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Aus: Ausgabe vom 07.09.2019, Seite 12 / Thema
Unterwegs im Osten

Jubel, Grusel und Retusche

Ein Besuch im Thüringischen Guthmannshausen dreißig Jahre nach der »Wende«
Von Burga Kalinowski
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In vielen kleinen Orten Thüringens, wo vor allem Tristesse herrscht, machen sich die Nazis breit. Wie in Guthmannshausen, wo der geschichtsrevisionistische Verein Gedächtnisstätte e. V. residiert. Wenn im Oktober der Landtag neu gewählt wird, wird die AfD wohl auf über 20 Prozent der Stimmen kommen (Björn-Höcke-Fan am 1. Mai 2019 in Erfurt)

Das Jahr 2019. Deutschland und seine Daten: 1949 Gründung der DDR, 1989 »Wende« und Ende. Eine dritte Jahreszahl muss immer mitgedacht werden: 1939, der Überfall auf Polen, Zweiter Weltkrieg, Holocaust. Will man die historische Beziehungskette vollständig, gehört auch 1919 dazu: das Jahr der verratenen Novemberrevolution. Das ganze 20. Jahrhundert trägt Narben aus Zeiten der Verbrechen und Verluste, Elend, Tod und Schmerz. Und Hoffnungen. Jede Zahl führt ins Heute. Auf der Suche nach der gewesenen Zeit: 70 Jahre, 30 Jahre. Was bleibt, was verändert das Leben, was vergisst man nie?

*

Dieser Artikel war nicht ganz so geplant, wie er jetzt hier steht. Bei Recherchen zu Robotron Sömmerda in Thüringen erzählte mir jemand von dem Rittergut Guthmannshausen – »jetzt ein Nazitreffpunkt. Stellen Sie sich das mal vor! Die kommen einfach daher, kaufen sich das Haus und den großen Garten und machen ihre Schweinereien. Einfach so. Wie kann das sein?!« Ja, das fragt man sich. So kam ich auf Guthmannshausen und dachte: Fahr mal hin.

Nordöstlich von Erfurt, 30 Kilometer entfernt von der thüringischen Landeshauptstadt, liegt das Dorf, ist verwaltungsmäßig ein Ortsteil der Stadt und Landgemeinde Buttstädt im Landkreis Sömmerda. Hier fährt die Pfefferminzbahn, 1874 eigens für den Transport der bei Kölleda angebauten und verarbeiteten Kräuter gebaut. Sie sicherte für Jahrzehnte den Berufsverkehr zu Betrieben wie Robotron in Sömmerda, zur Konservenfabrik in Buttstädt oder zum Funkwerk Kölleda. Alles lag etwas abseits, aber man kam hin. Guthmannshausen wird im Bahn-Deutsch als Haltepunkt geführt und hat ein Wartehäuschen. Darüber kann man froh sein. Woanders ist richtig tote Hose: Da wurden ganze Bahnstrecken stillgelegt, Orte verfallen. Sense. Als wäre Krieg gewesen. So sieht’s im Osten entlang von Schienensträngen häufig aus. Zäune, Treppen, Dächer, Schuppen, Signalmaste – Natur überzieht den Verfall gnädig mit einem grünen Gespinst aus wildem Hopfen und Wein. Verwunschene Kreaturen aus einer Hexengeschichte. Die Züge fahren vorbei.

Heßlings von heute

Ausstieg Guthmannshausen. Ich bin neugierig. Mein Anruf beim ehrenamtlichen Bürgermeister war ein Schlag ins Wasser: Nee, er hat keine Zeit, ist eigentlich gar nicht da und, ehrlich gesagt, er hat den Kanal voll, immer wegen der Rechten angesprochen zu werden. »Wir wollen die nicht«, sagt er. Ich frage: Wenn ich bei Ihnen klingle, reden wir dann? Ja, ja. Ich fahre hin. Am Ende wird es ein langes Gespräch mit ihm und seiner Frau. Ihre Namen, so sagen sie, soll ich weglassen.

Ich gehe erst mal zum Rittergut.

Sonnabend, 3. August. Über die Uferwiese des Flüsschens Lossa bis rüber zur Kirche schallt die Ansage aus dem Garten des ehemaligen Gutes. Mikrofonprobe und Information zum Treffen des extrem rechten Vereins Gedächtnisstätte e. V. Draußen vor der Tür stehen reichlich Pkw von nah und fern: aus Weimar, Apolda, Nordhausen, Blankenhain, Hamburg, Hanau, Stuttgart. Für 20 Euro Tagesgebühr ist man unter sich, Essen extra. Ich gehe durchs Tor. Zwanzig Euro – das fehlte noch.

Etliche Rentner sind schon da, auch Mittelalter tummelt sich. Man trifft alte Bekannte, trinkt was, tauscht sich aus: Politische Großfressen unter Sonnenschirmen. Einer sagt, dass ihm ganz schlecht wird bei dem Gedanken daran, wie deutsche Soldaten heutzutage marschieren. Wenn er da an früher denke. Na, wenigstens habe die Truppe noch die guten Wehrmachtskarabiner. Der, der von sich als »ich alter AfD-Verbrecher« spricht, zieht die Jacke aus, stellt die Beine breit, lässt den Bauch nach vorne rollen und sagt mit Blick auf die Landtagswahlen im Osten: Wir werden es denen schon zeigen. Fettes Gelächter. Die Szenerie ist erschreckend und spießig. Figuren aus einem Skizzenbuch von Georges Grosz. 1918 beschrieb Heinrich Mann mit der Romanfigur Heßling den deutschen Untertan. 15 Jahre später, 1933, erschien das Buch »Der Hass. Deutsche Zeitgeschichte«. Da stand der Schriftsteller bereits auf der ersten Ausbürgerungsliste der Nazis, ging im gleichen Jahr noch ins Exil.

Hier auf der Terrasse des Rittergutes sitzen die Diederich Heßlings von heute und reden von früher. Es geht immer mit den Kämpfen und Siegen von damals los, mit Hetztiraden und mit sentimentalen Gesängen, am liebsten unter Fahnen, danach kommen brennende Fackeln und die Jagd auf Menschen. Das deutsche Gespann Hurrapatriotismus und Nationalismus ist lebensgefährlich – für andere.

Das sieht die Gedächtnisstätten-Clique und ihre Gefolgschaft anders. Im Klartext: Geschichtliche Tatsachen werden geleugnet und gefälscht, was das Zeug hält. Als wären 1939 polnische Soldaten in Deutschland einmarschiert, als hätte die Sowjetunion 1941 Deutschland überfallen. Und natürlich gilt ihnen das Massaker von Oradour vom Juni 1944 als legitime Vergeltungsaktion.

Im oberen Teil des Gutsgartens stehen polierte Steine. Für deutsche Soldaten, die in fremder Erde liegen. In Ehren gefallen, heißt es da. In Ehren? Beim Morden und Brandschatzen in ganz Europa selbst erwischt worden. Opfergetue in Stein geritzt.

Zwanzig Meter weiter dröhnt Blasmusik. Frank Rennicke, Mittfünfziger in, wie es aussieht, knielangem Sommerhöschen, mimt den DJ. Rummsassa. Nach dem Verbot der »Wiking-Jugend« 1994 wechselte er zur NPD. An seinem Stand liegen CDs aus, vieles steht auf dem Index. Vielleicht greift er abends selbst noch in die Saiten. Mal sehen. Musikalisch wird das wohl kein Höhepunkt. Rennicke soll ein schlechter Gitarrenspieler sein. Es geht um die Texte: Nazischmalz und Wehrmachtsschmus, »Blut und Boden« und »Heim ins Reich«. Angekündigt davor ein Vortrag »Haben die weißen Völker noch eine Zukunft?«, gehalten von Pierre Krebs, französischer Publizist, Vertreter der »Neuen Rechten«, Gründer des »Thule-Seminars«.

»Horch, was kommt von draußen rein« – Akkordeonklänge rufen zum Volkstanz. Und dann – juchhei – mit »O, du schöner Westernwald« ertönt eine der Lieblingsmelodien der Wehrmachtssoldaten. Mit dem Lied auf den Lippen haben sie im Mai 1940 die Niederlande, Belgien und Luxemburg überfallen, dann Paris besetzt. Rache für Versailles. Da hüpft das Naziherz, die alten Knochen klappern mit. Ach ja und ach Gott, wann holen wir es uns denn wieder?

Erst mal nicht, wissen die etwas Schlaueren. Erst mal Ordnung hier schaffen. Erst mal weg mit Migranten, Juden, linkem Gesindel. Und wenn ein CDU-Politiker wie Walter Lübcke aus Kassel nicht aufpasst, was er sagt, dann wird er eben erschossen. Lübcke setzte sich für die Aufnahme von Flüchtlingen ein.

Die wollen dem deutschen Volk die schöne Heimat nehmen und die tausendjährige Kultur ebenso und deutsches Blut mit fremdem vermischen, und am Ende gäbe es keine Deutschen mehr. Heul, heul. Jaja, man muss nur die Äußerungen Thilo Sarrazins, ehemals SPD-Finanzsenator in Berlin, lesen, dann weiß man, dass Rassismus in salonfähiger appetitlicher Dosierung schon längst vom extrem rechten Rand in bürgerliche Biotope gesickert ist. Wie sonst wäre Sarrazin vom Magazin Cicero 2016 auf Platz fünf der Liste der wichtigsten deutschen Intellektuellen gekommen? Intellektueller!? Geht‘s noch? Geschwurbel und Geschwafel.

Politische Paranoia mal im Chor, mal als Solonummer. Jede Abteilung hat ihre spezielle Programmatik und ihre Rampensau. Den AfD-Mann Bernd Höcke, ein Westimport aus Hessen, habe ich mal auf dem Erfurter Domplatz gehört: mit Wabern und Wimmern, weinerlicher Stimme, wahnhaft entrückter Miene und weit aufgerissenen wässrigen Augen stöhnte er in den Abendhimmel, dass »unserr doitschess Volkk« gerettet werden muss. Fortgeschrittene Hysterie vielleicht. Kein schöner Anblick. Das politische Schmierentheater wirkt genauso abstoßend wie in speckige Nackenfalten tätowierte Nazirunen. Kämen diese Leute ans Ruder, müsste man Angst um Land und Leute haben. Keine guten Aussichten. Gerade mal knapp vorbeigeschrammt am Wahlwochenende in Brandenburg und Sachsen. In gut sieben Wochen wählen die Thüringer.

Wir woll’n die nicht

Ich mache mich auf den Weg zum Bürgermeister.

»Ich sag’ es Ihnen gleich, der Ort kann nichts dafür, dass hier Nazis sind.« Wirklich? »Wir woll’n die nicht. Nur Ärger wegen dieser Leute! In zwei Sätzen: Wir haben die nicht geholt. Wir kriegen die nicht raus.« Er hat es allen deutlich gesagt: Wenn ich hier Aufmärsche kriege im Ort, dann jage ich euch raus, das könnt ihr erleben! Ansonsten: »Das Rittergut ist Privatbesitz. Da kann ich nichts machen.« Genau. Beim Eigentum hört alles auf. Wo leben wir denn. Natürlich fragt sich der Bürgermeister: Wer hat dieses Geschäft eingefädelt und gedeckt? Es ist ja nun kein Schuppen am Feldrand, sondern ein großes, repräsentatives Anwesen: 1.003 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche, großer Garten, im Jahr 2000 vom Land top saniert. An Bewerbern mangelte es nicht. Ja, ergänzt seine Frau, die Finneck-Stiftung aus Rastenberg war auch interessiert, »das wäre doch wirklich ideal gewesen mit dem großen Garten und so geräumig.« Finneck ist eine soziale Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung. Pech gehabt: Den Zuschlag erhielt nämlich 2011 ausgerechnet eine Frau aus Hessen, Mitglied des Vereins Gedächtnisstätte e.V. und gewissermaßen als Strohfrau der Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck agierend. Erst nach dem Kauf kam das plötzlich ans Licht. Und keiner hat was gewusst beim Liegenschaftsmanagement unter Verantwortung des Finanzministeriums … Dazu der Kaufpreis: 320.000 Euro! Ein Preis unter Freunden, sehr guten Freunden, könnte man sagen. Mit seiner Klage gegen den Verkauf scheiterte das Land 2013 vor dem Landgericht Erfurt. So geht das im Freistaat Thüringen.

Da freut es einen, dass in der Sowjetischen Besatzungszone und ab 1949 in der DDR Umsiedlerfamilien in der Villa wohnen konnten. Dann zog eine landwirtschaftliche Schule dort ein, später ein Internat für die Studenten der Ingenieurschule für Veterinärmedizin Beichlingen. In dieser Zeit wurde in Guthmannshausen etwas von der internationalen Solidarität der DDR erlebbar. Etwa 80 junge Ausländer machten hier ihren Berufsabschluss. Der Bürgermeister und seine Frau erinnern sich an eine Gruppe junger Mosambikaner, die in Beichlingen studierten und im Rittergut wohnten.

Ist schon ’ne Weile her. Anfang der 80er Jahre. Im Ort gab es da noch mehrere Gaststätten, man traf sich zum Feierabend, und die Jungs aus Mosambik schlenderten durchs Dorf. »Kommt rein«, hätten die von hier denen aus Afrika zugerufen, »setzt euch her und erzählt mal.« Dann hätten die eben erzählt, von ihrer Heimat, von Samora Machel und der Frelimo-Bewegung und warum sie jetzt in der DDR studieren. »Klar, auf deutsch. Soviel haben die dann schon gelernt – und Prost und ein Bier geht ja immer.« »Die Erinnerung ist vielleicht etwas rosarot«, vermute ich. »Doch, so war es. Warum denn nicht?« fragt die Frau des Bürgermeisters zurück. Und spricht über ihr Menschenbild und ihre Arbeit als Horterzieherin. »Deutschland, Deutschland über alles ist nicht unsers.« Ich wüsste ja, dass Weimar in der Nähe liegt, 20 Kilometer sind es bis Buchenwald. Als Kind und als Jugendliche war sie dort gewesen. »Wissen Sie, wir waren in der Geschichte drin. Ich habe das alles noch vor Augen. Das war 5. Klasse Geschichte und ist in unseren Büchern.« Ihre Kinder im Hort sollen es auch lernen. Verstehen und Nazis widerstehen.

Aber leider: »Jetzt haben wir die am Hacken. Irgendwann heißt es: das braune Dorf. Nee, sind wir nicht.« Der Bürgermeister klingt sehr entschieden.

Wobei es nach 30 Jahren nichts Neues im Osten ist und im Westen sowieso selbstverständlich, dass sich braune Rosstäuscher Immobilien zulegen. Immer eine nette Fassade. Gern auch ein Rittergut. Soviel Marktwirtschaft muss schon sein – auch für alte und neue Nazis. So kommt es, dass es inzwischen allein in Thüringen 15 solcher Anwesen gibt, u. a. in Guthmannshausen, Marlishausen, Kloster Veßra, Siegelbach. Sie firmieren als Bildungsstätte oder Zentrum oder als Verein wie die Gedächtnisstätte e. V. in Guthmannshausen, vor 25 Jahren mit Sitz im westfälischen Vlotho eingetragen, personell und ideologisch mit der 2008 verbotenen rechtsextremen Organisation »Collegium Humanum« verbunden.

Einheimische sind das nicht. Rechtes Führungspersonal mit langjähriger Erfahrung kommt aus dem Westen: Der Vereinsvorsitzende Wolfram Schiedewitz aus dem Landkreis Harburg in Niedersachsen, sein Vize, der rechte Publizist Albrecht Jebens, vom Bodenseekreis in Baden-Württemberg. Der dritte ist ein in der DDR an der TU Ilmenau promovierter Ossi, der in Deutschland-einig-Vaterland seine Bestimmung und den rechten Weg dahin fand: Paul Latussek aus dem Ilmkreis, früher u. a. Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen, bis selbst die nicht zimperliche damalige Bundesvorsitzende Erika Steinbach ihn wegen seiner faschistischen Ausfälle nicht mehr in ihren Reihen leiden mochte. Er ist wegen Volksverhetzung rechtskräftig verurteilt, gehört zu einem Netzwerk von Holocaustleugnern und Geschichtsrevisionisten.

So was gab es früher hier nicht, sagen mir zwei ältere Frauen, die ich Freitag mittag am Bäckerwagen treffe. Der kommt extra aus Kölleda nach Guthmannshausen, damit die Leute frische Brötchen und frisches Brot haben. Der Kuchen ist auch gut. Ich frage, wo man Kaffee trinken kann. »Ach«, sagen sie wie aus einem Munde, »Kaffee? Schon lange nicht mehr.« Dabei, »wissen Sie, früher hatten wir einen Bäckerladen, früher gab es den Konsum noch und das Kulturhaus von der LPG mit Gaststätte, mit Tanz am Wochenende und mit einer Terrasse. Da hätten Sie Kaffee trinken können. Nun nicht mehr. Hier ist nichts mehr los.«

Was ist mit dem Rittergut? Eine der Frauen geht bei dieser Frage. Sie will nichts sagen. Die andere erklärt mir: »Da gehn Sie besser nicht hin.« Warum? »Das sind so Leute … nichts Gescheites, nichts Gutes. Rechte, damit will man nichts zu tun haben.« Sie zuckt mit den Schultern und kann nicht verstehen, dass die sogar im Landtag sitzen. Sie meint damit die AfD. Die im Rittergut und die im Thüringer Landtag gehören für sie irgendwie zusammen. »Das ist eine Soße.« Sie winkt ab.

Verkauft und verramscht

Zum Einheitstag, immer gern bei runden Jahrestagen oder vor Wahlen, ziehen Politiker durchs Ostland, beklagen gelegentlich die damalige rabiate Landnahme, sprechen, ganz unüblich, von mindestens unfeinen Siegermethoden. Das stimmt wohl – ändert aber nichts mehr. Wie überaus praktisch: Die Sache ist längst gelaufen. Derlei Einsichten bekommt man nun für ’n Appel und ’n Ei an den Resterampen der Geschichtsschreibung, und es gilt einigen Leuten tatsächlich als Beleg differenzierter DDR-Betrachtung. Das wäre schon wieder komisch, wenn es in dieser medialen Uniformität und Einfallslosigkeit nicht so bedenklich und langweilig wäre. Ossis können es nicht mehr hören.

Jeder weiß, wer von Ossis spricht, redet von den Bürgern der DDR, die mehrheitlich immer noch meinen, dass sie eine gute Kindheit und wahrscheinlich auch bessere Bildung hatten, die damals gern weiter gereist wären als bis zum Kaukasus oder nach Burgas, die heute liebend gern mit Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen würden, von denen knapp 60 Prozent glauben, dass der Sozialismus im Grunde eine gute Idee sei. Ossi steht für territoriale Herkunft, politische Prägung so oder so, mittlerweile für einen Gemüts- und Geisteszustand, über den es in heutigen Politbüros heißt: schwierig, ganz schwierig. Dazu besorgte Blicke. Als ginge es um einen depressiven Gaul, der jederzeit ausbrechen kann.

Vermutet wird Kränkung vor langer langer Zeit, also vor etwa 30 Jahren. Haben die vielleicht eine falsche Realitätswahrnehmung? Sind womöglich undankbar. Wo bleibt der Jubel – eigentlich geht es denen doch gut wie nie. Diese gottverdammte Arroganz. Das ist westliche Völkerkunde. Zu finden unter anderem in einer FAZ-Schlagzeile: »Warum ticken die Ossis so?« Oder – nicht überraschend – im Cicero-Magazin, eine kleine Denunziation als »Jammer-Ossi« gegen die Autorin Jana Hensel. Oder schließlich im ARD-Presseclub vom 18. August: »Leben Ost und West sich auseinander?« Im Jahr 2019 eine irreführende Frage. Weil: Die waren noch nie wirklich beieinander. Außer auf Papier und in Reden, auch privat kommt vor. Hinter besorgten Fragen brütet Frust über den Osten. Ohne rhetorisches Einwickelpapier heißt das: Warum seid ihr nicht wie wir?

Ganz einfach: Die Leute haben die Schnauze voll. Nicht alle, aber viele. Ursachen gibt es reichlich.

Manchmal ist es das große Ganze: soziale Ungerechtigkeit mit Kinderarmut auf der einen und deutschen Kriegseinsätzen für Milliarden und Abermilliarden Euros auf der anderen Seite. Manchmal ist es kalte Wut über das Treiben der Treuhand, das Anfang der 90er Jahre Millionen Menschen im Osten in Arbeitslosigkeit stürzte und von dort umgehend in Zukunftslosigkeit. Mit katastrophalen Folgen bis heute für Regionen und Generationen. Der kürzlich veröffentlichte »Teilhabe-Atlas« macht Schluss mit Schönfärbereien. O-Ton eines Nachrichtensprechers: statt Mauer ein Graben.

Manchmal reichte der persönliche Zusammenstoß mit gesetzlich legitimiertem Raub wie beispielsweise die im Einigungsvertrag festgelegte Rückübertragung eines Häuschens an den sogenannten Altbesitzer im Westen, um vom Glauben an die FDGO abzufallen.

So war zumeist – und ist es immer mal wieder – die westdeutsche Art, sich ostdeutschen Gegebenheiten zu nähern, sie zu bewerten: politisch, moralisch und überhaupt. Um dann einzustecken, was sich lohnte. Als würde man ein Rudel Wölfe zum Hüten der Schafherde bestellen. Etwa 85 Prozent des DDR-Volkseigentums wurde Eigentum von Westkonzernen. Die neue Herrschaft hatte leichtes Spiel: Was von Wert und präsentabel war, wurde geschwinde eingesackt, auch Wald und Auen und weite Felder kamen unter fremde Fuchtel. Ganz nach Gutsherrenart. Mittlerweile gehört das zum kollektiven Osterfahrungsschatz. Eine zeitgeschichtliche Tretmine.

Nicht von ungefähr werden neuerdings Artikel und Bücher über die Abwertung ostdeutscher Lebensleistungen geschrieben, in Talkshows wird Kreide gefressen und verständnisvoll gebrummelt, wenn einer was Nettes über den Osten sagt. Aktuelle Studien und Statistiken liefern einigermaßen zutreffende Fakten über Verdrängung und Abwicklung in all den Jahren. Es passiert sogar, dass etwas mehr Realität in den Blick auf DDR, »Wende« und das Danach kommt. Gepfiffen drauf. Frau Breuel räumt gar Fehler ein: Bei so einem Jahrhundertgeschäft … Wo gehobelt wird, fallen Späne, nicht wahr? Das klappte prima, wie sich einer von der Bande erinnert, nämlich »so nach dem Motto: Zuerst einmal bekommen wir die DDR an die Angel und schaffen vollendete Tatsachen in Richtung deutsche Einheit. Ich habe also alles getan, um diesen Prozess zu fördern. Als das dann erledigt war, die Treuhand existierte und unsere Überlegungen aufgegangen waren, habe ich gesagt: Jetzt wickeln wir das ganze Zeug möglichst schnell ab.« Thilo Sarrazin, 1990 Beamter im Bundesfinanzministerium und Mitorganisator der Währungsunion. So wurde die Westkonkurrenz konkurrenzlos.

Am Ende entstand im Osten parallel zu neuen Autobahnen, zu riesigen Einkaufscentern aus Glas und Beton, zu boomenden Reiseunternehmen, zu vielen schönen Blumenläden, Apotheken und Handyshops an jeder Ecke eine Gruselstory mit dem Titel: Es rechnet sich nicht.

Postämter schließen, Krankenhäuser stoßen ihre Entbindungsstationen ab oder machen ganz zu, Bahnstrecken verrotten, kleine Orte veröden, DDR-Kulturhäuser sind schon lange verwahrlost, Bibliotheken und Bäckereien gehen ein, Seeufer werden privatisiert, ehemalige Alten- und Pflegeheime in Schlössern und schöner Lage an Hotelketten verscherbelt statt saniert, Schulen in Eigentumswohnungen umgewandelt. Soviel zu Jubel und Trubel im Jahr der runden Dreißig.

Keine Besserung in Sicht

Auf der Hauptstraße in Guthmannshausen zupft ein Mann sorgfältig Gras aus den Ritzen des Fußwegs. Viermal fährt ein Auto durch, ein Hund bellt, in einem Hof hängt Wäsche. Hier gibt es weder Apotheke noch Blumenladen. Für einen Freitagmittag ist es im Ort merkwürdig ruhig. Wo keine Arbeit ist, geht das Leben weg. Wenigstens die Agrargenossenschaft existiert noch, Feuerwehr und Kita. Wenn wieder Schule ist, toben Kinder auf dem Hof der Grundschule im Grünen. Früher gab es die Rosa-Luxemburg-Oberschule mit zehn Klassen. Der Name wurde als erstes abgeschafft. Die Weisung kam von oben, wahrscheinlich von Leuten, die Rosa Luxemburg, wenn es ihnen passt, gern zitieren: »Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.« Wer die Erinnerung an Luxemburg tilgt, wiederholt die Mordtat von 1919 und muss sich nicht wundern, dass Nazis aufmarschieren. In Guthmannshausen und anderswo.

Das war doch ein guter Name, sagt die Frau vor dem Bäckerwagen. Sie hätte ihn gelassen. Etwas will sie noch loswerden: Manche Leute vergessen ja, wofür sie mal waren. Sie nicht, frage ich. Nein. Dann muss sie aber wirklich weg.

So oder ähnlich liefen alle Gespräche. Alltagsgeschichten und Lebenssichten – Bewertung und Deutungshoheit darüber will sich keiner aus der Hand nehmen lassen. So werden Erinnerungen enteignet, wird Geschichte retuschiert. Immer ein bisschen mehr Umdeutung – von Jahrestag zu Jahrestag. Irgendwann weiß keiner mehr, wie es war. Worum es ging.

Im Juni 1993 fragte die Die Zeit den Schriftsteller Klaus Schlesinger (1937–2001), ob er »Sehnsucht nach der DDR« habe. Hier ein Ausschnitt aus seiner Antwort:

»Besserung ist nicht in Sicht. Aus dem ganzen Schlamassel führt vielleicht nur ein Weg. Der Westen müsste die moralische Größe aufbringen und die DDR noch einmal völkerrechtlich anerkennen. Sozusagen postum und mit allen Konsequenzen. Das könnte den Leuten, die im Osten geblieben sind, vielleicht das wiedergeben, was ihnen tagtäglich genommen wird: ihre Geschichte. (…) Ernsthaft, ich habe gar nichts mehr gegen unseren Beitritt. Kopfschmerzen macht mir nur, dass wir nie wieder austreten können.«

Am 6. und am 8. Januar 2018 erschien an dieser Stelle zuletzt ein Gespräch Burga Kalinowskis mit dem ehemaligen Direktor des Erfurter Schauspielhauses Ekkehard Kiesewetter (Teil 1, Teil 2).

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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