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Aus: Ausgabe vom 31.08.2019, Seite 8 / Ansichten

Ökoopfer des Tages: Juri Gagarin

Von Simon Zeise
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Juri Gagarin in Baikonur (1.4.1961)

Es war eine Zeit des Aufbruchs. 1961 flog Juri Gagarin als erster Mensch in den Weltraum. »Ich war im Himmel und habe mich genau umgesehen. Es gab keine Spur von Gott«, klärte er auf, als er den Boden von Mutter Erde wieder betrat. Gagarin wurde zum Symbol des Fortschritts. Seine Reise ins All symbolisierte die Überlegenheit der sozialistischen Gemeinschaft gegen den kapitalistischen Individualismus.

Im »roten Gürtel« von Paris, Ivry-sur-Seine, weihte er 1963 auf Einladung der dort regierenden kommunistischen Partei die »Gagarin-Siedlung« ein. Begeistert waren die ersten Bewohner: »Ein Badezimmer, eine große Küche, ein Aufzug – dieser Komfort war für uns ganz neu«, erzählte Jacqueline Spiro, die mit ihren Eltern in den 60er Jahren den Neubau bezog, wie AFP am Freitag berichtete. »Jeder kannte jeden, es war wie eine große Familie«, schwärmte Françoise, eine andere Bewohnerin der ersten Stunde.

Doch dann kam die Konterrevolution. Im Neoliberalismus verfiel das einstige Vorzeigeprojekt. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy wollte 2005 die Pariser Vorstädte vom »Gesindel befreien«. Was die harte Hand des Staates nicht vollbrachte, soll nun die unsichtbare Hand des Marktes regeln.

Platz gemacht werden soll für ein »Ökoviertel«. Ansammlung moderner Bauten mit Balkonen und Holzverkleidung rund um kleine Grünflächen. Bis zu den Olympischen Sommerspielen 2024 soll »Grand Paris« hochgezogen werden, mit modernen Siedlungen und Büros sowie neuen Metro- und Straßenbahnverbindungen. Die Mieten werden dann unerschwinglich. Am Sonnabend wird mit dem Abriss begonnen. Juri Gagarin starb 1968. Mittlerweile will US-Milliardär Elon Musk Superreiche zum Mars schicken. Wenn sie doch allesamt da blieben.

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