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Aus: Ausgabe vom 31.08.2019, Seite 12 / Thema
Zweiter Weltkrieg

Weltenbrand entfacht

Vor 80 Jahren überfiel die Deutsche Wehrmacht Polen. Damit begann der bisher verheerendste Krieg der Menschheitsgeschichte
Von Martin Seckendorf
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Von langer Hand geplanter Überfall, aber als Notwehr getarnt – Mit dem »Blitzkrieg« der Nazis gegen Polen begann der Zweite Weltkrieg

Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg war der Versuch des deutschen Imperialismus gescheitert, die Welt neu aufzuteilen und die Vorherrschaft zu erzwingen. Die Siegermächte oktroyierten dem Deutschen Reich im Versailler Vertrag schwerwiegende politische und ökonomische Einschränkungen und territoriale Gebietsverluste. Deutschland wurde damit zu einer zweitrangigen Macht. Das Grundanliegen aller Regierungen in der Weimarer Republik war die Beseitigung der Vertragsfolgen und die Herstellung des Zustandes vor dem Ersten Weltkrieg als Ausgangspunkt für einen erneuten, diesmal besser vorzubereitenden Griff nach der Weltmacht. Gottlieb Treviranus, Reichsminister für die besetzten Gebiete, schrieb am 24. Juni 1930 dem Auswärtigen Amt, Ziel der Außenpolitik sei es, »für das Deutsche Reich in politischer, militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht die Normallage einer europäischen Großmacht wiederzugewinnen«.

»Polen muss verschwinden«

Die als besonders schmachvoll empfundenen Bestimmungen des Versailler Vertrages betrafen die Gebietsabtrennungen im Osten und den Zwang zur Anerkennung der 1918 entstandenen Republik Polen. Die Warschauer Regierung erhielt durch den Vertrag und weitere »Erwerbungen« nach dem Krieg knapp neun Prozent des ehemaligen deutschen Staatsgebiets mit fast 3,8 Millionen Einwohnern; nicht dazu gehörte die Stadt Danzig, die dem Völkerbund unterstellt wurde. Die ökonomische und politische Machtbasis des deutschen Imperialismus im Osten war damit erheblich geschwächt. Mit dem neuen Polen, das enge Verbindungen zum »Erzfeind« Frankreich unterhielt und einen wichtigen Bestandteil des von den westlichen Mächten aufgebauten Cordon sanitaire darstellte, war eine schwer zu überwindende Barriere in der traditionellen Expansionshauptrichtung und eine Bedrohung bei möglichen deutschen Aktionen in Richtung Westen entstanden. Am 11. September 1922 schrieb der Chef der Reichswehr-Heeresleitung, Hans von Seeckt: »Polens Existenz ist unerträglich und unvereinbar mit den Lebensbedingungen Deutschlands. Es muss verschwinden und wird verschwinden.«

Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wurden jenen mächtigen politischen Gruppen die Staatsgeschäfte übertragen, die seit Anfang der 1920er Jahre die Fesseln des Versailler Vertrages lösen wollten und auf die Eroberung des Ostens hinarbeiteten. In seiner Programmschrift »Mein Kampf« forderte Hitler 1925 »neuen Grund und Boden« in »Russland und (in den) ihm untertanen Randstaaten«, also im Baltikum. Vier Tage nach der Ernennung zum Reichskanzler, am 3. Februar 1933, suchte er den programmatischen Schulterschluss mit der Reichswehrführung. Er erklärte, seine Regierung werde im Innern eine terroristische Diktatur errichten und die in der Weimarer Republik eingeleitete Hochrüstung und Militarisierung der Gesellschaft erweitern und beschleunigen. Die politische Macht und die militärische Stärke würden zur »Eroberung neuen Lebensraums im Osten« eingesetzt.

Die Regierung ging sofort an die Verwirklichung der Pläne. Um sich dabei internationalen Kontrollen und Bindungen zu entziehen, verließ Deutschland im Oktober 1933 die Abrüstungskonferenz und trat aus dem Völkerbund aus. Die Nazis verfolgten statt dessen in der Außenpolitik eine Bilateralisierungsstrategie. Damit sollten »feindliche« Koalitionen aufgeweicht und jedes Land einzeln in den zu schaffenden deutschen Einflussbereich eingebunden werden.

Geheuchelte Freundschaft

Im Sommer 1933 begannen zwischen Berlin und Warschau Gespräche, die am 26. Januar 1934 mit einer gemeinsamen »Erklärung« ihren Abschluss fanden. Darin verpflichteten sich beide Staaten für zehn Jahre zum Verzicht auf Anwendung von Gewalt und zu einem gutnachbarlichen Verhältnis. Ein geheimes Zusatzabkommen legte fest, die Medien anzuhalten, die freundschaftlichen Beziehungen zu unterstreichen und das Verbindende zu betonen. Berlin, das durch den Terror gegen die Opposition im Land und den Austritt aus dem Völkerbund isoliert war, fand in Polen einen wichtigen Verbündeten. Das französisch dominierte Sicherheitssystem in Osteuropa wurde an der entscheidenden geographischen und politischen Stelle durchbrochen. Polen erhoffte sich von der »Erklärung« Ruhe an der deutschen Grenze und Vorteile für die krisengeschüttelte polnische Wirtschaft.

Die internationale Öffentlichkeit war überrascht. Journalisten, wie der Sonderkorrespondent der Londoner Daily Mail, Ward Price, kamen den Intentionen der Naziführer ziemlich nahe. Er schrieb am 17. Februar 1934, dass »einige Leute« in dem Coup die Absicht erkannt haben wollen, die Grundlage »für einen gemeinsamen Angriff Deutschlands und Polens auf Russland« zu bilden »mit Hinblick auf Gebietserwerbungen«.

Polen propagierte den Kurswechsel als Ausdruck politischer Äquidistanz zu Moskau und Berlin. Tatsächlich orientierte Warschau auf eine Art Bündnis mit Berlin. Die Deutschen erhielten »Rückendeckung« bei den riskanten ersten Aktionen gegen den Versailler Vertrag. So bei der Einführung der Wehrpflicht 1935 und bei dem für das Naziregime gefährlichsten Schritt, dem Einmarsch der Wehrmacht in die entmilitarisierte Zone im Rheinland 1936. Bei der Annexion Österreichs 1938 hielt Polen ebenfalls zu den deutschen Faschisten. Warschau beteiligte sich zudem aktiv an der Zerschlagung der Tschechoslowakei. Anfang Oktober 1938 besetzten polnische Truppen das Olsagebiet westlich von Teschen.

Die Warschauer Politik brachte Polen neben der internationalen Isolierung wegen der Kollaboration mit den Nazis auch innenpolitische Probleme. Den deutschen Faschisten war es möglich, unter den in Polen lebenden Deutschen faschistische Propaganda zu verbreiten und mittels gewaltiger Finanzspritzen, weitgehend ohne Behelligung durch polnische Behörden, große Organisationen der deutschen Minderheit aufzubauen, an deren Spitze radikale Nazis traten.

Auf einen besonderen Vorteil wies der Generalstabschef des Heeres, Franz Halder, im April 1939 vor anderen Militärs hin: »Wir haben in den Jahren der guten Beziehungen zu Polen ausreichend Gelegenheit gehabt, (…) um die polnische Armee zu studieren. (…) Wir wissen wen wir vor uns haben, (…) also keinen ernstzunehmenden Gegner«. In den deutschen Planungen war Polen bei der weiteren Eroberung »deutschen Lebensraums« entweder Vasall oder unterworfenes Opfer, in jedem Fall, wie Hitler später erklärte, »deutsches Aufmarschgebiet für (die) Zukunft«.

Zunächst setzten die Deutschen auf die Gewinnung Polens als Vasall in einem Krieg gegen die UdSSR oder die Westmächte. Befördert wurde die enge Zusammenarbeit der Machthaber in Berlin und Warschau durch deren ideologische Nähe, sprich: »Russophobie«, fanatischer Antikommunismus und Antisemitismus. Außerdem unterstützte Berlin verbal polnische Pläne, von der Ostsee über das Schwarze Meer bis zur Adria eine antisowjetische Front zu bilden.

Am 11. August 1938 teilte der »zweite Mann« in der Nazihierarchie, Hermann Göring, dem polnischen Botschafter in Berlin, Jozef Lipski, mit, dass nun, »nach der Lösung der tschechischen Frage das ›russische Problem‹« aktuell werde, und es daher an der Zeit sei, Fragen »einer weiteren polnisch-deutschen Annäherung« zu erörtern. Bei einem gemeinsamen Feldzug werde Deutschland sich »vor allem darauf konzentriere(n), den bolschewistischen Aktionen ein Ende zu setzen«. Polen könnte »unmittelbar in Russland, z. B. in der Ukraine, bestimmte Interessen verfolgen«.

Die Atmosphäre der immer engeren Zusammenarbeit sollte genutzt werden, um zu einer, wie Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop äußerte, »Generalbereinigung aller bestehenden Reibungsmöglichkeiten«, zu einer »Globallösung« zwischen Deutschland und Polen zu kommen. Am 24. Oktober 1938 unterbreitete er Botschafter Lipski einen Acht-Punkte-Plan. Dessen Kernforderungen lauteten: Polen stimmt der Angliederung von Danzig an Deutschland und der Errichtung einer durch polnisches Gebiet führenden Bahn- und Straßenverbindung zu. Außerdem sollte Polen dem Antikominternpakt, dem seit 1936 existierenden Bündnis zwischen dem Japanischen Kaiserreich und dem Deutschen Reich, dem sich Ende 1937 auch Italien angeschlossen hatte, beitreten.

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Der deutsche Überfall auf Polen erfolgte von drei Seiten. Angesichts der militärischen Übermacht des Feindes kapitulierte die polnische Armee am 6. Oktober

Warschau lehnte den deutschen Plan am 26. März 1939 ab. Das Land wäre im Falle der Zustimmung nicht mehr Herr über einen wichtigen Teil seines Staatsgebietes gewesen, durch die offene Kollaboration mit Berlin in Westeuropa noch stärker geächtet worden und zudem in eine gefährliche Frontstellung mit der UdSSR geraten. Botschafter Lipski wertete die ultimativ vorgetragenen deutschen Forderungen als Beleg dafür, »dass die Deutschen beschlossen haben, ihr Ostprogramm rasch zu verwirklichen«, und feststellen wollten, »welche Haltung Polen definitiv einnehmen werde«. Die daraufhin einsetzende hysterische antipolnische Propaganda und die Aktivierung der als 5. Kolonne aufgebauten deutschen Minderheitsorganisationen wurden als Zeichen dafür angesehen, dass Berlin Polen als Feind betrachtet.

Angriffsplanung

Seit März 1939 stand für die Nazis fest, Polen zu gegebener Zeit anzugreifen. Am 8. März äußerte Hitler vor Vertretern der Wirtschaft, der NSDAP und der Generalität, zur Ausdehnung des »deutschen Lebensraumes« sei Befehl gegeben worden »nicht später als am 15. März, die Tschechoslowakei militärisch zu besetzen«. Er fügte hinzu: »Polen wird folgen (…). Deutsche Herrschaft über Polen ist notwendig«. Bei den Vorbereitungen für den Überfall ging die deutsche Führung von einer Überlegenheit der Wehrmacht gegenüber den Armeen Polens, Frankreichs und Großbritannien aus. Georg Thomas, Chef des Wehrwirtschaftsamtes im Oberkommando der Wehrmacht, der als Verbindungsmann der Großindustrie innerhalb der Armee galt, listete am 24. Mai 1939 die »Erfolge« der deutschen Aufrüstungspolitik auf: In Deutschland sei die »mächtigste Rüstungsindustrie (…) in der Welt« entstanden, die Wehrmacht wurde von zehn Divisionen im Jahr 1933 auf ein »Friedensheer« von 51 Divisionen im Jahr 1939 ausgebaut. »Weltspitze« habe man bei der Bewaffnung, insbesondere bei Artillerie, Panzern und Luftwaffe erreicht. Der Eindruck absoluter Überlegenheit speiste sich nicht zuletzt aus dem leichten Sieg bei der Zerschlagung der Tschechoslowakei im März 1939, aus der dabei erzielten beträchtlichen militärischen und wirtschaftlichen Beute sowie aus der halbherzigen Reaktion der Westmächte auf die Aggression. Außerdem war Polen im Norden, Westen und Süden von Deutschland bedroht.

Ende März 1939 liefen die Kriegsvorbereitungen an. Am 3. April erging die Weisung zum »Fall Weiß«, wie die Tarnbezeichnung für den Überfall lautete. Sie enthielt die Absicht, Polen »für alle Zukunft« auszuschalten. Der Angriff sollte ohne Kriegserklärung erfolgen. »Die politische Führung«, hieß es, wolle »den Krieg auf Polen (…) beschränken«. Ein schneller Sieg sollte andere Mächte davon abhalten, dem Land militärisch beizustehen. Man rechnete mit einem ähnlichen Verhalten der Westmächte wie nach der Aggression gegen die Tschechoslowakei. Am Ende der Weisung hieß es, die Vorbereitungen hätten so zu erfolgen, dass ihre »Durchführung ab 1.9.39 jederzeit möglich ist«.

Mitte April präsentierte der Chef des Heeresgeneralstabs, Halder, einen minutiösen Kriegsplan. Seine Ausführungen stellte er unter die Überschrift: »Taktische und strategische Erwägungen zum kommenden Krieg gegen Polen«. Durch einen »schlagartigen Überfall« müsse Polen in der »kürzestmöglichen Zeit vollkommen erledigt werden«. Zur möglichen Haltung der Westmächte heißt es, die Briten hätten zwar Polens Unabhängigkeit garantiert (am 31. März) und Gespräche über einen britisch-polnischen Beistand geführt (Anfang April), doch das nütze »den Polen im Moment des Krieges wenig«. Ob die Westmächte »eingreifen oder nicht«, sei unerheblich. Die Wehrmacht werde am »Westwall« so lange Angriffe abwehren, »bis der Osten liquidiert ist«, um sich dann gegen Frankreich und Großbritannien zu wenden. Nach dem Operationsplan Halders sollte Polen in drei Wochen besiegt sein. Die Wehrmacht hätte die sowjetische Grenze, die damals 35 Kilometer westlich von Minsk verlief, erreicht. »Dann« so Halder, »wird (…) eine siegreiche Armee, erfüllt mit dem Geist gewonnener Riesenschlachten, bereitstehen, um entweder dem Bolschewismus entgegenzutreten oder (…) nach dem Westen geworfen zu werden, um dort die Entscheidung rasch, aber gründlich zu erringen.«

Am 23. Mai 1939 unterstrich Hitler auf der wohl wichtigsten Beratung der deutschen Führung in Vorbereitung des Krieges: »Es bleibt der Entschluss, bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen«. Wenn die Westmächte eingreifen, »sei es besser, den Westen anzufallen und dabei Polen zugleich zu erledigen«. Bei einer »Auseinandersetzung mit dem Westen (…) ist es gut, einen größeren Ostraum zu besitzen«.

Kollektive Sicherheit sabotiert

Die Aggression gegen die CSR und die von den Deutschen angeheizte Spannung um Polen hatten die Staatenwelt alarmiert. Die englischen Tories mussten ihre verhängnisvolle Appeasement-Politik »modifizieren«. Sie verstärkten die Verteidigungsfähigkeit, suchten Verbündete und garantierten Polen seine Unabhängigkeit. Andererseits suchten sie noch immer nach einem Weg, um einen »Ausgleich« mit dem Aggressor zu erreichen. Der deutsche Botschafter in London, Herbert von Dirksen, schrieb, Großbritannien wolle »durch Rüstung und Bildung einer Koalition Deutschland zwingen, seine weiteren (Expansions-)Forderungen im Verhandlungsweg geltend zu machen«. Im Sommer 1939 kam es auf britische Initiative zu geheimen Gesprächen, in denen London u. a. vorschlug, einen Nichtangriffspakt abzuschließen, die Garantieerklärung für Polen aufzuheben und eine »friedliche« Revision der Ostgrenze, ein neues »München« zu Lasten Polens, zu ermöglichen. Der deutsche Expansionsdrang sollte ein weiteres Mal nach Osten abgelenkt werden. Doch die Nazis lehnten ab. Man wollte keine Korrektur der deutschen Ostgrenze, sondern ganz Polen. Bei der erwähnten Beratung im Mai hatte Hitler klargestellt: Bei dem Überfall gehe es nicht um Danzig. »Es handelt sich für uns um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten und Sicherstellung der Ernährung sowie der Lösung des Baltikum-Problems.«

Die deutsche Führung wertete die »Ausgleichsbemühungen« wie von Dirksen schrieb, »als ein weiteres Zeichen für die Schwäche Englands« und als Beleg dafür, »dass England im Fall eines deutsch-polnischen Krieges sich nicht an Polens Seite beteiligen werde«.

Der britische Premier Neville Chamberlain konnte seine Bemühungen, eine internationale Koalition gegen die deutsche Aggression zu schmieden, dabei aber wie schon beim Münchener Abkommen, die Sowjetunion herauszuhalten, nicht durchhalten. Die Mehrheit der Engländer meinte, dass wirksame Sicherheit ohne Moskau nicht möglich sei. Mitte April 1939 hatten auf sowjetische Initiative britisch-französisch-sowjetische Verhandlungen über einen Beistandspakt begonnen. Stalin forderte zudem Garantien für die baltischen Republiken. Die sowjetische Führung fürchtete zu Recht, dass Lettland, Estland und Finnland von den Faschisten auf »friedlichem« Wege, im Zuge einer indirekten Aggression zu Basen für einen Angriff auf die Sowjetunion ausgebaut würden. Die Verhandlungen und die am 11. August begonnenen militärischen Besprechungen endeten ergebnislos. Die Westmächte lehnten die sowjetische Auffassung ab, dass der Aufbau einer wirkungsvollen Ostfront gegen den Aggressor nur möglich sei, wenn sich die sowjetischen und polnischen Streitkräfte auf polnischem Gebiet gemeinsam der Wehrmacht entgegenwerfen würden. Warschau verweigerte den sowjetischen Truppen das nötige Durchmarschrecht und erklärte, man brauche und wolle keine Hilfe von der UdSSR. Polen hatte sich isoliert.

Das von Moskau verfolgte Konzept kollektiver Sicherheit war gescheitert. Die Sowjetunion war darüber hinaus über die antisowjetische Zielrichtung der deutsch-britischen Gespräche informiert und befürchtete die politische Isolation. Ein deutscher Angriff auf Polen, dem die polnische Armee nicht gewachsen war, stand unmittelbar bevor. Zudem hatte sich mit dem Scheitern der Gespräche die geostrategische Lage der UdSSR deutlich verschlechtert. Für die Sowjetunion wurde es Zeit zu handeln. Sie leitete, wie vom sowjetischen Außenminister Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow am 31. Mai im Obersten Sowjet angekündigt, über wirtschaftspolitische Fragen vorsichtig eine Entspannung in den wegen der antisowjetischen Politik der Nazis schlechten Beziehungen mit Berlin ein. Angesichts des auf den 26. August bzw. auf den 1. September festgelegten Angriffstermins drängten ab August die Nazis auf einen Nichtangriffsvertrag und boten der Sowjetunion weitreichende Sicherheiten. Berlin glaubte, ein solches Abkommen werde für die Briten ein weiterer Grund sein, nicht in den deutsch-polnischen Krieg einzugreifen. Am 23. August unterzeichneten Deutschland und die Sowjetunion einen zehn Jahre gültigen Vertrag. Sie verpflichteten sich, keine kriegerischen Handlungen gegeneinander zu unternehmen, und Mächte, die gegen einen der Vertragspartner Krieg führen, nicht zu unterstützen. Bestandteil des Vertrages war ein geheimes Zusatzprotokoll. Angesichts der bevorstehenden deutschen Aggression gegen Polen waren die darin enthaltenen Festlegungen über deutsche und sowjetische Interessensphären in Osteuropa für die Sowjetunion von besonderem Gewicht. Die baltischen Staaten und Bessarabien wurden der sowjetischen Interessensphäre zugerechnet. Damit standen diese Länder nicht als Ausgangspunkte für einen deutschen Angriff zur Verfügung. Außerdem wurde eine Demarkationslinie bestimmt, die etwa 250 Kilometer westlich der polnisch-sowjetischen Grenze verlief. Diese sollte die Wehrmacht bei einem Angriff auf Polen nicht überschreiten. Im Protokoll wurde auch festgelegt, dass sich beide Seiten nach einer deutschen Aggression über die Zukunft Polens austauschen. Diese Festlegung und die nach Westen erfolgte Verschiebung der sowjetisch-polnischen Grenze stehen bis heute in der Kritik. Der spätere britische Premier Winston Churchill schrieb dazu, dass es für die Sowjetunion »lebenswichtig war, das Aufmarschgebiet der deutschen Armeen so weit wie möglich im Westen zu halten«. Er fügte hinzu, wenn die Politik Stalins »kaltblütig war, so war sie jedenfalls damals auch in höchstem Maße realistisch«.

Der Überfall

Unterdessen waren die Kriegsvorbereitungen weitergegangen. Am 15. Juni hatte das Oberkommando des Heeres den Aufmarschplan ausgegeben, in dem die operativen Grundlinien eines Blitzkrieges mit großräumigen Umfassungsangriffen dargelegt wurden. Das Heer war auf eine Gesamtstärke von 3,75 Millionen Mann und 103 Divisionen gebracht worden, was den Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, am 28. August zu der Äußerung veranlasste: »Wenn es hart auf hart kommt, führe ich auch (einen) Zweifrontenkrieg.«

Berlin heizte nun die politische Situation an. Man wollte einen »Anlass« für den Überfall schaffen. SS und Wehrmachtssaboteure führten daraufhin Operationen durch, die als polnische Angriffe dargestellt wurden. Der deutsche Überfall sollte als Notwehr erscheinen. Polen trage die Schuld am Krieg, die Wehrmacht schieße nur zurück, wurde behauptet.

Am 1. September 1939 um 4.45 Uhr eröffnete das Linienschiff »Schleswig-Holstein« das Feuer auf polnische Anlagen auf der Westerplatte bei Danzig. Die deutsche Luftwaffe griff »überfallartig«, wie in der Weisung vom 3. April befohlen, an. Das deutsche Heer drang von Ostpreußen, Pommern, Schlesien und der Slowakei aus in Polen ein. Während bei der Mannschaftsstärke etwa Gleichstand herrschte, war die deutsche Überlegenheit bei der Motorisierung, bei Panzern, Geschützen und Flugzeugen erdrückend. Briten und Franzosen forderten sofort das Ende der militärischen Aktionen, und da die deutsche Führung die Aufforderung ignorierte, erklärten beide Mächte am 3. September dem Deutschen Reich den Krieg. Aus dem Überfall auf Polen war damit ein europäischer Krieg geworden, der sich bald zu einem Weltkrieg entwickelte, an dem mehr als 60 Staaten beteiligt waren. Es dauerte sechs Jahre und kostete Millionen Menschenleben und unendliche weitere Opfer, um den erneuten Versuch des deutschen Imperialismus, die Weltmacht zu erringen, abzuwehren.

Martin Seckendorf schrieb an dieser Stelle zuletzt am 6. Juni 2019 über die Landung der Westalliierten in der Normandie.

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