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Aus: Ausgabe vom 23.08.2019, Seite 15 / Feminismus
Sanktionen gegen Abtreibungen

Freispruch nach Totgeburt

El Salvador: Erfolg für 21jährige vor Gericht. 16 Frauen wegen mutmaßlicher Abtreibungen im Gefängnis
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Freude über den Freispruch für Evelyn Hernández in Ciudad Delgado (19.8.2019)

In einem aufsehenerregenden Prozess ist in El Salvador eine junge Frau nach einer mutmaßlichen Totgeburt vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung freigesprochen worden. Ein Richter in Ciudad Delgado urteilte am Montag, es gebe keine ausreichenden Beweise gegen die 21jährige Evelyn Hernández, die bereits knapp drei Jahre in Haft saß (jW berichtete). Die Staatsanwaltschaft hatte 40 Jahre Gefängnis gefordert. Ob sie in Berufung gehen will, ist noch unklar. Für diese Entscheidung hat die Anklagebehörde zehn Tage Zeit.

Hernández hatte im April 2016 im achten Schwangerschaftsmonat in einer Toilette ein Kind zur Welt gebracht. Die junge Frau beteuert, das Baby sei bei der Geburt bereits tot gewesen. Trotzdem wurde sie festgenommen. Im Juli 2017 wurde sie wegen Mordes zu 30 Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde aber später aufgehoben, der Fall deswegen neu verhandelt. Hernández’ Verteidigung hatte geltend gemacht, dass beim ersten Urteil entscheidende forensische Beweise nicht berücksichtigt worden seien. Demnach war das Baby bereits im Mutterleib erstickt. Zunächst war auch dargelegt worden, dass die damals 18jährige Hernández nach einer Vergewaltigung schwanger geworden sei.

Verteidigerin Bertha María Deleon sagte vor Journalisten, der Richter habe anerkannt, dass Hernández eine schwierige Entbindung gehabt habe und es keinen Beweis für ein Vergehen gebe. Im Onlinedienst Twitter erklärte die Anwältin, der Freispruch für ihre Mandantin erfülle sie mit großer Freude. Der Kampf gehe aber weiter, weil es immer noch Frauen gebe, die wegen ähnlicher Fälle juristisch verfolgt würden.

In El Salvador sieht das Strafrecht bei Abtreibungen zwei bis acht Jahre Haft vor. Staatsanwälte und Richter stufen Fälle, in denen Kinder tot zur Welt kommen oder kurz nach der Geburt sterben, aber häufig als vorsätzliche Tötung ein, die mit bis zu 50 Jahren Haft bestraft werden kann. Derzeit sitzen in El Salvador 16 Frauen wegen Abtreibungen oder Totgeburten im Gefängnis. (AFP/jW)

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