »viele Versorgungsaufgaben nur noch zum Teil oder gar nicht mehr erfüllt werden« könnten. Demnach hätten mehr als 80 Prozent der Befragten konstatiert, dass ein begleiteter Ausgang für alle Patientinnen und Patienten bei Bedarf »nur zum Teil«, »nur sehr eingeschränkt« oder »nicht möglich« gewesen sei. Hinzu käme außerdem, dass die Beschäftigten auch unter konkreten Gefährdungen durch körperliche und verbale Angriffe zu leiden hätten. »Knapp die Hälfte der Befragten war in den vergangenen vier Wochen mindestens einmal körperlichen Übergriffen ausgesetzt; rund 80 Prozent sind mindestens einmal beschimpft worden«, berichtet Verdi. Satte 77,3 Prozent der Beschäftigten bewerteten die Besetzung auf ihrer Station sogar als »knapp« oder »viel zu gering«.

»Niemals wieder darf es eine Verwahrpsychiatrie geben«, forderte Sylvia Bühler, Mitglied im Verdi-Bundesvorstand anlässlich des Aktionstags. »Ein bedarfsgerechtes System der Personalbemessung in der Psychiatrie ist im Interesse der Patientinnen und Patienten sowie der Beschäftigten«, stellte sie klar.

Ob die Angestellten und damit folglich auch die Patientinnen und Patienten weiterhin unter der prekären Arbeitssituation leiden müssen oder sich daran zukünftig etwas ändert, hat unterdessen nicht wenig mit dem sogenannten Gemeinsamen Bundesausschuss zu tun. Das höchste Gremium im selbstverwalteten deutschen Gesundheitswesen entscheidet am 19. September über die neuen Personalmindestvorgaben und damit auch über den Alltag in der Psychiatrie.

Sowohl Verdi als auch Teile der Politik fordern schon seit langem eine Nachfolgeregelung der noch bis Ende des Jahres gültigen Psychiatrie-Personalverordnung (Psych-PV) mit einer deutlich besseren Personalausstattung. »Es sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein: Eine gute Versorgung von Patientinnen und Patienten braucht ausreichend viel und gut ausgebildetes Personal. Das gilt im Krankenhaus, in der Pflege und erst Recht in der Psychiatrie«, erklärte Inge Höger, Landessprecherin der Linken in NRW, am Dienstag.

Da die Arbeit in der Psychiatrie Beziehungsarbeit sei, müsse die bisher gültige Psychiatrie-Personalverordnung »dringend an den Bedarf angepasst werden«. In diesem Sinne unterstütze die Linke in NRW die Forderungen der Beschäftigten für eine Psych-PV plus, so Höger weiter.

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