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Aus: Ausgabe vom 23.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Die Superzuckerbombe

Zuviel von allem: Philip Baileys Album »Love Will Find A Way«
Von Harald Justin
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Kleckert nicht, klotzt lieber: Philip Bailey

Wer sich das tägliche Shoot­out nicht nehmen und einen Präsidenten die Regierungsgeschäfte führen lässt, der den Bad-Hair-Day offenbar zum lebenslänglichen Prinzip erkoren hat, hat mehr als nur ein Geschmacksproblem.

Der etwas andere US-amerikanische Geschmack lässt sich sogar hören, bei Philip Bailey etwa. Der Afroamerikaner war einmal Sänger bei Earth, Wind & Fi re, die in den siebziger Jahren eine recht populäre Musik zwischen R&B, Funk und Disco spielten. Das war nicht mehr der verschwitze Soul eines James Brown oder einer Aretha Franklin, eher eine elegante, sich an allerlei Kitschregionen anschmiegende Musik mit Funk-Elementen. Auf einem Album brachten Earth, Wind & Fire es fertig, Dylan, Motown-Bläser und Jazzrocker von Weather Report zu zitieren. Zudem schlug das Ensemble mit seiner Vorliebe für polyrhythmische Gitarrenläufe, aufgekratzten Bläsersätzen, pumpenden Bässen, Kalimbaklängen, Falsettgesängen und mit gigantischen Bühnendekorationen die Brücke zum afrikanischen Erbe. Pyramidenattrappen und altäygp­tisches Dekor verwiesen auf die spirituelle Seite ihrer Musik. Jazz, Gospel, Soul und Rock, alles war eins. Der US-amerikanische Traum vom Melting Pot wurde für die Dauer einer LP wahr. Aber das war in den Siebzigern, da trafen Earth, Wind & Fire den Nerv des US-amerikanischen Publikums. In Europa war von ihnen weniger zu hören.

Knappe 50 Jahre später singt Bailey immer noch. Im Booklet ist zu sehen, wie er per Trommeln das afrikanische Erbe beschwört. Sechs Bläser, einige Violinisten, fünf Drummer, vier Gitarristen, vier Bassisten, drei Pianisten besorgen es ihm rudelweise. Unter ihnen der momentan gehypte Kamasi Washington, aber auch altgediente Firstclass-Jazzer wie Chick Corea, Kenny Barron, Lionel Loueke, Steve Gadd, Christian McBride. Warum kleckern, wenn geklotzt werden kann? Leise Sozialkritik mit Coverversionen von Titeln des Großsoullisten Curtis Mayfield ist ebenso zu hören wie Schmalzverdächtiges nach Marvin Gaye. Alles im gleichmäßigen Midtempobereich, alles üppigst instrumentiert. Wo Bailey mit diesem Album US-Amerikaner begeistern mag, da schlägt der europäische Geschmackssensor bei dieser akustischen Superzuckerbombe Alarm und zieht den Vergleich zu Stretchlimos, überdimensionierten Megahamburgern, Cola-to-go in Ein-Liter-Bechern und orangefarbenen Fönfrisuren. Alles zuviel.

Philip Bailey: »Love Will Find A Way« (Verve/Universal)

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