Gegründet 1947 Dienstag, 12. November 2019, Nr. 263
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 03.09.2019, Seite 11 / Feuilleton
Ausstellung

Was die DDR war

Macht neugierig: Eine Ausstellung des Vereins »Unentdecktes Land« auf dem Berliner Alexanderplatz
Von Martin Küpper
S 11.jpg
Sachkunde im Einheitsbrei

»Leistungen zeigen, Verständnis fördern«, lautet die Parole der Bundesregierung zu den geplanten Feierlichkeiten rund um 30 Jahre Mauerfall und Anschluss der DDR. »Das Herzstück« des Jubiläumsjahres bilde »ein Bürgerdialog«. In der gesamten Bundesrepublik wolle man »das Erreichte stärken« und »bestehende Herausforderungen thematisieren«. Die dafür eingesetzte Kommission unter Leitung von Matthias Platzeck wollte bis Mitte August ein Konzept liefern. Statt mit einem Ablaufplan machte das Gremium aber bisher nur durch Streitigkeiten auf sich aufmerksam. Es scheint Sand im Getriebe zu stecken. Zunächst wurde die Geldsumme für die Festivitäten im Eilverfahren genehmigt, sodann wurden antikommunistische Vereine – zu ihrem eigenen Bedauern – nicht einbezogen.

Die übliche Erinnerungspolitik wird zu diesem Jubiläum unter erschwerten Bedingungen betrieben. Wahlkampf und Erfolge der AfD scheinen veränderte Blickwinkel und Standpunkte fast zu erzwingen. Dass an der DDR aber deshalb auch nur ein gutes Haar gelassen würde, ist nicht zu erwarten. Wie gehabt geistern die immer selben Geschichten von Unterdrückung, Gewalt und Niedertracht in der »SED-Diktatur« durch die Medien.

Um diesem Einheitsbrei etwas entgegenzusetzen, wird in der Freiluftausstellung »Unentdecktes Land« des gleichnamigen Vereins auf dem Berliner Alexanderplatz seit dem vergangenen Sonnabend die Frage gestellt, was die DDR war. Auf 50 Schautafeln, die auch in Katalogform erhältlich sind, werden zunächst die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen für den Aufbau präsentiert. Es folgen erhellende Einblicke in Betriebe und Kombinate. Der ökonomische Stand der Dinge vor 1989 wird reflektiert. Minutiös wird der Anschluss nachgezeichnet – unter Berücksichtigung politischer, juristischer und ökonomischer Aspekte.

Nach landläufiger Meinung war die DDR nur »marode«, die Ausstellungsmacher schätzen ihren Wert auf mindestens 1,4 Billionen D-Mark. Welche Rolle die Treuhand bei Veräußerung bzw. Vernichtung dieses immensen Volkseigentums spielte, wird entgegen den Gepflogenheiten klar benannt. Es war nicht so, dass Fehler des Personals oder dessen Unwissen über ökonomische Zusammenhänge die Behörde zuweilen straucheln ließen. Ihr skrupelloses Vorgehen bei der Deindustrialisierung des Ostens folgte Regeln, die politische Rückendeckung durch die Bundesministerien für Wirtschaft und für Finanzen war garantiert. Die Industrieproduktion der DDR wurde zu drei Vierteln zerstört. Die verheerenden sozialen Folgen trafen insbesondere Frauen. 1993 stellten sie fast zwei Drittel aller Arbeitslosen.

Die Bundesrepublik wusste unterdessen die neuen Besitzstände zu ihren Zwecken einzusetzen. Besonders makaber: Teile des angeeigneten Bestands der NVA wurden ans türkische und indonesische Militär verkauft. Letzteres setzte die erworbenen Landungsschiffe Ende der 90er Jahre im Krieg um Osttimor ein.

Abgerundet wird das Bild in der Ausstellung durch thematische Schwerpunkte wie den Umgang mit dem Faschismus, die Wohnungspolitik und das Rechtssystem. Einzigartig waren z. B. die sogenannten gesellschaftlichen Gerichte der DDR. Im Wohnumfeld oder in den Betrieben wurden Konflikt- bzw. Schiedskommissionen gebildet, durch Wahl der Mitglieder aus der Mitte der Kollektive. Kleinere Streitigkeiten konnten so außergerichtlich gelöst werden. Die Bevölkerung wurde mit der Rechtspflege vertraut gemacht und dazu angehalten, ihre Konflikte selbständig zu lösen. Mit dem Ende der DDR war das passé, wie man auf dem Alex erfährt. Heute prägen »Anwaltszwang, horrende Prozesskosten, Kriminalisierung durch Bagatelldelikte« die gesellschaftliche Konfliktbewältigung.

Die Ausstellung liefert tiefe Einblicke in die Geschichte der DDR, erläutert sachkundig und anschaulich Voraussetzungen und Möglichkeiten ihrer Entwicklung. Immer wieder schlägt sie den Bogen von der Vergangenheit zum Jetzt. Vor allem aber weckt sie Neugier auf ein noch unentdecktes Land.

noch bis 8. September, täglich 10 bis 18 Uhr, Alexanderplatz, Berlin-Mitte

www.unentdecktes-land.org

Ähnliche:

  • Gehört zu den wenigen Höhepunkten: Doris Zieglers »Große Passage...
    24.08.2019

    Die Absicht war eine andere

    A propos »Umbruch in der ostdeutschen Kunst«: Zu den riesigen Lücken der »Point of No Return«-Ausstellung in Leipzig
  • Der Geigenspieler (1928), Öl auf Leinwand, 150 x 100 cm, Muzeum ...
    25.04.2019

    Der hebräische Rembrandt

    Den Nazis galt seine Kunst als »entartet« – vor 70 Jahren starb der polnische Maler Jankel Adler im Londoner Exil

Regio:

Mehr aus: Feuilleton