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Aus: Ausgabe vom 05.09.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Kino

Ganz andere Menschen

»Und der Zukunft zugewandt«, der neue Film von Bernd Böhlich
Von Matthias Krauß
Voller Hoffnung auf ein neues Leben in der jungen DDR: Antonia B
»Am Ende verbrennt sie ihr Lagertagebuch« – Antonia (Alexandra Maria Lara) mit Kind und Konrad (Robert Stadlober)

Ein Spielfilm über die DDR, zum 30. Jahrestag des Mauerfalls von öffentlich-rechtlichen Sendern in Auftrag gegeben – meine Erwartungen waren nicht eben hoch. Tatsächlich werden im neuen Film von Bernd Böhlich, »Und der Zukunft zugewandt«, zunächst alle Geschütze der Nachwende-Aufarbeitungsschinken aufgefahren: moralischer Zwiespalt, geschundene Seelen, Widerspruch zwischen Schein und Sein, Stasi-Verrat. Man ist dergleichen überdrüssig. Böhlich beginnt mit einem Alptraum in einem sibirischem Arbeitslager: Ein deutscher Häftling wird erschossen. Er hatte sein Kind zum Geburtstag besucht, was ihm als Fluchtversuch ausgelegt wurde. Aber dann kommt es überraschend: Drei Frauen, alle unschuldig inhaftiert, alle ehemals sozialistische Funktionsträgerinnen, kommen auf Ini­tiative der DDR frei und reisen dorthin aus. Wir befinden uns Anfang der 50er Jahre. In einer brandenburgischen Gemeinde, in der »die erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden« entsteht, Eisenhüttenstadt, werden die Frauen gut empfangen und fürsorglich behandelt. Sie beziehen Wohnungen, nach damaligen Maßstäben sehr gute, bekommen anspruchsvolle Arbeit, Perspektiven. Das schwerkranke Kind der Hauptfigur Antonia (Alexandra Maria Lara) kann gerettet werden. Durchgängig ist das ehrliche Bemühen der SED-Funktionäre aller Ebenen zu spüren, diese Frauen, soweit möglich, für das erfahrene Leid zu entschädigen. Einzige Bedingung: Sie müssen über das Lager in der Sowjetunion Schweigen bewahren. Das unterschreiben sie mehr oder weniger widerwillig.

»Jetzt fangen wir ganz neu an«, heißt es an einer Stelle des Films, aber natürlich leben die drei Frauen weiter in Zwängen und Widersprüchen, bleiben ihnen Enttäuschungen nicht erspart. »Unsere Revolution ist kein Wunschkonzert«, sagt Parteisekretär Leo Silberstein (Stefan Kurt). Zwei Frauen entscheiden sich für den Aufbau der DDR, die dritte geht in den Westen und wird eine erklärte Feindin des Arbeiterstaates. Beide Seiten kommen zu ihrem Recht, das heißt, die Gründe, sich für die DDR zu entscheiden, erscheinen um nichts schlechter, dümmer, verworfener oder schäbiger als die Gründe, sie zu verlassen und zu bekämpfen. Der Film ist weit weg von dem Märchen, in dem das Böse in der DDR die Macht an sich reißt, und in der BRD das Gute wirkt. Alles war viel komplizierter, vielschichtiger, uneindeutiger.

Die Schweigeverpflichtung lastet auf Antonia – am Ende verbrennt sie ihr Lagertagebuch, streicht die fürchterlichen Jahre aus ihrem Leben, wie es von ihr gefordert wird. Leicht macht es sich der Film auch an dieser Stelle nicht. Gab es angesichts der enorm schwierigen, geradezu verzweifelten wirtschaftlichen und sozialen Lage in der DDR, angesichts einer bettelarmen, kriegszerstörten und misstrauischen Besatzungsmacht und der westlichen Konkurrenz, der Massenflucht in den Westen eine Alternative zu dieser Art von Betäubung? War das nicht unumgänglich, um die wenigen Pflänzchen der Hoffnung zu schützen?
Der Film stellt heutige Grundvorstellungen über die DDR auf den Prüfstand, nach denen nicht vergeben oder vergessen werden soll, also: Wunden aufreißen, am Vernarben hindern. Ist dieses endlose Herumbohren nicht einfach nur großer Mist und macht alle Seiten nur noch kranker? Hinterher alles besser wissen zu wollen, ist kindisch, wenigstens unhistorisch. Aus den Ereignissen von 1989 lässt sich nicht schließen, dass 1952 alles falsch war, was im Osten Deutschlands geschah.

Jüngeren Zuschauern kann der Film vielleicht vermitteln, was Leute in der jungen DDR zu dieser oder jener Entscheidung veranlasste. Es ist erst zwei, drei Generationen her, dass Eisenhüttenstadt aufgebaut wurde, aber das waren ganz andere Menschen, die unter ganz anderen Bedingungen handelten, hochgradig idealistisch, mit einem Maß an Entsagung und Selbstverleugnung, das der Jugend von heute schwer verständlich sein dürfte. Sie muss sich in einer Welt zurechtfinden, die von Hedonismus und Egoismus geprägt ist.

Der Filmtitel ist eine Zeile aus der besten Nationalhymne, die es jemals in Deutschland gegeben hat. Noch besser wäre vielleicht die Benennung nach einem anderen Arbeiterlied gewesen, das im Film eine zentrale Rolle spielt: »Brüder, seht die rote Fahne …«.

Nicht recht glaubhaft ist, dass die Staatssicherheit in Verhören ihre Zuträger »auffliegen« lässt. Beinahe ärgerlich die Zeichnung von Antonias Geliebtem (Robert Stadlober), der als Arzt schließlich doch in den Westen geht. Die rund 20.000 Ärzte, die Ostdeutschland bis 1961 Richtung Westen verließen, taten dies nicht, weil ihnen die DDR zu wenig kommunistisch war. Sie ließen ihre ostdeutschen Patienten im Stich, weil sie einfach Kasse machen wollten

»Und der Zukunft zugewandt«, Regie: Bernd Böhlich, D 2019, 108 min, Kinostart heute

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. ( 5. September 2019 um 07:49 Uhr)
    Ich habe durchaus ein Problem mit dem politisch eindeutig antikommunistisch belegten Begriff »Mauerfall«, besonders wenn er in mehreren jW-Artikeln offenbar bedenkenlos und ohne weitere Kommentierung verwendet wird. Gedankenlosigkeit oder politische Absicht der Autoren? Was denkt sich die Redaktion dabei?
  • Beitrag von Matthias M. aus H. ( 5. September 2019 um 13:09 Uhr)
    »Der Film stellt heutige Grundvorstellungen über die DDR auf den Prüfstand, nach denen nicht vergeben oder vergessen werden soll, also: Wunden aufreißen, am Vernarben hindern. Ist dieses endlose Herumbohren nicht einfach nur großer Mist und macht alle Seiten nur noch kranker?«

    Wunden nicht immer wieder aufreißen, sondern heilen und vernarben lassen und, wenn man kann, vergeben – gerne. Aber bitte nicht vergessen. Das ist »Gras drüber wachsen lassen« oder der berühmte u. a. Straußsche Schlussstrich, wo ich gehofft hatte, diese unselige Debatte müsste nie wieder geführt werden.