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Aus: Ausgabe vom 29.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Ausstellung

»Ich hoffe wirklich, dass ich verrückt bin«

Eine Dortmunder Ausstellung leuchtet die Abgründe des rechten Netzaktivismus aus
Von Florian Neuner
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Brachiale Ordnung: Das politische Rechts-links-Schema des Künstlerduos Disnovation.org

Auch wenn man nicht unbedingt der Meinung ist, dass Donald Trump von Trollen ins Amt »geshitpostet« wurde oder dass die Mehrheit für den »Brexit« bei der Firma Cambridge Analytica quasi bestellt werden konnte – dass die digitalen Medien von der politischen Rechten nicht nur geschickt genutzt werden, sondern auch zu ganz neuen Spielarten des Aktivismus führen, ist zweifellos richtig. »Alt-Right« ist das Stichwort dazu aus den USA und bezeichnet eine neue medienaffine Rechte mit popkulturellem Appeal; in Europa wäre die Identitäre Bewegung ein Beispiel. Der Hartware Medienkunstverein (HMKV) im Dortmunder U, eine der ersten Adressen für politisch verstandene Medienkunst, widmet sich nun dieser »Kommunikationsguerilla von rechts«. Und über allem steht die Frage: Wie konnte Donald Trump Präsident der USA werden?

Die kann natürlich auch die Ausstellung im HMKV nicht beantworten, die den Besucher mit einem Glossar empfängt, das Begriffe von »Akzelerationismus« (Theorien, wie ein schneller Zusammenbruch des Kapitalismus herbeigeführt werden soll) bis »White Suprematists« (Anhänger der »weißen Vorherrschaft«) erklärt und handelnde Personen wie den aus Deutschland stammenden Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel vorstellt, der Alterungsprozesse aufhalten und Siedlungen auf hoher See bauen will, oder Milo Yiannopoulos, der mit der Kampagne »Gays for Trump« Aufsehen erregte. HMKV-Leiterin Inke Arns, Kuratorin der Ausstellung, hat den Titel »Alt-Right-Komplex« mit Bedacht gewählt: »Ein Komplex bezeichnet ein Problem, von dem man nicht genau weiß, wo es anfängt und wo es aufhört und was (oder wer) dazugehört und was (oder wer) nicht.«

Das abschließend geklärt zu haben, behauptet auch die Dortmunder Ausstellung nicht, die das rechte politische Spektrum vom »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) bis zur nationalen Symbolpolitik eines Viktor Orban thematisiert. Lediglich das Künstlerduo Disnovation.org versucht mit einem Schema, das die Besucher auch als Plakat mitnehmen dürfen, etwas brachial Ordnung zu schaffen; links oder rechts bzw. autoritär oder libertär sind die Kriterien, und natürlich landet Trump ganz im rechten Eck. Nick Thurston hat eine überbordende »Hate Library« mit Material in verschiedenen Sprachen eingerichtet, das zwischen Stupidität und unfreiwilliger Komik changiert. Der ungarische Künstler Szabolcs KissPál widmet sich mit zwei Videos und einer Installation so amüsant wie profund der Orban’schen Geschichtspolitik und ihren historischen Hintergründen. So erfahren wir, dass ein künstlicher Berg im Budapester Zoo – einer Erhebung in den Karpaten nachempfunden – besondere Bedeutung erlangte, als Transsilvanien nicht mehr zu Ungarn gehörte. Einen hochinteressanten, weil sehr bezeichnenden Einblick in das Schaffen Steve Bannons als Dokumentarfilmer liefert Jonas Staal mit seiner Videoinstallation. Die wiederkehrenden Metaphern in den Filmen des ehemaligen Trump-Beraters sprechen für sich: Unfälle, Stürme, einstürzende Gebäude, eine hypnotisierte Schlange als Bild für die von den Mainstreammedien Manipulierten.

Eine starke Wirkung erzielt Theatermann Milo Rau mit einem simplen Verfremdungseffekt: Er lässt die Erklärung, die Anders Behring Breivik in Oslo vor Gericht vortrug, von einer deutsch-türkischen Schauspielerin verlesen. Eine der vielen Fragen, die sich in Zusammenhang mit dem NSU stellen, der gerade in Dortmund natürlich nicht fehlen darf, ist die, warum die Zschäpe-Freundin und -Komplizin Susann Eminger in München nicht angeklagt wurde. Paula Bulling und Anne König widmen sich in drei Comicepisoden Eminger und zwei weiteren Frauen, und sie werfen damit Fragen auf, ohne mit neuen Enthüllungen oder starken Meinungen hausieren zu gehen. An einen anderen Ort, an dem es weh tut, haben sich Vera Drebusch und Florian Egermann begeben: in die Foren der »Prepper«-Szene. »Ich hoffe wirklich, dass ich verrückt bin und nichts passiert«, sagt einer dieser vor allem in den USA anzutreffenden Menschen, die sich mit Lebensmittelvorräten und Waffen auf den »Tag X« vorbereiten, ein anderer droht: »Nirgendwo in diesem Haus ist man weiter als 6 m von einer Waffe entfernt.« Nicht nur »Prepper«, sondern auch anders Verpeilte kommen in Dominic Gagnons Video zu Wort – »RIP in Pieces America« ist ein Panoptikum von Wutbürgern.

Die Dortmunder Ausstellung ist nicht nur lehrreich, sondern auch künstlerisch vielgestaltig. Die Beiträge belassen es nicht bei trockenem Dokumentarismus. Nach all dem Horror sollte man das Ausstellungsmagazin zur Hand nehmen. Dort gibt die Kommunikationswissenschaftlerin Angela Nagle, die mit ihrem Buch »Kill All Normies« einiges Aufsehen erregte, in einem Interview fast schon tröstlich Entwarnung: »Die Idee, das Internet als Abkürzung zur Macht zu benutzen, hat sich als Trugbild entlarvt.« Denn, so Nagle: »Trump handelt im großen und ganzen nicht anders, als man es von einem republikanischen Präsidenten erwarten würde. Folglich ist die Alt-Right-Bewegung gegenwärtig im Zerfall begriffen.« Wollen wir es hoffen.

»Der Alt-Right-Komplex«, noch bis zum 22. September im Hartware Medienkunstverein im Dortmunder U

hmkv.de

Debatte

  • Beitrag von Matthias M. aus H. (29. August 2019 um 19:19 Uhr)
    Disnovation.org gebührt der Verdienst, mit dem Plakat links/rechts vs. libertär/autoritär dem »politischen Kompass« zu neuer Aufmerksamkeit zu verhelfen. Der politische Kompass mit diesen beiden Achsen ist ein guter, erster Ansatz, sich generell von der bescheuerten, viel zu einfachen Extremismustheorie aka »Hufeisen« zu lösen.

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