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Aus: Ausgabe vom 21.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Liederabend

Krieg und Lügen

Ein Liederabend mit Gina und Frauke Pietsch in Berlin
Von Stefan Amzoll
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Rasche emotionale Farbwechsel: Frauke und Gina Pietsch (r.) (»Hommage an Daniel Viglietti«, 2018)

Ein Mottoabend gegen Krieg und Lügen: »Meinst du, die Russen wollen Krieg?« Jewgeni Jewtuschenko schrieb diese Gedichtzeile 1961, Eduard Kolmanowski vertonte sie. Das Lied stand am Schluss des Abends, russisch und deutsch gesungen von Gina und Tochter Frauke Pietsch. Es war ein Finale voller Würde und Solidarität. Und ähnlich verlief das gesamte Programm der beiden Künstlerinnen am Montag – zwei Stunden vor etwa 80 Besuchern im Café Sibylle in der Berliner Karl-Marx-Allee.

Eingeladen hatte die VVN-BdA Berlin. »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer« heißt es bei Francisco de Goya. Die Warnung ist akut und wurde in »Meinst du, die Russen wollen Krieg?« klanglich eindrücklich manifest. Vom millionenfachen Leid im 20. Jahrhundert handelnd, moderiert, rezitiert, aktualisiert, gesungen, gehaucht, herausgeschrien, galt der Reigen den Millionen, die nicht wissen sollen, welches Unrecht die »Russen« erleben mussten.

Das dritte Lied, Eisler/Brechts »Der Graben« (Kurt Tucholsky), war der Hammer. Er traf in Gestalt von Gina Pietschs unverwechselbarer Stimme – traurig, dunkel und zugleich aufbegehrend nahm sie die Mahnungen des Gedichts vor der Völkerverhetzung im Ersten Weltkrieg auf –, so dass seine pulsierenden Schläge gleichsam in den Herzen nachhallten. Langer Beifall. Dann das »Deutsche Miserere« derselben Autoren, es handelt von den schnellen Siegen und den entsetzlich gedehnten Niederlagen der Wehrmacht. Gina und Frauke Pietsch am E-Klavier hier in Nuancen anders als Busch und Eisler, die das Lied auch gesungen haben. Ganz anders aber als Busch interpretieren sie »Der heilige Krieg« von Alexander Alexandrow (1941). Das Metallische des großen Arbeitersängers und Schauspielers verschwindet hier ganz, und sparsame Melancholie findet ihren Ort.

Der Liederabend, klar und klug disponiert, jüngste Geschichte und klassische Rocknummern fehlen nicht, lebt von Kontrasten. Der Aufruf Brechts »An die deutschen Soldaten im Osten« hinterließ im Publikum großen Eindruck. Ihm folgte das schlichte »Wolgograd« von Franz Josef Degenhardt. Es beschreibt die Stadt in neuem Antlitz, schön die Alleen, fröhlich die Menschen, doch »Nichts ist vergessen!«. Ebenso einleuchtend ist die Konstellation: Gina Pietsch spricht Volker Brauns »Verschwinden des Volkseigentums« so kantig-präzise, dass das nachfolgende »Gegenlied von der Freundlichkeit der Welt« von Brecht mit der Zeile »Die Welt soll häuslich werden« als erstrebenswerter Gesellschaftsentwurf geradezu hervorsticht. Eindringlich, weil stimmtechnisch auf höchster Höhe durch rasche emotionale Farbwechsel Frauke Pietschs Solonummer »Gimme Shelter« nach Mick Jagger und Keith Richards von den Rolling Stones.

Gina Pietsch verwies mehrmals auf die 27 Millionen Ermordeten auf seiten der Befreier während des Großen Vaterländischen Krieges. Schimpf denen, die sie dem Gedächtnis entreißen, klingt es aus Liedern des Abends, Schande denen, die Hass säen. Dumpfe Mäuler und Medien blasen zum Angriff wider die Befreiungstat der sowjetischen Völker im Zweiten Weltkrieg. Es macht zornig, dieses instinktlose Gewäsch, diese bewusst lancierte Kultur des Vergessens, diese Schamlosigkeit der Austreibung von Erinnerung wahrzunehmen. Gina und Frauke Pietsch setzten dem kraftvoll ihr Können und ihre Wahrheit entgegen.

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