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Aus: Ausgabe vom 07.09.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Kragen geplatzt

Zu jW vom 18.7.: »Aus gegebenem Anlass«

Wenn Sie den letzten Sportbericht der Regierung lesen, wird klar, dass die eigene Unfähigkeit mit den Fehlern der Vorgänger gerechtfertigt werden soll. Dazu dient auch die Behauptung vom »Zwangsdoping« im Leistungssport der DDR. Je mehr Zeit seit 1990 vergangen ist, desto abenteuerlicher werden die Unterstellungen. In regelrechten PR-Aktionen hat die »Dopingopferhilfe« (DOH) ab 2018 in Mecklenburg-Vorpommern mit Unterstützung der Ärztekammer und der »Stasi«-Unterlagenbehörde zu einem Rundumschlag gegen den DDR-Sport ausgeholt. Im Ärzteblatt (2/2018) war zu lesen: »Die Ärztekammer geht voran. Aufklärung zum Staatsdoping in der DDR. Die Rede ist von Steroiden, Wachstumshormonen, Gendoping, Epo, Blutdoping, Psychopharmaka und deren Langzeitfolgen.« Dass ein Teil dieser heute üblichen Dopingmittel und -methoden in der DDR gar nicht verfügbar war, interessierte wenig. Bei der Formulierung des 1. und 2. Opferhilfegesetzes (2001/2006) sind allerdings dem Gesetzgeber im Eifer der DDR-Diffamierung handwerkliche Fehler unterlaufen. Voraussetzung für die Anerkennung als Opfer ist der Nachweis, dass »Dopingsub­stanzen ohne Wissen oder gegen den Willen des Sportlers verabreicht wurden, und ein fachärztliches Gutachten, dass Doping wenigstens zu 50 Prozent Ursache des Körperschadens sei«. Diese Formulierungen waren nebulös, meist konnte der Nachweis nicht zweifelsfrei erbracht werden. (…) Als wesentliche Dopingschäden wurden Depressionen und Verschleiß anerkannt. Ein fachlich-stichhaltiger Beweis steht noch aus. Wissenschaftliche Auswertungen in der Zeitschrift Neurologie (Heft 13/2015) belegen, dass beim Doping mit Androgenen die Häufigkeit von Depressionen im Spitzensport auch nicht höher als in der Normalbevölkerung liegt (17 Prozent). Nur durch Jonglieren mit der Statistik, eine gezielte Auswahl von Probanden sowie das Fehlen von internationalen Vergleichen kamen die Autoren zu der Erkenntnis, dass 60 Prozent aller ehemaligen Leistungssportler der DDR nach 40 Jahren noch oder erst jetzt an Depressionen erkrankt seien. Da im Leistungssport neben dem Erfolgsdruck, physischer und psychischer Beanspruchung und chronischem Stress vor allem soziale Faktoren für psychische Störungen verantwortlich sind, wäre aber die fehlende Integration von ehemaligen DDR-Leistungssportlern nach 1990 als Ursache zu diskutieren. Ähnlich sollte auch die Behauptung, dass der vorzeitige Verschleiß am Bewegungsapparat vorwiegend Dopingfolge ist, kritisch hinterfragt werden. In einem Bericht des Sportinformationsdiensts (11.3.2019) wurde auf die körperlichen Folgen bei Steffi Graf, ihrem Ehemann André Agassi und Boris Becker nach Karriereende aufmerksam gemacht. Ist es verwunderlich, dass dem Dopingfachmann Werner Franke der Kragen platzt, wenn fachliche Argumente bei der Arbeit der DOH keine Rolle gegenüber sportpolitischen Anschuldigungen spielen? Er wurde mit Gewalt abgehalten, seine Argumente bei einer Veranstaltung der DOH vorzutragen.

Dr. Gerd Machalett, Siedenbollentin

Schutz für Investoren

Zu jW vom 30.8.: »EU bleibt Bolsonaro treu«

Eine Ergänzung zu dem Geständnis der EU-Handelsdirektorin Sabine Weyand, dass für das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten kein Sanktionsmechanismus zum Schutz des brasilianischen Regenwalds vorgesehen sei (…). Mit Japan ist seit Februar 2019 ein Freihandelsabkommen (JEFTA) in Kraft, bei welchem der Schutz der als Weltnaturerbe ausgewiesenen Karpatenwälder und des Bialowieza-Nationalparks einfach »vergessen« wurde, sehr zur Freude der Holzindustrie. Hier wurden die Schiedsgerichte ebenso wie der Investitionsschutz, der das Abkommen zu einem völkerrechtlichen Vertrag gemacht hätte, in ein separates Abkommen verlagert, wodurch JEFTA zur Abstimmung nicht den nationalen Volksvertretungen vorgelegt werden muss, sondern nur dem EU-Parlament. Noam Chomsky meint, dass Freihandelsabkommen nichts mit »freiem Handel« zu tun hätten, größtenteils (…) seien sie Abmachungen, die die Rechte von Investoren schützten. Deshalb würden die Entwürfe der Abkommen vor der Öffentlichkeit geheimgehalten, denn es gehe in ihnen ausschließlich um den Schutz und den Profit der privatisierten Macht.

Iri Wolle, Berlin

Blaues Blut

Zu jW vom 2.9.: Online-Extra »Görlitzer Verhältnisse«

Es war der BRD-Staat selbst, welcher die AfD aus der Taufe gehoben hat. (…) Gegründet wurde die Partei 2013 in Oberursel/Hessen, einer einstigen Hochburg des preußischen Feudaladels. Die Wurzeln der AfD liegen im deutschen Feudaladel und dem preußischen Junkertum, deren Besitztümer in der Sowjetischen Besatzungszone nach 1945 enteignet wurden und in Volkseigentum übergingen (…). Mit dieser Vorgeschichte im Hinterkopf ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich gerade die AfD so auf den Osten fixiert hat.

Emil Schaarschmidt, Erfurt

Verdeckte Rettung

Zu jW vom 4.9.: »Steuerdiebe vor Gericht«

Der kritische Punkt bei den Cum-Ex-Geschäften liegt meines Erachtens hier: »Über die restlichen 25 Prozent erhält B eine Bescheinigung von seiner Bank, mit der auch er sich die Kapitalertragssteuer erstatten lassen kann.« Warum erkennt der Staat eine Bankbescheinigung als steuermindernd an, wenn sie gar nicht bescheinigt, dass real Steuern gezahlt wurden? Jeder Vorstand eines gemeinnützigen Vereins, der eine steuermindernde Zuwendungsbescheinigung ausstellt, die nicht auf einer tatsächlichen Spende beruht, handelt grob fahrlässig und unterliegt der sogenannten Spendenhaftung. Wenn also analog eine Bank eine steuermindernde Bescheinigung ausstellt, die nicht auf einer tatsächlichen Steuerzahlung beruht, müsste eigentlich sie haften für die fälschlich gezahlten Steuererstattungen, oder sehe ich das falsch? (…) Und wer hat eigentlich davon profitiert? Waren das betrügerische Einzelpersonen, oder waren unter den Profiteuren auch Kapitalgesellschaften? Man könnte auf den Verdacht kommen, dass hier eine verdeckte Bankenrettung betrieben wurde, die aus Opportunitätsgründen nicht so genannt werden durfte. Das wird hoffentlich in den Gerichtsverfahren geklärt werden.

Andreas Riekeberg, per E-Mail

Freihandelsabkommen haben nichts mit ›freiem Handel‹ zu tun. Es geht in ihnen ausschließlich um den Profit der privatisierten Macht.