Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 09.09.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Faschismusforschung

Beinahe disqualifiziert

Daniel Siemens verheddert sich mit seinem Buch über die SA in den Fallstricken der »Gewaltgeschichte«
Von Leo Schwarz
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Prinz August Wilhelm von Preußen (»Auwi«) mit Hakenkreuzarmbinde auf einer NSDAP-Kundgebung 1932 im Berliner Sportpalast

Nach dem infolge administrativer Erledigung des Gegenübers eingetretenen Ende der offenen Auseinandersetzung mit der marxistischen Faschismusforschung hat die bürgerliche Zeitgeschichtsschreibung seit den 1990er Jahren einige neue Techniken entwickelt, um bei der Befassung mit dem deutschen Faschismus vom Kapitalismus, von der Klassengesellschaft und vom Klasseninteresse schweigen zu können. Ein sehr leistungsfähiger Ansatz ist die methodische Fokussierung auf die ideologischen Dokumente und Programmerklärungen der Nazibewegung, deren jüngste Blüte eine seit Jahren andauernde Debatte über die Angemessenheit des Begriffes »Volksgemeinschaft« für die historische Analyse der deutschen Gesellschaft zwischen 1933 und 1945 ist.

Auch kulturalistische Deutungen sind beliebt, nicht zuletzt, weil sie einen fast beliebigen Wechsel der Perspektive erlauben. Garantiert ist hier in jedem Falle, dass der soziale und politische Inhalt des Faschismus, seine Funktion für die bürgerliche Politik und die bürgerliche Herrschaft gar nicht oder allenfalls verschlüsselt thematisiert werden. Eine immer wichtiger werdende Unterabteilung dieses Diskurses ist die »Gewaltgeschichte«, die sich darum bemüht, die Klassenkämpfe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in eine »Gewaltkultur« hinein aufzulösen, in die irgendwie alle – vor allem natürlich die »politischen Extreme« – verstrickt waren.

Daniel Siemens hat seine Arbeit über den paramilitärischen »Wehrverband« der NSDAP, die SA, mit dem Anspruch einer »ersten umfassenden Geschichte« in diese Debatte eingebettet: »Der Schwerpunkt dieses Buches liegt auf der Gewalt und ihren persönlichen, strategischen und kulturellen Implikationen, doch handelt es auch von der Integrationskraft, die eine Organisation wie die SA zu entfalten vermochte.«

Diese Weichenstellung zieht gängige Plattheiten (»Ausübung von Gewalt in bestimmten Milieus und zu bestimmten Zeiten gerade für junge Männer anziehend«) und das Bohren vieler dünner Bretter nach sich (»Gewalthandeln ist oftmals ›zielgerichtet rational‹«). Dass Siemens es bei der Erörterung der Erzeugung »einer relativ stabilen alternativen Gruppenidentität« mittels Gewalt hinbekommt, Marx und Engels von ferne mit der Gewaltpraxis der SA in Verbindung zu bringen, ist nicht nur ärgerlich, sondern beinahe disqualifizierend: Die beiden hätten Gewalt »als legitimes ›Werkzeug‹ neuer sozialer Bewegungen, die auf die Überwindung erstarrter politischer Verhältnisse zielten«, akzeptiert. Aber hier landet eben, wer gründlich verlernt hat, zwischen Revolution und Gegenrevolution zu unterscheiden: Für Siemens ist die SA der frühen 30er Jahre eine »von der NSDAP kontrollierte soziale Bewegung«; im Kern habe sie »für ein zentrales Versprechen des Nationalsozialismus« gestanden, nämlich »gesellschaftliche Teilhabe und Zugehörigkeit zur ›Volksgemeinschaft‹«.

Auch bei der ohnehin dürftig geratenen Analyse des engeren politischen Aktionsraumes der NSDAP und der SA überrascht Siemens mehrfach mit fragwürdigen Befunden. Franz von Papen, als Reichskanzler und politischer Intrigant 1932/33 ein zentraler konservativer Akteur bei der Umwandlung der bürgerlich-demokratischen Republik in eine faschistische Diktatur, hat laut Siemens den »letzten Versuch« unternommen, die »Weimarer Republik zu retten« – mit der Notverordnung gegen »politischen Terror« vom August 1932. Dazu kommen sachliche Schnitzer, die das Vertrauen in die Solidität der Untersuchung nicht eben steigern: August Wilhelm von Preußen (»Auwi«), vierter Sohn des letzten deutschen Kaisers und seit 1930 ein nicht ganz unwichtiges Aushängeschild der NSDAP und der SA, war nicht der »Kronprinz«, wie Siemens schreibt.

Der Fehler passt ins Bild: Da Siemens sich mit »Auwis« Rolle nicht näher befasst (hier wären ein paar Ausführungen über die Funktion der NSDAP und der SA in der politischen Konzeption der herrschenden Klasse fällig gewesen), sondern sich für ihn nur als Beispiel für die Verheißung einer Gemeinschaft interessiert, die alle »Patrioten« – »vom einfachen Mann auf der Straße bis zu den Adligen in ihren Schlössern« – zusammenschweißte, fiel ihm die falsche Etikettierung nicht auf.

Gleichwohl ist das Buch nicht ohne Verdienste. Die letzte Überblicksdarstellung der Geschichte der SA ist 1989 erschienen; seither ist viel neues Material aufgetaucht und in verstreuten Spezialstudien ausgewertet worden. Eine zusammenfassende Gesamtschau war hier nötig. Siemens, seit 2017 Professor an der britischen Universität Newcastle, traut sich, einen generischen Faschismusbegriff zu verwenden. Die zumindest unter deutschen Zeithistorikern immer noch tabuisierte Ansicht, ein SA-Kommando – und nicht der vermeintliche »Alleintäter« Marinus van der Lubbe – habe am Abend des 27. Februar 1933 den Plenarsaal des Reichstages angezündet, erklärt er für plausibel. Und er bekräftigt den (keineswegs neuen) Befund, dass die Führungskräfte der SA sich überwiegend aus dem Offizierskorps des kaiserlichen Heeres rekrutiert haben; dazu gehört die Erkenntnis, dass die frühe SA als »Sammelplatz« für rechte Splittergruppen fungierte und »weniger proletarisch« war als »gemeinhin behauptet«. Grundsätzlich zu begrüßen ist auch, dass Siemens die in älteren Darstellungen nur sehr knapp behandelte Geschichte der SA nach der gewaltsamen Ausschaltung ihrer Führung im Sommer 1934 in den Blick nimmt – auch wenn sein Versuch, den Bedeutungsverlust der Organisation zu relativieren, nicht zu überzeugen vermag.

Daniel Siemens: Sturmabteilung. Die Geschichte der SA. Siedler, München 2019, 592 Seiten, 36 Euro

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