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Aus: Ausgabe vom 07.09.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
»Volksrepublik Lugansk«

Alltag im Kriegsgebiet

Viele sind nach Lugansk zurückgekehrt. Respekt für ukrainische Kultur, Wunsch nach Annäherung an Russland. Ein Besuch in der »Volksrepublik«
Von Franziska Lindner
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Grenzverkehr am Checkpoint zwischen der Ukraine und der »Volksrepublik Lugansk«. Immer wieder kommen Zivilisten auf Lugansker Seite durch ukrainischen Beschuss ums Leben (Stanizja Luganska, 2.8.2019)

Der Tisch ist reichlich gedeckt. Neben verschiedenen Sorten Schaschlik, Soßen, frittierten Kartoffeln, Brot und Salat gibt es russisches Bier und trockenen italienischen Weißwein. Zigaretten und eine Wasserpfeife werden geraucht. In freundschaftlicher Runde sitzt man zu abendlicher Stunde auf der großzügigen Terrasse einer Karaokebar im Osten der Stadt Lugansk. Ausgedehnte Wohnviertel umgeben uns, Menschen schlendern zum nahegelegenen Park, sitzen zusammen auf den Bordsteinen oder tätigen Einkäufe in den kleinen Lebensmittelgeschäften nebenan. Am Tisch herrscht gesellige Stimmung, es wird über die Hitze, die Familie, Freunde und den letzten Klubbesuch gesprochen. Eine Straßenkatze bettelt um Fleischbrocken.

Gut fünf Jahre nach Beginn des gewaltvollen Abspaltungsprozesses der »Volksrepublik Lugansk« von der Ukraine scheint eine Art Alltag in das Kriegsgebiet eingekehrt zu sein. Seit sich die Lage im Jahr 2015 nach dem Kampf um Debalzewe zu beruhigen begann, sind viele Menschen in das Gebiet zurückgekehrt. Allein in der Stadt Lugansk schrumpfte die Einwohnerzahl in der Zeit der akuten Kämpfe von knapp einer halben Million auf etwa 150.000 Menschen. Heute leben dort nach offiziellen Schätzungen wieder 450.000 Menschen. Zunächst kamen die Ärmeren wieder, die bei Freunden oder Verwandten in Russland oder der Ukraine Aufnahme gefunden hatten. Ihnen folgten die Wohlhabenderen. Geschäfte werden neu oder wiedereröffnet, Wohnungen wieder bezogen, zerstörte Gebäude restauriert.

Eingeschränkte Möglichkeiten

Am Abendtisch bestätigt Daria Bestuschewa, eine 21jährige Luganskerin, diesen ersten Eindruck: »Im Unterschied zu 2014 und 2015 in der Phase des heißen Krieges führen wir ein recht normales Leben hier, es gibt jedoch ein paar Besonderheiten. Das ist in erster Linie die Ausgangssperre von 23 Uhr abends bis vier Uhr morgens, die besonders für die jungen Leute lästig ist. Aufhalten kann man sich nach 23 Uhr nur noch zu Hause oder höchstens im eigenen Wohnviertel abseits der Straßen«, fährt Daria fort. Die junge Frau hat sich nach eigenen Angaben bewusst dazu entschieden, mit ihrem Kleinkind in der »Volksrepublik« zu leben. Grund: die politischen Verhältnisse in der Ukraine.

Maxim Tschalenko, einen Mann mittleren Alters, stört die Ausgangssperre zuweilen ebenso. »Familienfeiern, Geburtstage und andere Jubiläen werden häufig schon am frühen Nachmittag begangen. Jeden Sonnabend und Sonntag finden irgendwelche Feiern statt. Ich wünsche mir mal ein freies Wochenende einfach zum Rumhängen«, erzählt er mir am Nachmittag des nächsten Tages in derselben Lokalität bei einer Tasse Kaffee und ein paar Zigaretten »made in Lugansk«. Maxim arbeitet als Manager für ein im Zuckerimport tätiges Unternehmen. Er hat Kenntnisse über die sozioökonomischen Strukturen in der »Volksrepublik«. Mit Blick auf seine eigene Unternehmenstätigkeit erklärt er, dass Zucker wie Brot, Mehl, Graupen oder Sonnenblumenöl in die Kategorie der sogenannten sozialen Konsumgüter falle. Diese werden mit einem Maximalpreis belegt, der auf Grundlage des Einkaufspreises in der Russischen Föderation errechnet wird. Auf diesen dürfen zur Erwirtschaftung unternehmerischen Profits nur maximal fünf Prozent aufgeschlagen werden. Dank dieser Maximalpreispolitik bleiben die wichtigsten Lebensmittel erschwinglich. Für Bedürftige wird zusätzlich öffentlich subventioniertes »Sozialbrot« zum halben Preis ausgegeben.

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Erinnerungstafel für die gefallenen Soldatinnen und Soldaten im Zentrum der Stadt Lugansk (August 2019)

Gemessen an den lokalen Einkommensverhältnissen, liegen die Preise dennoch hoch. Wohnraum ist jedoch vergleichsweise günstig, da die Mieten in Lugansk im Unterschied zur Ukraine seit 2014 nicht relevant gestiegen sind. Eine Kassiererin in Lugansk verdient 7.000 bis 8.000 Rubel, nach derzeitigem Kurs rund 95 bis 110 Euro. Mit diesem Einkommen lässt es sich als Einzelperson leben. Besser gestellt sind beispielsweise Soldaten, die ein Gehalt von rund 20.000 Rubel (etwa 275 Euro) beziehen. Gut situiert sind vor allem Familien, in denen eine Person in Russland beschäftigt ist und das Gehalt von dort transferiert.

Grundsätzlich funktioniert das Wirtschaftsleben. Es ist so gut wie alles verfügbar, wenn auch nicht immer in riesiger Auswahl oder bester Qualität. Die Regale der Kaufhallen, Baumärkte, Kleidungsgeschäfte und Spielzeugläden sind gut gefüllt. Auf täglich geöffneten Märkten reihen sich in vielen schmalen Gängen Geschäfte verschiedenen Angebots aneinander. Die Importe der »Volksrepublik« werden gänzlich über die Russische Föderation abgewickelt. Die Einfuhrgüter stammen aus Russland, Weißrussland und Kasachstan. Probleme treten dann auf, wenn Unternehmen spezielle Baustoffe für ihre Produktion benötigen, die über die Eurasische Wirtschaftsunion nicht erhältlich sind. Zuletzt fehlte beispielsweise in der Kleinelektronikproduktion Silberdraht zur Herstellung von Schaltern.

Auf der Exportseite haben vor allem Unternehmen, die vormals für den Weltmarkt produzierten, Schwierigkeiten, da ihre Absatzmärkte weggebrochen sind. Angesichts der fehlenden internationalen Anerkennung der »Volksrepublik Lugansk« sind sie auf Zwischenhändler angewiesen, um die Herkunft ihrer Produkte zu verbergen. Das betrifft unter anderem Sportartikelhersteller, die für die olympischen Spiele produzierten. Eine positive Bilanz ziehen dagegen Industriezweige, deren Hauptabsatzmarkt traditionell der russische ist, wie die Kohleindustrie und die Metallurgie. Eisenbahnräder werden sogar mehr nachgefragt, als produziert werden können. Schließlich unterliegen Finanztransaktionen einer Besonderheit. Sie werden gänzlich über die Zwischenstation Südossetien vollzogen, dauern damit länger und sind teurer. Die ihrerseits von Georgien abtrünnige und international weitgehend isolierte »Republik« ist das einzige Staatswesen, das die »Volksrepublik Lugansk« anerkannt hat.

Gemeinsame Geschichte

Über die Politik in einem nicht anerkannten Staat vermittelt Dmitrij Choroschilow, erster Vizepräsident des Volksrates der »Volksrepublik Lugansk«, einen Eindruck. Der 36jährige sitzt im Außenbereich eines Cafés im Zentrum der Stadt Lugansk. Er ist leger im T-Shirt gekleidet und hat seit 2014 das erste Mal ein paar Tage Urlaub. Der Blick ist frei auf eine nahegelegene Statue, bei der es sich um ein Monument des bedeutendsten ukrainischen Schriftstellers, Taras Schewtschenko, handelt. »Es ist Teil unserer Geschichte«, erklärt Choroschilow. »Wir lebten in der Ukraine. Niemals wurde dieses Denkmal vandalisiert oder gefordert, es zu zerstören. Sowohl Russisch als auch Ukrainisch sind als offizielle Sprachen in unserer Verfassung festgeschrieben. In der Schule ist Ukrainisch ein Unterrichtsfach, die Menschen singen ukrainische Lieder und erfahren dafür keine Repressionen«, betont er angesichts der Situation in der Ukraine. Dort wird staatlicherseits seit 2014 ein reaktionärer Nationalismus gefördert, die russische Sprache per Gesetz unterdrückt und die gemeinsame Geschichte negiert. Sowjetische Denkmäler wurden geschändet, sämtliche Lenin-Statuen gestürzt.

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Durch Raketenbeschuss zerstörter Baumarkt im Osten der Stadt Lugansk (August 2019)

»All die letzten Jahre haben die Herrschenden in der Ukraine bewiesen, dass sie sich dem Donbass, der ›Volksrepublik Lugansk‹ und der ›Volksrepublik Donezk‹, nicht annähern möchten. Nach Beginn des Krieges wurde in ukrainischen Medien behauptet, hier gebe es keine zivile Bevölkerung mehr, man könne das Gebiet einfach zerstören, da hier nur noch Terroristen lebten. Mit der harten Wirtschafts- und Handelsblockade stoßen sie den Donbass ab. Der Elektrizitätsstopp gefährdet die Versorgung der Bevölkerung. Wir können nur überleben, weil wir unsere Arbeit mit Russland und der ›Volksrepublik Donezk‹ koordiniert haben. Wir liefern den Donezker Kraftwerken Anthrazitkohle, und sie geben uns einen Teil der daraus gewonnenen Elektrizität«, erklärt der Vizepräsident. Die internationale Lage erschwert es, die ökonomische und soziale Situation der Bevölkerung zu verbessern. Dennoch hat der Präsident des Lugansker Volksrates, Leonid Pasetschnik, für das nächste Jahr erneut eine Steigerung der Renten und Gehälter angekündigt, in ähnlicher Höhe wie für 2019.

Choroschilow schaut zur Schewtschenko-Statue und erklärt, dass der Volksrat am Ergebnis des Referendums von 2014 über die staatliche Eigenständigkeit der »Volksrepublik Lugansk« festhält. Damals stimmte die übergroße Mehrheit der Bevölkerung für die Abspaltung von der Ukraine, in der nach dem Maidan-Putsch eine Gruppe aus neoliberalen Kräften einerseits und einem ultrarechten Lager andererseits die politische Kontrolle übernommen hatte. Zwischenzeitlich hatten die »Volksrepubliken« die Hoffnung gehegt, in die Russische Föderation aufgenommen zu werden, was allerdings nicht im Interesse der russischen Eliten lag und liegt. Die nun vor wenigen Monaten gestartete Vergabe russischer Pässe an die Bevölkerung der »Volksrepubliken« kommt wie ein verspätetes Trostpflaster daher. Dennoch löst sie spürbar Enthusiasmus aus, auch beim Vizepräsidenten: »Dieser Schritt öffnet die Türen für junge Menschen. Sie können jetzt Ausbildungsstätten und Universitäten in anderen Ländern besuchen. Sie können reisen.« Aufgrund der hohen Nachfrage würden derzeit neue Büros eröffnet, wo die Pässe beantragt und nach einer Wartezeit von drei bis vier Wochen abgeholt werden könnten.

Choroschilow unterbricht sich und liest eine Nachricht auf seinem Mobiltelefon. Strahlend berichtet er, dass soeben sein Neffe geboren sei: »Ein neuer Bürger in Lugansk.« Dann wird seine Miene ernst, und er resümiert: »Wir sind noch im Kriegszustand. Es sterben weiterhin Menschen, und Zivilisten leiden. Auch wenn das in Europa vielleicht vergessen wird.«

Andauernder Konflikt

Im Unterscheid zum weitgehend friedlichen Leben in der Stadt Lugansk stellt sich die Situation nahe der Frontlinie anders dar. Der immer wiederkehrende Beschuss durch die ukrainische Armee kostet Menschenleben. Das bestätigt Alexej Markow, Kommandeur des 14. Bataillons der Streitkräfte der »Volksrepublik Lugansk«, das für den Frontabschnitt nahe der Stadt Kirowsk, in der sich auch das Hauptquartier der Einheit befindet, verantwortlich ist: »Kürzlich, in der Nacht vom 20. zum 21. Juli, sah ich persönlich, wie einige Dutzend Mörsergranaten in der Stadt Perwomajsk einschlugen. Eine Zivilistin starb, und sieben weitere wurden verletzt. Die Einheiten der ukrainischen Armee greifen stets zivile Ziele an. Zuletzt feuerten sie eine Panzerabwehrrakete auf einen mit Kohle beladenen Lastkraftwagen.«

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»Sie werden niemals ein Gebiet anerkennen, in dem es keine Oligarchen gibt, in dem die Bevölkerung entscheidet und auch noch bewaffnet ist.«: Dimitrij ­Choroschilow, Vizepräsident des Volksrates (August 2019)

Der Konflikt ist festgefahren. Daran hat der diesjährige Präsidentschaftswechsel in der Ukraine nichts verändert. Wolodimir Selenskij gilt als Neuling in der Politik und hat keinen übermäßigen Einfluss auf diejenigen Oligarchenkreise, die in der Ukraine seit 2014 das politische Geschehen dominieren. »Würde Selenskij mit der russischen Regierung ein Übereinkommen über den Status des Donbass treffen, würde er von Timoschenko, Poroschenko und anderen als Verräter angeklagt. Denn offiziell bezeichnen sie diesen Krieg gegen uns als Krieg gegen Russland, um die Schuld an der miserablen wirtschaftlichen und sozialen Situation in der Ukraine einem äußeren Feind zuschieben zu können. Hier heißt es: Die Ukraine erklärt Russland den Krieg, aber Russland kommt nicht«, sagt Markow und lacht mit leichter Verbitterung.

Dann fährt er fort: »Um es offen zu sagen: Die ukrainischen und die russischen Oligarchen sind gleich. Sie stehen sich nahe genug, um eine gemeinsame Sprache statt einer wirklichen Lösung zu finden. Für sie ist die Existenz der ­›Volksrepubliken‹ ein Alptraum. Sie werden niemals ein Gebiet anerkennen, in dem es keine Oligarchen gibt, in dem die Bevölkerung entscheidet und auch noch bewaffnet ist. Die Situation ändert sich erst, wenn es zu einem wirklichen Politikwechsel in Kiew oder in Moskau kommt.«

Knapp zwei Stunden dauert die Fahrt von Kirowsk zurück in die Stadt Lugansk. Es ist heiß, das Flimmern des Asphalts ist über großen Schlaglöchern unterbrochen. Gebäude mit sichtbaren Kampfspuren, als vermint ausgeschilderte Felder, Obststände und hier und da ein Lenin-Denkmal ziehen vorbei. In Lugansk, wird es in einer Tanzbar bald spät. Auf einem riesigen Flachbildschirm läuft ein ukrainischer Musiksender. Laute Popmusik wird gespielt, die Sängerin wälzt sich im Latexanzug auf dem Boden. Gegen 22 Uhr wird der Nachtklub unter lautem Protest der vorwiegend jungen Leute geräumt. Die Ausgangssperre naht.

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