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Aus: Ausgabe vom 11.09.2019, Seite 4 / Inland
Proteste nach tödlichem Unfall

Protzfahrzeuge am Pranger

SUV-Debatte: Umweltverbände rufen zu Großprotesten gegen Automobilmesse auf
Von Lenny Reimann
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Bald ein Bild der Vergangenheit? Noch kreist ein SUV der Firma Porsche anstandslos durch das Berliner Regierungsviertel

Nachdem am vergangenen Freitag ein Porsche Macan in Berlin-Mitte von der Straße abgekommen war und dabei vier Passanten ums Leben kamen, wird verstärkt die Forderung nach einem Verbot von sogenannten SUV-Fahrzeugen erhoben. Vor allem Klima- und Umweltschützer, Radfahrer- und alternative Verkehrsverbände sprechen sich dafür aus, die vermeintlichen Sport- und Nutzfahrzeuge, die jedoch in dem meisten Fällen eher dem Renommierbedürfnis der Fahrzeuginhaberinnen und -inhaber dienen, zumindest im Innenstadtbereich zu verbieten.

Bereits in den vergangenen Tagen war es am Unfallort in Berlin zu Mahnwachen und Protestaktionen gegen die SUV-Fahrzeuge, aber auch den Autoverkehr im allgemeinen gekommen. Das dürfte die Diskussion des Themas weiter anheizen, obwohl die genaue Unfallursache bisher noch nicht endgültig geklärt ist. So heißt es aus Ermittlerkreisen, dass der Fahrer des Großfahrzeugs einen epileptischen Anfall erlitten haben könne. Allerdings kann auch überhöhte Geschwindigkeit als Ursache des tödlichen Unfalls nicht ausgeschlossen werden.

Für kommenden Sonnabend rufen verschiedene Organisationen zu Großprotesten und Sternfahrten gegen die Internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt am Main auf, die dort von 12. bis 22. September stattfindet. Für Sonntag plant das klima- und verkehrspolitische Aktionsbündnis »Sand im Getriebe« Blockaden. »Unser Ziel sind autofreie Städte, mehr Platz für Fuß- und Radverkehr sowie ein massiv ausgebauter und kostenloser Nahverkehr. Der politische Stillstand zwingt uns, die Verkehrswende selbst in die Hand zu nehmen«, heißt es im Aufruf der Ökoaktivisten, den diese auf ihrer Internetseite veröffentlicht haben. Unterstützt wird der Zusammenschluss auch von dem globalisierungskritischen Netzwerk ATTAC.

Am Montag hatte der Trägerkreis der Proteste moniert, »trotz Dieselskandals und stetig wachsenden Klimaprotesten« stelle die IAA »immer größere Geländewagen und Autos im Premiumsegment zur Schau«. Hingegen bestünden die Protestorganisatoren, darunter ADFC, BUND, Campact, Deutsche Umwelthilfe, Greenpeace, die Naturfreunde und der Verkehrsclub Deutschland (VCD), weiterhin auf ihren Forderungen »für den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor, saubere Luft sowie für klimagerechte Mobilität«, wie sie am Montag betonten. »Mit ihren spritschluckenden SUVs zeigen die Autobosse zukünftigen Generationen und lebenswerten Städten den Mittelfinger. Wollen die Hersteller nicht länger ein großer Teil des Problems bleiben, müssen sie schleunigst auf kleine, leichte, geteilte E-Autos setzen und Mobilität als Dienstleistung begreifen«, forderte Marion Tiemann, Verkehrsexpertin von Greenpeace.

Ähnlich, jedoch mit anderer Schwerpunktsetzung, äußerte sich Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. »Vier Jahre ist der Dieselskandal alt, elf Millionen Dieselkäufer wurden von BMW, Daimler, VW und Co. betrogen. Die Konzernspitzen müssen bei der IAA-Eröffnung zusagen, dass sie die Kosten für die Hardwarenachrüstungen übernehmen«, betonte er. Während am Freitag die Schülerinnen und Schüler von »Fridays for Future« vor den Eingang der IAA ziehen und dort protestieren wollen, stellte sich die FDP am Dienstag erwartungsgemäß gegen die Klima- und Umweltschützer. Während Generalsekretärin Linda Teuteberg vor allem der DUH und Bündnis 90/Die Grünen ein Vorgehen nach dem Muster der AfD vorwarf, sprach sich ihr Parteifreund, FDP-Verkehrsexperte Oliver Luksic, Medienberichten zufolge gegen eine »emotionslose Instrumentalisierung einer Tragödie für politische Zwecke« aus. Der Wunsch vieler Menschen nach einer alternativen Verkehrspolitik dürfen derlei Äußerungen eher befördern.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Bernd Ender: Einseitig (...) Übrigens hat vor kurzem ein Kleintransporter (noch mehr Masse, miserables Fahrwerk, schlechte Bremsen) vier Motorradfahrer »abgeräumt« – tot. Wo war da der Protest gegen diese Fahrzeuge oder zum...

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