Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 24.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Bildende Kunst

Die Absicht war eine andere

A propos »Umbruch in der ostdeutschen Kunst«: Zu den riesigen Lücken der »Point of No Return«-Ausstellung in Leipzig
Von Peter Michel
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Gehört zu den wenigen Höhepunkten: Doris Zieglers »Große Passage« (1989/1990, Mischtechnik auf Leinwand, 295 x 350 cm)

In den »Wende«-Jahren musste Heidrun Hegewald ihr mühevoll eingerichtetes Atelier räumen, vertrieben durch eine Alteigentümerin. Es befand sich in einem Dachgeschoss unweit der Gethsemanekirche in Berlin. In dieser Zeit entstanden ihre wohl bittersten Werke, 1991 zeichnete sie mit Kohle ihr Blatt »Freiheit, das deutsche Schindluder«, eine Personifizierung der Freiheit als gequälte Frauengestalt, der man hinterrücks das Herz aus dem Leib reißt. Dieses Werk sucht man in der Leipziger Ausstellung »Point of No Return«, die sich mit »Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst« beschäftigt, vergeblich. Hat die Rigorosität des bildnerischen Vortrags gestört, die auch Hegewalds Bild »Die Tanzmeister, ein Bild über die falschen Töne« beherrscht? Man hätte dieses Bild aus dem benachbarten Gewandhaus holen können. Doch die Warnung vor aufkeimendem und immanentem Faschismus wurde ebensowenig gebraucht wie Harald K. Schulzes Gemälde »Looser«, das Neonazis geißelt, die nach 1989/90 auch im Osten Deutschlands wieder aufmarschierten.

Warum fehlen Rolf Kuhrts Gemälde »Kain und Abel«, Konrad Knebels graue Häuser-»Porträts« aus dem Prenzlauer Berg oder Joachim Lautenschlägers ratlos vor dem Brandenburger Tor stehender »Ikaros 89«, der nicht mehr denken noch fliegen kann? Weshalb sucht man die von Verbitterung gezeichneten letzten Bilder von Paul Michaelis vergeblich? Oder Wolfgang Lieberts 1988/89 gemaltes Bild »Zeitenwende«, auf dem alles aus den Fugen geraten ist wie nach einem Erdbeben? Oder wenigstens ein Foto der mehrteiligen Plastik, die Heinrich Apel 1988 für den Magdeburger Skulpturenpark schuf, Vorahnungen der »Wende«-Ereignisse in bildhauerischer Sprache. Der Berliner Maler Dieter Gantz hatte 1989 eine Erklärung mitunterzeichnet, die sein Unverständnis über das Versagen der Partei- und Staatsführung artikulierte und zum Gewaltverzicht aufrief. Doch bald richtete sich die »freiheitliche« Gewalt gegen seine Werke, und er drückte seine Verbitterung in Bildern aus: eine Denunziantendarstellung, die an A. Paul Weber oder Hans und Lea Grundig erinnert; eine Prügelszene nach einem Überfall rechter Schläger auf seinen Sohn; ein brennendes Heim für debile Kinder … Man sucht seine Arbeiten und findet sie nicht. Platz dafür wäre vorhanden gewesen; die Hängung in den saalartigen Räumen ließ manche Wünsche offen. (Ein Werk von Sighard Gille hängt ohne Notwendigkeit über einer hohen Tür.)

Überall Formzerfall

Werke von Wolfgang Mattheuer sind zwar zu sehen, aber nicht seine kleine Zeichnung mit dem Text »Die Gemeinheit erwürgt alles Andere« (1994), und auch nicht die letzten Bilder, die kurz vor Mattheuers Tod entstanden und dessen Verzweiflung über das Heute bezeugen. Weshalb sieht man Horst Sakulowskis Gemälde »Das Trojanische Pferd« (mit dem späteren Titel »Die Verantwortung«) nicht? Man hätte es mit seinem Mauermotiv im Sinne der Ausstellungsmacher interpretieren können – im Gegensatz zur Absicht des Künstlers. Wolfram Schuberts große Bildtafel »Abgesang«, gemalt 1990, einen Tag nach dem »Anschluss« der DDR an die BRD, zeigt die faltige Fahne des untergegangenen Staates liegend zwischen prachtvollen Blumen, Ehrung und Wehmut in einem.

Solche Werke wurden für diese Ausstellung nicht gebraucht. Die Absicht war eine andere. Zu den Kuratoren gehörte Christoph Tannert. Wenn der sich durchsetzen kann, ist ein Übergewicht »nonkonformer« Künstler zu erwarten, bei denen man den Formzerfall beobachten kann – bei allem Bemühen um Toleranz ihren Ambitionen gegenüber. Zornig oder in tiefen, auf das Ich konzentrierten Stimmungen äußern sie ihre psychischen Zustände. Bei Heidrun Hegewald geht es um eine Poetisierung des Intellekts, hier um ein Austreiben des Erkenntnisvermögens, um eine absolute Dominanz des Subjektiven, um nebulöse Selbstentäußerung. Man stellt sich bei manchen Hervorbringungen die Frage: Wie können Künstler sehend so blind sein und sich nur auf sich selbst konzentrieren? Da herrscht oft Arglosigkeit gegenwärtigen und kommenden Entwicklungen gegenüber, gleichzeitig fehlende Zuversicht, gepaart mit einem törichten Modernismus. Nur ganz selten scheint zwischen solch In­trovertiertem, manchmal Provokantem, Aufgeregtem eine schlichte, einfachen Dingen zugewandte Poesie hervor.

Nicht so friedlich

Für Menschen, die sich noch an die X. Kunstausstellung der DDR erinnern, ist es eine Entdeckung, in »Point of Not Return« mehr als 40 Künstlern wiederzubegegnen, die in dieser letzten großen Dresdener Exposition vertreten waren, darunter Dieter Bock, Hartwig Ebersbach, Hubertus Giebe, Angela Hampel, Klaus Killisch, Walter Libuda und Norbert Wagenbrett. Von einzelnen sind die Bilder zu sehen, die 1987/88 in Dresden hingen, z. B. Wolfgang Smys »Großes Stadtbad«. Hatte also der »verknöcherte« Künstlerverband diesen kritischen Künstlern doch ein großes öffentliches Forum geboten – in einer Zeit, da in den Künsten Widersprüche verhandelt wurden, die in den offiziellen Medien nicht vorkamen?

Höhepunkte der Leipziger Schau sind die großartigen, tief melancholischen Bilder von Doris Ziegler, die Gemälde von Bernhard und Johannes Heisig, die im Zorn gemalten »Erdgeister« von Willi Sitte und die von unendlicher Trauer erfüllten Bildtafeln des schon 1986 verstorbenen Joachim Völkner, der sich für sozialistische Wertvorstellungen und deren Realisierung kompromisslos verantwortlich gefühlt hatte und darin in der DDR enttäuscht wurde.

Diese Schau tritt mit dem Anspruch auf, ein neues Wertesystem zur Beurteilung von Kunst aus der DDR anzuregen, einen neuen Kanon gar. Das ist irreführend. Es gibt andere Museen, etwa in Halle, Schwerin und Rostock, in denen die Gesamtheit der Kunst- und Gesellschaftsentwicklung die Grundlage von Ausstellungskonzeptionen ist. Gegenwärtig erinnert die Kunsthalle Rostock mit einer Exposition zum Palast der Republik an das vandalistische Verbrechen seines Abrisses.

Im Ganzen verbreitet die Leipziger Ausstellung mit ihren mehr als 300 Werken von 106 Künstlern Trostlosigkeit, Pessimismus, Verunsicherung. Sie kommen wieder hoch, die Hoffnungen und Täuschungen der »Wende«, die Zeit des Niedergangs. Die Ausstellung lässt auch darüber nachdenken, dass die »friedliche Revolution« so friedlich nicht war. Es fielen keine Schüsse, aber Existenzangst und Perspektivlosigkeit kamen wie eine gewaltige Welle über die Menschen. Das Freiheitsgeschrei erwies sich als dummdreiste Lüge, künstlerische Freiheit verkam zur Maßstablosigkeit. Deshalb steht heute manch einer ratlos vor solchen Exponaten, zuckt die Achseln und verlässt das Museum enttäuscht.

»Point of No Return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst«, noch bis 3. November, Di., Do. bis So., 10 bis 18 Uhr, Mi., 12 bis 20 Uhr, Museum der bildenden Künste Leipzig, Eintritt 10, ermäßigt 7 Euro

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