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Aus: Ausgabe vom 23.08.2019, Seite 8 / Ansichten

Gefahrenzone des Tages: Hamburger Waitzstraße

Von Kristian Stemmler
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Schon wieder eine Fensterscheibe kaputt: Wenn die betuchten Senioren doch wenigstens mit ihren Luxusschlitten umgehen könnten

Geld allein macht nicht glücklich. In der Welt der Reichen gibt es viele Probleme, von denen der neidende Durchschnittsverdiener nicht die leiseste Ahnung hat. Ein Beispiel dafür findet sich in der Waitzstraße im Hamburger Westen. In dieser schnuckeligen Einkaufsmeile decken die Einwohner des benachbarten Nobelviertels Othmarschen ihren Bedarf an Luxusaccessoires, mit denen sie sich vom gemeinen Pöbel abzuheben gedenken. Das Problem: Die Straße ist recht eng, die Parkplätze laufen direkt auf die Läden zu. In Verbindung mit der älteren Kundschaft ergibt das eine explosive Mischung.

So ist die Waitzstraße zum Ort einer im Lande einmaligen Unfallserie geworden. Rund 20mal sind Autofahrer bereits in Geschäfte oder auf den Fußweg davor gebrettert, weil Senioren die Kontrolle über ihre schweren SUVs, Daimlers oder Porsches verloren. Am Mittwoch krachte ein 82jähriger mit seinem Mercedes in die Auslagen eines Blumenladens, wie lokale Medien berichteten. Im Mai rauschte eine 83jährige beim Einparken mit ihrem Gefährt in eine Boutique, im März rummste eine 81jährige gegen das Schaufenster eines Friseursalons.

Unfallforscher untersuchten die Serie und fanden heraus: In den recht engen Parklücken gerieten die Fahrer, die allesamt älter als 75 Jahre waren, mit ihren dicken Karossen so in Stress, dass sie Gas- und Bremspedal verwechselten. Inwiefern innere Erregung über frisch geshoppte Designerlampen oder mit Diamanten besetzte Hundekörbchen für die Fehltritte verantwortlich waren, blieb nach jW-Informationen in den Untersuchungen ungeklärt. Auch ein Umbau der Straße für schlappe 1,7 Millionen Euro, bei dem am Straßenrand Granitbänke als Barrieren installiert wurden, schützte die teuren Geschäfte nicht vor der eigenen Kundschaft.

Ach, was soll’s. Vermutlich sind das alles wieder nur Neiddebatten. Freie Fahrt für freidrehende Reiche!

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