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Aus: Ausgabe vom 06.09.2019, Seite 4 / Inland
Urteile im Lügde-Prozess

Spitze des Eisbergs

Kinderpornoring im nordrhein-westfälischen Lügde: Hohe Haftstrafen für zwei Haupttäter. Rolle der Polizei weiterhin unklar
Von Susan Bonath
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Aufgereihte Kinderschuhe als Teil einer Schweigeaktion für die »Kinder von Lügde« (Hameln, 27.3.2019)

Mehr als zwei Jahrzehnte lang trieb in Nordrhein-Westfalen ein Pädophilenring sein Unwesen. Ihre Taten, die sie vor allem auf einem Campingplatz in Lügde begingen, hielten die Männer auf Video fest. Wiederholt gingen bei den Behörden Hinweise auf Kindesmissbrauch ein. Doch diese wurden bis Ende 2018, als der Fall aufflog, kontinuierlich ignoriert. Am Donnerstag nun hat das Landgericht Detmold zwei der Haupttäter zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Der 56jährige Dauercamper Andreas V. muss 13 Jahre ins Gefängnis, der 34jährige Mario S. bekam eine Haftstrafe von zwölf Jahren. Darüber hinaus ordnete das Gericht für beide Männer eine anschließende Sicherheitsverwahrung an.

Mit diesem Strafmaß blieb die Kammer knapp unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. In mindestens 250 nachgewiesenen Fällen – wahrscheinlich mehr – sollen die Verurteilten nach Ansicht der Richter insgesamt 32 Kinder und Jugendliche schwer ­sexuell missbraucht haben. Bei beiden Männern hatte die Polizei Tausende Foto- und Filmdateien mit kinderpornographischem Material sichergestellt. Es ist die zweite Verurteilung im Fall Lügde. Im Juli hatte das­selbe Gericht den Mittäter Heiko V. in einem abgetrennten Verfahren zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er hatte in einigen Fällen bei den Verbrechen über das Internet zugeschaut und den Tätern dabei Anweisungen gegeben, wie er selbst einräumte. Gegen das Urteil hat die Staatsanwaltschaft Revision eingelegt. Sie, die Nebenkläger und Kinderschutzorganisationen kritisierten das Strafmaß als viel zu mild.

Einige der Opfer des Pädophilenrings waren zur Tatzeit noch im Kindergartenalter. Darunter befindet sich auch die heute achtjährige Pflegetochter von Andreas V., die im Prozess selbst ausgesagt hatte. Das Jugendamt hatte 2016 das Mädchen als Sechsjährige auf Wunsch von dessen Mutter seinem Peiniger überlassen. Dabei lagen der Polizei bereits im Jahr 2001 konkrete Hinweise auf Kindesmissbrauch durch V. vor, wie sich im Prozess herausstellte. Die Mutter eines anderen Kindes soll seinerzeit Anzeige erstattet haben. Erst nach langem Zögern und weiteren Hinweisen habe die Polizei auch ermittelt. Dies sei allerdings im Sande verlaufen.

2008 sei der Polizei erneut eine Verdachtsmeldung auf Kindesmissbrauch durch den Verurteilten zugegangen. Diese habe nur das Jugendamt informiert, passiert sei nichts. An dieses und weitere Behörden soll sich auch der damals erst 22jährige Vater des Mädchens gewandt haben, der von der Mutter getrennt lebe. Er habe sie auf das verwahrloste Wohnumfeld und weitere Merkwürdigkeiten aufmerksam gemacht. Trotzdem schritten die Behörden erst knapp zwei Jahre später ein – nachdem der Verdacht gegen V. gegenüber einer anderen Polizeidienststelle im niedersächsischen Bad Pyrmont geäußert wurde.

Insgesamt gibt es im Fall Lügde neben den drei Verurteilten sechs weitere Verdächtige und mindestens 40 Opfer. Der Skandal warf dunkle Schatten auf die Polizei im Landkreis Lippe und in ganz Nordrhein-Westfalen. Im Frühjahr war das von Herbert Reul (CDU) geleitete Landesinnenministerium auf 15 Beamte gestoßen, gegen die vor Jahren selbst wegen Kindesmissbrauchs ermittelt worden war, darunter ein Polizeidirektor, unter dessen Leitung die Ermittlungen begonnen hatten. Dabei waren zahlreiche beweiskräftige Bild- und Videodateien verschwunden. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe versetzte Reul den Mann in den Innendienst. Aktuell wird im Zusammenhang mit dem Fall etwa gegen ein Dutzend Beamte ermittelt, darunter Polizisten und Mitarbeiter des Jugendamtes. Opferanwälte vermuteten während des Prozesses, dass es sich bei den bekannt gewordenen Details wohl »nur um die Spitze eines Eisbergs handelt«.

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