Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 23.08.2019, Seite 12 / Thema
Ribbentropp-Molotow-Pakt

Atempause

Vor 80 Jahren schlossen Nazideutschland und die UdSSR einen Nichtangriffspakt. Der sozialistische Staat verschaffte sich damit Zeit zur Vorbereitung auf den erwarteten deutschen Überfall
Von Geoffrey Roberts
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Der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow (Mitte) trifft zur Unterredung mit dem Naziaußenminister Joachim von Ribbentrop (links neben ihm) und mit Hitler am 12. November 1940 in Berlin ein. Noch vor seinen Konsultationen mit Molotow unterzeichnete Hitler die »Weisung Nr. 18«, in der festgehalten wurde, dass unabhängig von dem Ergebnis der Gespräche die Vorbereitungen für einen Feldzug im Osten fortzusetzen seien

2008 erschien im Düsseldorfer Patmos-Verlag in deutscher Sprache ein Buch mit dem Titel »Stalins Kriege«. Sein Autor, der britische Historiker Geoffrey Roberts, schildert Stalin darin als klugen Militärstrategen und letztlich auch als Friedensstifter. Ein solches Urteil, noch dazu von einem Universitätsprofessor, durfte in deutschsprachigen Gazetten nicht unwidersprochen bleiben. FAZ und NZZ verrissen das Buch damals. Die jW-Redaktion hat Roberts aus Anlass des 80. Jahrestags des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags um einen Beitrag zum Thema gebeten, den wir an dieser Stelle veröffentlichen. (jW)

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs flog Adolf Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop nach Moskau, um einen Nichtangriffsvertrag mit der UdSSR abzuschließen, der die Neutralität der Sowjetunion für den Fall garantieren sollte, dass Deutschland Polen angreifen würde, wie es am 1. September 1939 auch geschah. Ribbentrops unerwarteten Besuch in der sowjetischen Hauptstadt fingen mit dramatischer Musik unterlegte »Wochenschau«-Aufnahmen ein, die Zeitungsfotos der Unterzeichnungszeremonie im Kreml gehören zu den ikonischen Illustrationen der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Diese Wende war um so schockierender, als die sowjetische Seite in den zurückliegenden sechs Monaten mit den Briten und Franzosen über ein Dreifachbündnis verhandelt hatte, um Polen vor deutschen Angriffen zu schützen. Diese Verhandlungen hatten im März 1939 begonnen und waren bis August in militärische Diskussionen über die Führung eines gemeinsamen Krieges gegen Deutschland übergegangen. Tatsächlich befanden sich britische und französische Militärdelegationen noch in Moskau, als Ribbentrop den Pakt mit seinem sowjetischen Amtskollegen, Außenkommissar Wjatscheslaw Molotow, unterzeichnete.

In den 1920er Jahren waren die Weimarer Republik und Sowjetrussland – beide Ausgestoßene der Versailler Friedensregelung – Verbündete gewesen, doch die Zusammenarbeit der beiden Staaten endete 1933 mit der Machtübernahme Hitlers. Das kommunistische Russland und das nationalsozialistische Deutschland wurden zu ideologischen und politischen Gegnern und traten in einen unaufhörlichen Propagandakrieg gegeneinander. Während des spanischen Bürgerkriegs (1936–1939) unterstützte Hitler General Franco, Josef Stalin, Generalsekretär der KPdSU, lieferte dagegen der von Francos faschistischen Kräften bekämpften republikanischen Regierung Männer und Munition. In den dreißiger Jahren hatte die Sowjetunion kollektive Maßnahmen der Großmächte zur Verhinderung des deutschfaschistischen Expansionismus befürwortet und die britische wie die französische Regierung aufgefordert, ihre Appeasementpolitik gegenüber Hitler aufzugeben und ein gemeinsames Sicherheitssystem zur Eindämmung der deutschen Aggression zu etablieren.

Der Westen weigert sich

Nach der Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrags am 23. August 1939 – als die Welt am Rande eines weiteren globalen Krieges stand – schienen die Nazis und die Kommunisten jedoch beste Freunde zu sein, die sich zu friedlicher Koexistenz und politischer Zusammenarbeit verpflichten.

Weitere Überraschungen sollten folgen. Die Sowjetunion hatte in den 1920er und 1930er Jahren zahlreiche Nichtangriffsverträge mit anderen Staaten unterzeichnet, doch demjenigen mit Nazideutschland war ein geheimes Protokoll beigefügt, das die deutschen und sowjetischen Einflussbereiche in Polen und den baltischen Staaten abgrenzte. Auf der Grundlage dieses Zusatzprotokolls marschierte die Rote Armee am 17. September in Polen ein und besetzte Westbelorussland und die Westukraine – Gebiete, die Sowjetrussland während des sowjetisch-polnischen Krieges von 1919/20 verloren hatte.

Gegen den sowjetischen Einmarsch formierte sich kaum Widerstand: Die polnische Militärmacht war von den Deutschen zerschlagen worden, und die Rote Armee wurde von Ukrainern, Belorussen und Juden, die einen Großteil der Bevölkerung in Polens Ostgebieten ausmachten, begrüßt. Die Freude über den Einmarsch überdauerte allerdings nicht den gewaltsamen Prozess der Sowjetisierung, in dessen Folge diese Gebiete Teil der UdSSR wurden und es bis zu deren Zerfall 1991 auch blieben.

Ende September 1939 flog Ribbentrop erneut nach Moskau, um einen zweiten deutsch-sowjetischen Pakt zu unterzeichnen – den deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag. Der Freundschaftsvertrag bestätigte die Teilung Polens und deutete die Möglichkeit einer langfristigen Übereinkunft zwischen Deutschland und der Sowjetunion an.

Hitler hatte sich für den Vertragsschluss entschieden, um Moskaus Verhandlungen über eine Tripelallianz mit Großbritannien und Frankreich zu sprengen: Er wollte unbedingt einen Zweifrontenkrieg mit den britischen und französischen Verbündeten Polens im Westen und der Sowjetunion im Osten vermeiden.

Stalins Motivlage war komplizierter. Einige Historiker argumentieren, dass ein Abkommen mit Hitler von Anfang an das war, was er wollte, und dass die Verhandlungen über eine Tripelallianz bloß ein Trick waren, um mit den Nazis den bestmöglichen Deal auszuhandeln. Dies war sicherlich auch die Einschätzung jener deutschen Diplomaten, die Hitler 1939 davon zu überzeugen suchten, dass Stalin offen für die Aushandlung einer für beide Seiten vorteilhaften Vereinbarung sei. Dies scheint ein plausibles Szenario, wird aber nicht durch die detaillierten Beweise aus den russischen Archiven gestützt, die belegen, dass die sowjetische Seite ernsthaft ein Dreifachbündnis mit Großbritannien und Frankreich anstrebte, vorausgesetzt, die Bedingungen stimmten.

Während des gesamten Frühlings und Sommers 1939 hatten deutsche Diplomaten die Sowjetunion umworben, doch Moskau reagierte nicht auf diese Avancen, bis Molotow und Stalin gravierende Zweifel an der Realisierbarkeit eines Dreifachbündnisses kamen. Stalin befürchtete, die Briten und Franzosen versuchten, ihn in einen Krieg mit Hitler zu locken, bei dem die Rote Armee die Hauptlast zu tragen hätte. Diese Wahrnehmung wurde durch britische und französische Militärpläne gestärkt, die vorsahen, bloß eine Handvoll Divisionen in den Kampf zu führen, während die Rote Armee erwartbar Hunderte einzusetzen hätte.

Später beklagte sich Stalin bei Georgi Dimitroff, dem Generalsekretär der Kommunistischen Internationale: »Wir haben Vereinbarungen mit den sogenannten demokratischen Ländern bevorzugt. Aber die Engländer und Franzosen wollten, dass wir ihre kostenlosen Handlager abgeben!«

Briten und Franzosen hatten sich dazu verpflichtet, Polen zu verteidigen, falls die Deutschen angreifen sollten, aber Stalin war skeptisch, dass sie dies tun würden. Großbritannien und Frankreich hatten sich weder der Einnahme Österreichs im Jahr 1938 widersetzt, noch waren sie für die Tschechoslowakei eingetreten. In der Tat hatten beide Mächte auf der Münchner Konferenz im September 1938 Hitlers Forderung nach dem deutschsprachigen Sudetenland nachgegeben und vereinbart, die Tschechoslowakei zu spalten. Sechs Monate später geriet der Rest des Landes unter deutsche Kontrolle. Erst danach begannen die Briten und Franzosen an ihrer Beschwichtigungsstrategie zu zweifeln und stellten eine Garantie für die Unabhängigkeit und territoriale Integrität Polens aus.

Die Militärverhandlungen in Moskau im August 1939 scheiterten, als Briten und Franzosen der Roten Armee im Falle eines Krieges mit Deutschland nicht das Recht einräumen wollten, Polen zu durchqueren. Aus sowjetischer Sicht war diese strategische Option unabdingbar, die Kriegspläne der Roten Armee sahen einen Vorstoß durch Polen vor, um den deutschen Feind an vorgelagerter Position zu stellen. Die antikommunistische Regierung Polens weigerte sich jedoch, diesem Manöver ihre Zustimmung zu erteilen, da sie befürchtete, dies sei ein Vorwand für die sowjetische Besetzung Polens. Briten und Franzosen waren mit der sowjetischen Forderung nach einem Durchmarsch einverstanden, jedoch nicht in der Lage, Polen zu überreden, die erforderlichen Zugeständnisse zu machen.

Angesichts eines ungewissen Bündnisses mit Großbritannien, Frankreich und Polen entschied sich Stalin, auf ein Abkommen mit Hitler zu setzen, das ihm ermöglichte, die UdSSR aus dem bevorstehenden Krieg herauszuhalten und die Schaffung einer Pufferzone zwischen der Sowjetunion und Deutschland zu erleichtern.

Geopolitische Erwägungen

Mit den beiden deutsch-sowjetischen Verträgen zwischen August und September 1939 wurde eine Zeit intensiver wirtschaftlicher, militärischer und politischer Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der UdSSR eingeleitet. Zudem schien sich eine ideologische Annäherung anzudeuten, als Stalin und Hitler über die Möglichkeit einer langfristigen Koexistenz beider Länder nachdachten. Die antifaschistische Kampagne der internationalen kommunistischen Bewegung wurde zurückgefahren. Im Oktober 1939 unterstützte die Sowjetunion Hitlers »Friedensoffensive« und machte Großbritannien und Frankreich für die Fortsetzung des Krieges nach dem Fall Polens verantwortlich. Mit sowjetischer Unterstützung gelang es Hitler, die britisch-französische Wirtschaftsblockade Deutschlands zu umgehen, der deutsch-sowjetische Handel nahm exponentiell zu. Die militärische Zusammenarbeit zwischen der Roten Armee und der Wehrmacht wurde wieder aufgenommen, einschließlich der Errichtung einer deutschen U-Boot-Basis auf sowjetischem Gebiet.

Estland, Lettland und Litauen wurden in Stalins Einflussbereich gestoßen und gezwungen, sowjetische Militärstützpunkte zu beherbergen. In einem Gesprächen mit baltischen Politikern war Stalin brutal ehrlich: »Ich sage Ihnen ganz offen, es hat eine Aufteilung in Einflussbereiche stattgefunden. Wenn es nach den Deutschen geht, können wir Sie besetzen. Aber wir wollen keinen Missbrauch.«

Die Sowjetunion hatte aus Sorge um Leningrad für Finnland ein ähnliches Schicksal im Sinn, aber die Finnen widersetzten sich den territorialen und politischen Forderungen Moskaus und führten zwischen 1939 und 1940 einen »Winterkrieg« mit der Sowjetunion. Die Finnen kämpften tapfer und eine Zeitlang recht effektiv, aber sie waren der sowjetischen Militärmaschinerie nicht gewachsen, obwohl sie der Roten Armee große Verluste zugefügt hatten. Gut 150.000 Soldaten wurden verwundet, mindestens 50.000 starben. Nach einem im März 1940 unterzeichneten Friedensvertrag gestanden die Finnen Moskau riesige Gebiete zu, behielten aber ihre Unabhängigkeit und warteten auf eine Gelegenheit zur Fortsetzung ihres Kampfes gegen die Sowjetunion.

Stalin war zudem beunruhigt angesichts der sowjetischen Stellung auf dem Balkan. Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf zwei Staaten – auf Bulgarien und die Türkei. Mit der Absicht, einen neutralen Block auf dem Balkan zu schaffen, bot Stalin an, mit beiden Ländern gegenseitige Beistandspakte zu schließen. Während Bulgarien das Angebot ablehnte, waren die Türken bereit, ein solches Abkommen zu unterzeichnen, vorausgesetzt, sie würden nicht daran gehindert, auch mit Großbritannien und Frankreich entsprechende Vereinbarungen zu treffen. Dies war für die sowjetische Seite inakzeptabel. Sie schloss jede noch so indirekte und dünne Verbindung zu einer gegenseitigen Unterstützung mit den Briten und Franzosen aus. Stalin erklärte am 1. Oktober 1939 dem türkischen Außenminister Mehmet Sükrü Saracoglu: »Ereignisse haben ihre eigene Logik: Wir sagen das eine, aber die Dinge entwickeln sich anders. Mit Deutschland haben wir Polen geteilt. England und Frankreich haben uns nicht den Krieg erklärt, aber sie könnten. Wir werden uns nicht gegen Deutschland stellen. Wer ist schuld daran, dass sich der Abschluss eines Beistandspaktes mit der Türkei als ungünstig erwiesen hat? Niemand. Es sind die Umstände, die Entwicklung der Ereignisse.«

Die Türken unterzeichneten ein Abkommen über gegenseitige Unterstützung mit Großbritannien und Frankreich, und erst im März 1941, als der deutsch-sowjetische Pakt endete, einigten sich Moskau und Ankara auf eine Erklärung, mit der die türkische Neutralität im Falle eines deutsch-sowjetischen Krieges gesichert wurde.

Sowjetisches Kalkül

Stalin erwartete, dass der kommende Krieg dem Ersten Weltkrieg sehr ähnlich sein würde. Insbesondere, dass Deutschland, Großbritannien und Frankreich sich in einem Zermürbungskrieg festfahren würden. Im Gegensatz zu Russland während des Ersten Weltkriegs würde die Sowjetunion, indem sie sich aus dem Konflikt heraushielte, nicht geschwächt werden. Sie würde ihre Handlungsfreiheit behalten und Zeit gewinnen, um ihre Verteidigung für einen zukünftigen Krieg vorzubereiten, in dem die Sowjetunion von einem oder mehreren kapitalistischen Staaten angegriffen würde.

Stalins Kalkül wurde infolge des deutschen Blitzkriegs in Westeuropa im Mai und Juni 1940 durchkreuzt. Die Deutschen brauchten nur sechs Wochen, um Frankreich zu schlagen, das als eine der stärksten militärischen Landmächte der Welt galt. Hitler war der Herrscher über Europa und schien über die Mittel zu gebieten, nach der Weltmacht zu greifen. Unter der neuen Führung von Winston Churchill kämpfte Großbritannien weiter, war jedoch isoliert, und es bestand wenig Aussicht, dass die US-Amerikaner bald zur Rettung kämen. Es schien, als würden am Ende des Krieges die siegreichen Deutschen die Bedingungen einer Friedensregelung diktieren.

Stalin geriet angesichts dieser bedrohlichen Entwicklung nicht in Panik. Wie er gegenüber Stafford Cripps, dem britischen Botschafter in Moskau, sagte, müsse Deutschland, um eine wahrhaft dominierende Macht zu sein, sowohl eine große Seemacht wie auch eine Landmacht werden. Darüber hinaus war Hitlers Herrschaft über Europa nicht vollständig: Ihm stand die mächtige Sowjetunion im Weg, ein Land, das sich seit einem Jahrzehnt oder länger auf den Krieg vorbereitet hatte. Die UdSSR war im Begriff, eine fünf Millionen Mann starke Armee aufzustellen, die mit Tausenden Panzern, Flugzeugen und Artilleriebatterien ausgerüstet war.

Während Stalin zuversichtlich war, dass er mit einem deutschen Angriff stets fertig werden konnte, war er zugleich entschlossen, den Krieg so lange wie möglich abzuwenden. Auf die militärischen Erfolge der Deutschen im Westen reagierte er mit einer Verstärkung der sowjetischen Kontrolle über die baltischen Staaten. Die letzten Spuren der Unabhängigkeit wurden beseitigt, als Estland, Lettland und Estland zwangsweise in die UdSSR eingegliedert wurden. Wie in Westbelorussland und in der Westukraine wurden in den baltischen Staaten verdächtige Elemente entfernt und Hunderttausende Menschen in das Innere der Sowjetunion deportiert. Stalin forderte zudem die Rückgabe Bessarabiens, das 1918 von Rumänien besetzt worden war. Die Rumänen gaben den Landstrich (der heute zur Republik Moldau gehört) am 28. Juni zusammen mit der Nordbukowina, einem Gebiet mit überwiegend ukrainischer Bevölkerung, auf.

Am wichtigsten war, dass Moskau seine Bemühungen zur Schaffung eines sowjetischen Einflussbereichs auf dem Balkan erneuerte. Am 25. Juni 1940 bot die Sowjetunion Mussolinis Italien, das gerade in den Krieg eingetreten war, ein Abkommen über Einflusszonen an, mit dem die italienische Hegemonie im Mittelmeer im Tausch gegen eine sowjetische Vorherrschaft im Schwarzen Meer anerkannt worden wäre – eine Initiative, die von den Deutschen abgelehnt wurde.

Deutsche Angriffspläne

Während Stalin seine strategischen Züge an der Ostsee und auf dem Balkan als defensive Schritte betrachtete, wertete Hitler sie als provokativ und bedrohlich. In Reaktion darauf befahl der »Führer« seinem Militärstab, Eventualpläne für den Krieg gegen die Sowjetunion auszuarbeiten. Dies war ein erster Schritt auf dem Weg zum »Unternehmen Barbarossa« – dem Codenamen für den deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941; doch die endgültige Entscheidung wurde erst im Dezember 1940 getroffen.

Zum Entschluss Hitlerdeutschlands, die Sowjetunion anzugreifen, gibt es zwei Interpretationsansätze. Der eine besagt, dass Hitler nach dem Fall Frankreichs zu seiner ideologisch motivierten Mission zurückgekehrt sei, Lebensraum in Russland zu erobern und sowohl die sowjetischen Juden wie auch das kommunistische System zu vernichten. Der andere lautet, Hitlers Entscheidung sei durch strategische Überlegungen bestimmt gewesen: dass er die Sowjetunion tatsächlich als existentielle Bedrohung für ein deutsches Imperium in Europa ansah.

Die letztgenannte Position besitzt insofern eine gewisse Plausibilität, als Hitler eine mögliche Verbindung zwischen Großbritannien und der Sowjetunion zu erkennen glaubte. Er konnte nicht verstehen, warum sich die Briten nach der Niederlage ihres französischen Verbündeten weigerten, ein Friedensabkommen auszuhandeln, und kam zu dem Schluss, dass Churchill auf eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion hoffte, und rechnete damit, dass sich auch die Briten ergeben würden, wenn er Russland erobern könnte.

Während Hitler mit Churchills Kalkül recht hatte – der britische Premier rang um die sowjetische Unterstützung im Kampf gegen Deutschland –, wollte Stalin nicht auf seiten Großbritanniens in den Krieg hineingezogen werden. Je stärker Hitler wurde, desto entschlossener war die sowjetische Seite, die Bedingungen des Nichtangriffspaktes nicht zu brechen. Doch Stalins Einsatz für eine einstweilige friedliche Koexistenz mit Deutschland hatte Grenzen. Vor allem war er nicht bereit, die Sicherheit des Sowjetstaates zu gefährden, auch wenn dies bedeutete, einen Krieg zu führen, den er unbedingt vermeiden wollte.

Im November 1940 reiste Molotow zu Verhandlungen mit Hitler und Ribbentrop nach Berlin. Die Sowjetunion sollte in einen »Kontinentalblock« bestehend aus Deutschland, Italien, Japan einbezogen werden. Bevor er Moskau verließ, wurde Molotow von Stalin angewiesen, herauszufinden, was die deutschen Absichten waren und welche Rolle der Sowjetunion in Hitlers Plänen zugedacht war. Stalins Priorität war die Einbeziehung Bulgariens in den sowjetischen Interessenbereich. Stalin ermahnte Molotow auch, dass die Zukunft der Türkei, Irans, Rumäniens und Ungarns nicht ohne sowjetische Beteiligung entschieden werden dürfe. In Berlin wurde Molotow eine Juniorpartnerschaft in einem von Deutschland geführten internationalen Bündnis angeboten, in dem die UdSSR auf eine Expansion nach Indien und einen Zusammenstoß mit den Briten ausgerichtet werden sollte. Die Unterredung des sowjetischen Außenministers mit den deutschen Führern war von Anfang bis Ende heftig. Niemand trat Hitler so entschieden entgegen wie Molotow.

Stalin hatte kein Interesse an Hitlers großen Plänen, aber er gab die Möglichkeit einer Erneuerung der deutsch-sowjetischen Partnerschaft nicht sofort auf. Nach Molotows Rückkehr schlug Moskau den Deutschen vor, dass die UdSSR dem geplanten Bündnis gegen Großbritannien beitreten würde, sofern a) deutsche Truppen aus Finnland abgezogen würden; b) Bulgarien mit der Sowjetunion einen Vertrag über gegenseitige Beistandshilfe unterzeichnete; c) die sowjetischen Bestrebungen in Richtung Persischer Golf anerkannt würden; d) die Türkei sowjetischen Militärstützpunkten am Bosporus zustimmte und e) Japan auf Ansprüche auf Kohle- und Ölkonzessionen in Nordsachalin verzichtete.

Hitler hat auf diesen sowjetischen Vorschlag nie geantwortet. Statt dessen gab er am 18. Dezember seine Direktive zum »Unternehmen Barbarossa« heraus: »Die deutsche Wehrmacht muss bereit sein, Sowjetrussland in einem raschen Feldzug noch vor dem Ende des Krieges gegen England zu zerschlagen.« Deutschlands Absicht, die Sowjetunion zu überfallen, war mitnichten ein Geheimnis. Dies zeigte sich spätestens seit der Abkühlung in den sowjetisch-deutschen diplomatischen Beziehungen und, was noch wichtiger ist, an der gewaltigen Truppenverstärkung der Wehrmacht entlang der sowjetischen Grenzen. Die Frage war nicht ob, sondern wann Hitler einmarschieren und was die Folge dieses Angriffs sein würde.

Stalins Illusionen

Stalin war sich der Gefahr einer bevorstehenden deutschen Invasion sehr wohl bewusst, erlag aber mehreren Illusionen. Erstens war er überzeugt davon, dass der deutsche Angriff verzögert werden könne. Er glaubte, es gebe in Hitlers engstem Kreis zwei Lager: jene, die einen sofortigen Krieg mit Russland wollten, und jene, die die Vorteile einer fortgesetzten Zusammenarbeit mit der Sowjetunion sahen. Stalin bemühte sich, die »Tauben« unter den Nazis zu besänftigen, und unterließ es, den »Falken« Munition zu liefern, etwa indem er seine Streitkräfte offen mobilisierte. Stalins Wahrnehmung einer Spaltung wurde durch ein deutsches Täuschungsmanöver verstärkt, das ihn zu der Überzeugung führte, die Truppenkonzentration der Wehrmacht sei nicht das Vorspiel zum Krieg, sondern zu Forderungen Hitlers nach politischen und militärischen Konzessionen.

Stalin verfügte über zahlreiche Informationen, die auf ein anderes Szenario hinwiesen: dass die militärischen Vorbereitungen der Deutschen real waren und ein Krieg unmittelbar bevorstand. Aber er nahm an, dass diese Informationen Teil der Verschwörung der britischen Geheimdienste waren, die die Sowjetunion zu einem vorzeitigen Krieg gegen Deutschland provozieren sollten. Stalins Befürchtungen, die Briten stifteten Unheil, wurden durch die mysteriöse Flucht von Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess nach Großbritannien im Mai 1941 bestärkt – angeblich war Hess in persönlicher Mission unterwegs, ein Friedensabkommen zwischen Großbritannien und Deutschland zu vermitteln.

Die zweite Illusion betraf die sowjetische Militärmacht. Stalin glaubte, es sei nicht weiter wichtig, ob Hitler einen Überraschungsangriff startete, denn die sowjetische Verteidigung würde standhalten und genügend Zeit bleiben, um die notwendigen Gegenmaßnahmen vorzubereiten. Diese Illusion wurde von Stalins Generälen geteilt, die sich auf einen Offensivkrieg gegen Deutschland vorbereiteten. In der Tat unternahm die Rote Armee zu Beginn der deutschen Invasion am 22. Juni 1941 eine Reihe von Gegenoffensiven, die in einer Katastrophe endeten, als ihre Vorwärtsformationen eingekreist wurden.

Der britische Historiker A. J. P. Taylor bemerkte, Stalins Entschluss zur Durchführung einer Offensive habe »den sowjetischen Armeen größere Katastrophen zugefügt als jeder anderen Armee«. Bis Ende 1941 hatte die Rote Armee erschütternde vier Millionen Opfer zu beklagen. Die Sowjetunion stand kurz vor der Niederlage. Um Moskau entbrannte eine Schlacht, Leningrad war umzingelt, die Deutschen hatten Kiew erobert und waren tief in Südrussland und die Ukraine eingedrungen.

Es wird oft behauptet, Hitlers größter Fehler sei die Invasion in Russland gewesen. Das »Unternehmen Barbarossa« war jedoch nicht so riskant, wie es im nachhinein erscheint. Während des Ersten Weltkriegs hatten die Deutschen einen äußerst effektiven Feldzug an ihrer Ostfront geführt, und nicht zuletzt infolge der Oktoberrevolution beendete Russland die Kriegshandlungen. 1941 war Hitler zuversichtlich, diesen Erfolg wiederholen zu können.

Wollte Hitler nach der Niederlage Frankreichs die deutsche Vormachtstellung in Europa aufrechterhalten, blieb ihm nichts anderes übrig, als in die Sowjetunion einzudringen. Sein Fehler war zu glauben, die Sowjetunion könne in einem einzigen kurzen Feldzug unterworfen werden, und es könne gleichzeitig ein Vernichtungskrieg gegen den »jüdisch-bolschewistischen« kommunistischen Staat geführt werden. Hitler und seine Generäle unterschätzten die Widerstandsfähigkeit der Roten Armee fatal und lagen in ihrer Einschätzung von der Zerbrechlichkeit des Sowjetregimes komplett daneben. Man müsse nur die Tür aufschlagen, sagte Hitler zu seinen Generälen, und die gesamte verfaulte Struktur des sowjetischen kommunistischen Systems würde zusammenbrechen. Das geschah nicht. Im Dezember 1941 schlug die Rote Armee den deutschen Angriff auf Moskau zurück und bereitete der faschistischen Wehrmacht in Stalingrad Ende 1942, Anfang 1943 eine gewaltige Niederlage.

Geoffrey Roberts ist emeritierter Professor für Geschichte am University College Cork und Mitglied der Royal Irish Academy. Der Titel seines neuesten Buchs lautet »Churchill and Stalin: Comrades-in-Arms during the Second World War« (2019)

Übersetzung aus dem Englischen von Daniel Bratanovic

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