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Aus: Ausgabe vom 05.09.2019, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Landwirtschaft und Klimaschutz

»Man muss sich mit dem Kapital anlegen«

Auch Handelspolitik der BRD befeuert Erderwärmung, unter anderem durch Düngerproduktion und Fleischimporte. Ein Gespräch mit Friederike Schmitz
Interview: Christof Mackinger
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Rinderherde inmitten eines frisch abgebrannten Waldstücks des Amazonas-Dschungels (Apui, 3.9.2019)

Dieses Jahr brennen im brasilianischen Amazonas 83 Prozent mehr Fläche als noch im Vorjahr. Was hat das mit uns zu tun?

Mit unserem Konsum und unseren Handelsbeziehungen schaffen wir entsprechende Anreize für die Abholzung und Feuerlegungen. Denn die dienen auch der Weidewirtschaft und dem Futtermittelanbau. Deutschland importiert Futtermittel im großen Stil, ebenso wie Rindfleisch. 2017 belegten die Sojaimporte aus Nord- und Südamerika in die EU eine Anbaufläche von 13 Millionen Hektar. Das ist fast soviel wie die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche Deutschlands.

Natürlich könnte die Regierung auch über das aktuell diskutierte Mercosur-Handelsabkommen Druck ausüben, mit dem der Handel zwischen Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay und der EU intensiviert werden soll. Deutschland will unter anderem mehr Autos exportieren, während Rindfleisch ein wichtiges Importgut wäre.

Wie bewerten Sie das?

Das ist grotesk. Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Faktor, was den Ausstoß von Treibhausgasen angeht, die Tierhaltung nimmt dabei den größten Anteil ein. Sie bringt hohe Emissionen mit sich sowie eine Verschwendung von Ressourcen und Flächen. Die Erzeugung von Tierprodukten nimmt weltweit 83 Prozent der genutzten Fläche in Beschlag und liefert dabei nur 18 Prozent der Kalorien.

Welchen Sinn sehen Sie in einer CO2- oder Fleischsteuer?

Es ist einerseits sinnvoll, Schäden, die ein bestimmter Konsum mit sich bringt, einzupreisen, sofern die soziale Gerechtigkeit gewährleistet ist. Denn damit wird lediglich ein Teil der ansonsten externalisierten Kosten eingepreist. Probleme über höhere Preise lösen zu wollen, setzt andererseits aber die Idee voraus: »Du darfst das Klima kaputtmachen, wenn du nur reich genug bist«. Das ist generell problematisch.

Bei der Fleischsteuer hingegen ging es vor allem um eine Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes, der bei Fleisch wie bei Grundnahrungsmitteln bei sieben Prozent liegt. Es ginge lediglich darum, diese Bevorteilung aufzuheben, was längst überfällig ist. Für eine grundsätzliche Umstrukturierung des Agrar­sektors, wie wir sie brauchen, kommt aber diese Steueränderung nicht mal in die Nähe einer Lösung.

Und welche stellen Sie sich vor?

Mit der gegebenen Wachstumsorientierung, immer stärkerem Ressourcenverbrauch und Wettbewerbsverhältnissen schaffen wir die Reduktion der Emissionen nicht. Ich bin ein großer Fan von alternativen Wirtschaftsformen, wobei auch im bestehenden System vieles möglich ist: Betriebe können übernommen und ein Stück weit anders organisiert werden. Man wird nicht darum her­umkommen, Eigentumsfragen zu stellen sowie Industrien und Einzelpersonen zu enteignen, um dann entsprechende Flächen und Güter gemeinnützig nutzen zu können. Man muss sich mit dem Kapital anlegen.

Was hilft im Gegensatz dazu die Veränderung individueller Konsummuster?

Der praktische Einfluss durch eine veränderte Nachfrage ist verschwindend gering. Aber es ist wichtig, individuell möglichst fair, gewaltfrei und klimaverträglich zu konsumieren. Damit schafft man eine andere Kultur, in der zu einem guten Essen keine Tierprodukte mehr gehören. Wir müssen eine Ernährungspraxis schaffen, die gekoppelt ist an eine andere Praxis in der Landwirtschaft. Das ist aber nicht das einzige, wo man politisch was bewegen kann.

Wo denn noch?

Unter anderem in den Tierrechts- und Klimabewegungen, die unter anderem mit Aktionen zivilen Ungehorsams politischen Druck erzeugen. Vom 19. bis 25. September findet zum Beispiel das »Free the Soil«-Camp nordwestlich von Hamburg statt. Geplant ist eine Massenaktion gegen den zweitgrößten Düngemittel-Konzern der Welt, denn Kunstdünger braucht in der Herstellung viel Energie und schädigt auf Dauer den Boden. Das beeinträchtigt auch seine Fähigkeit, Kohlenstoff zu speichern oder Treibhausgase einzulagern. Kunstdünger steht für ein System der Landwirtschaft, das nicht nachhaltig und umweltverträglich ist.

Friederike Schmitz ist Autorin und Herausgeberin des Sammelbandes »Tierethik« im Suhrkamp-Verlag sowie bei der Klimaschutzbewegung »Extinction Rebellion« und im Berliner »Tierfabriken-Widerstand« aktiv

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