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Aus: Ausgabe vom 07.09.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Quindim-Kuchen

Von Maxi Wunder

Das Paradies wird in abendländischer Tradition auf dem Gebiet des heutigen Irak verortet, im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, dort, wo seit 2003 Krieg und Terror herrschen. Die Gegend gleicht heute eher der Hölle. Wenn Adam und Eva noch mal von vorne anfangen dürften, sie würden es im brasilianischen Urwald tun, am Amazonas, dachte ich mal bei einem Besuch vor einigen Jahren. Der Schlange würden sie ins Gesicht sagen: »Friss sie selber, deine doofe Frucht, und zisch ab, hier lassen wir uns nicht mehr rausschmeißen« – so überirdisch schön war diese Welt und so klang sie. Allein der Balzgesang des Japú, ein großer brauner Vogel mit blauen Augen, gelbem Schwanz und Schnabel, hört sich an, als würde ein Engel im Himmel beim Fensterputzen eine Quinte nach oben singen. Gleichzeitig macht der hübsche Kerl auf einem Ast stehend eine schwungvolle 180-Grad-Verbeugung mit dem gesamten Körper nach vorne und wieder zurück ohne herabzufallen. Diese akrobatische Leistung mit Gesang ist wohl einzigartig in der Vogelwelt. Die Damen seiner Spezies sind entsprechend interessiert, und so kann der »Psarocolius decumanus« es sich leisten, ein Schürzenjäger zu sein. Er lebt polygam, was die clusterhafte Anhäufung von geräumigen Hängenestern in einigen Baumkronen erklärt.

Doch jetzt ist Schluss mit lustig, Bolsonaro fackelt die Heimat des attraktiven Vogels und seiner Abertausenden Mitgeschöpfe ab, damit die Farmer mehr Platz haben für ihre Rinder und deren Nahrung, denn die weltweite Nachfrage nach Rindfleisch steigt. Im Weg sind den Bauern aber nicht nur Flora und Fauna, sondern auch die Uru-Eu-Wau-Wau, ein indigener Stamm in der Nähe von Porto Velho, der noch dazu die Jungs von der Gummi- und Zinnindustrie behindert. Entsprechend wird das kleine Volk attackiert. Aus Solidarität mit den Uru-Eu-Wau-Wau würde ich gerne ein traditionelles Urwaldrezept bringen, aber da dieser Stamm sich vorwiegend von Tapiren ernährt, die mit vergifteten Pfeilen erlegt werden, weiche ich auf ein leichter nachzuahmendes Dessert aus dem Rezeptbuch von Rafael Gustavo aus (Name von der Redaktion geändert). Der künstlerische Leiter einer Sambaschule hatte Bolsonaro beim letzten Karneval öffentlich kritisiert.

Quindim (Kokoskuchen): Man braucht zwei Eier, zehn Eigelb, 400 g Zucker, 250 g Kokosmilch, etwas Butter, 300 g Kokosraspeln und 100 g Rosinen. Zunächst schlägt man Eier und Eigelb schaumig und gibt den Zucker und die Kokosmilch hinzu. Dann lässt man einen Esslöffel Butter zerlaufen, da hinein gibt man die Kokosraspeln, schüttet alles zusammen, rührt kräftig und lässt die Masse zwei Stunden ziehen. Dann fettet man eine runde, feuerfeste Form mit etwas zerlassener Butter ein, bestäubt sie mit wenig Zucker und streut Rosinen aus. Darüber wird jetzt die Eier-Kokos-Masse gegossen. Den Teig in den auf 220 Grad vorgeheizten Ofen stellen und eine Stunde backen. Danach mit Alufolie bedecken und weiterbacken. Am Schluss mit dem Kuchen das gleiche machen wie die Brasilianer hoffentlich bald mit Bolsonaro: erkalten lassen und stürzen.

Der Schlange würden sie ins Gesicht sagen: Friss sie selber, deine doofe Frucht, und zisch ab, hier lassen wir uns nicht mehr rausschmeißen, so überirdisch schön ist diese Welt und so klingt sie.

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