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Aus: Ausgabe vom 21.08.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
30 Jahre Baltikstaaten

Giftige Mischung

Antirussisch, antikommunistisch, antisemitisch: Der Nationalismus der Baltenstaaten Estland, Lettland und Litauen
Von Reinhard Lauterbach
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Die Teilnehmer der »Menschenkette« am 23. August 1989 tragen ihre antikommunistische Gesinnung zur Schau

Im Herbst 1989 gehörte ich zu einer Gruppe von westdeutschen Journalisten, die von der damaligen litauischen »Volksfront« Sajudis zu einer »Studienreise« nach Litauen eingeladen war. Bis auf die Anreise wurde alles aus dem Haushalt der Sozialistischen Sowjetrepublik bezahlt. Eine Woche lang hörten wir stundenlange Vorträge über Ruhmestaten des litauischen und Schandtaten des russischen Volkes, aufgelockert durch Exkursionen. In Kaunas, der litauischen Hauptstadt der Zwischenkriegszeit, führte uns ein örtlicher Sajudis-Aktivist durch die Altstadt, unter anderem von Gedenkstein zu Gedenkstein. Eine Kollegin fragte den Mann, ob es auch eine Gedenkstätte für die Tausenden von den deutschen Einsatzgruppen ermordeten Juden von Kaunas gebe. »Wozu?«, war die Antwort, kombiniert mit einer wegwerfenden Handbewegung: »Das waren doch alles Kommunisten.« Der Kollegin fiel sichtbar der Unterkiefer herunter. Das hatte sie von diesem als sympathisch und gegen nationale Unterdrückung kämpfend dargestellten Volk nicht erwartet.

Russland hatte die Kontrolle über die »Ostseegouvernements« (der Name »Baltenland« ist eine russische Zuschreibung und bedeutet eigentlich: »an der Ostsee gelegen«) im 18. Jahrhundert nach dem gewonnenen Nordischen Krieg gegen Schweden erlangt und lange Zeit nicht viel an der vorgefundenen Sozialstruktur geändert. Der grundbesitzende Adel war häufig deutschstämmig, Nachkommen der feudalen Kriegsherren, die das Gebiet im Mittelalter als »Deutscher Ritterorden« kolonisiert und als einen der letzten Teile Europas christianisiert hatten. Auch die Bourgeoisie war stark germanisiert; hinzu kamen in den Städten viele Juden. Viele baltendeutsche Adlige machten auch Karriere im russischen Militär oder am Zarenhof, nachdem dieser von Moskau in das nicht allzuweit entfernte Sankt Petersburg verlegt worden war.

Derweil wurden die baltischen Sprachen – sie sind untereinander nicht verwandt, Litauisch und Lettisch gehören zur indogermanischen Sprachfamilie, Estnisch ist ein Zweig des Finnischen – eigentlich nur noch auf dem Land gesprochen. In den Städten Reval (Tallinn) und Riga dominierten das Deutsche und das Russische, die estnische Universität Dorpat (Tartu) war deutschsprachig. In Litauen war Polnisch die Sprache der Bildungsschicht, Wilna (Vilnius) galt bis 1941 als »Jerusalem des Nordens«.

Als die beiden Revolutionen des Jahres 1917 das Zarenreich zerstörten, polarisierten sich die Gesellschaften der baltischen Länder auf doppelte Weise. Lettische Schützen gehörten zu den Elitetruppen der Bolschewiki, gleichzeitig schlugen die einheimischen Bourgeoisien im Verbund mit dem baltendeutschen Adel und mit Unterstützung von Resten der deutschen Armee den kommunistischen Aufstand gewaltsam nieder und errichteten drei kleine Republiken: Estland, Lettland und Litauen. Alle zeichneten sich, je länger, desto mehr, durch quasifaschistische Regimes aus.

Aus russischer Sicht war das Baltikum strategisch wichtig, versperrte oder eröffnete es doch – je nachdem, wer es kontrollierte – den Zugang zur Ostsee mit ihren zumindest weitgehend eisfreien Häfen. Außerdem war das seit 1924 so heißende Leningrad nicht weit entfernt. Für die Führung in Moskau lag es also nahe, sich im deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 das Baltikum als sowjetische Interessensphäre zusichern zu lassen. 1940 erreichte Moskau, dass in den drei baltischen Staaten erst prosowjetische Regierungen eingesetzt wurden und diese wenig später den Beitritt zur UdSSR beantragten. Die zuvor herrschenden Schichten der baltischen Staaten wurden durch Erschießungen und Verbannungen nach Sibirien dezimiert, aber die Erinnerung an die staatliche Unabhängigkeit blieb erhalten. Tausende Litauer und Letten traten in SS-Legionen ein oder beteiligten sich an der Ermordung der örtlichen Juden; in Litauen kämpften noch bis Anfang der 1950er Jahre sogenannte Waldbrüder gegen die 1945 wiederhergestellte Sowjetmacht.

Im Zweiten Weltkrieg litt das Baltikum weit weniger als andere Teile der Sowjetunion. Dies und die vergleichsweise gute Infrastruktur führten dazu, dass nach dem Krieg eine enorme Industrialisierung der zuvor agrarisch strukturierten Republiken einsetzte – einschließlich einer starken Zuwanderung von angeworbenen Arbeitskräften aus anderen Teilen der UdSSR. Im Ergebnis fühlten sich Teile der Titularnationen von den Zuwanderern bedroht, obwohl auch dank ihres Beitrags die baltischen Republiken die wohlhabendsten Teile der Sowjetunion waren: mit einem Sozialprodukt pro Kopf, das um 20 bis 30 Prozent über dem Unionsdurchschnitt und doppelt so hoch wie in den asiatischen Republiken lag. Die Verteilung der Gelder innerhalb der Sowjetunion traf im Baltikum vom Mann auf der Straße bis zu den regionalen Parteileitungen auf immer stärkeren Widerstand, zumal mit der Perestroika die Versorgung generell schlechter wurde und es weniger zu verteilen gab. Ein Großteil der Russen- und Unionsfeindschaft, die die letzten Jahre der UdSSR im Baltikum kennzeichnete, war im Kern Wohlstandschauvinismus.

1989 hatte die Zugehörigkeit der Republiken zur UdSSR im Baltikum keine sozialen Trägerschichten mehr. Die Republiksparteiorganisationen überboten sich im Nationalismus mit den antisowjetischen Kräften, und die Zuwanderer aus Russland konnten mit ihren »Interbewegungen«, die den Status quo erhalten wollten, nicht mehr dagegenhalten. 1991 gehörten Estland, Lettland und Litauen zu den ersten Republiken, die sich von der Union lossagten.

Hintergrund: Spur der Kollaboration

Einer der Gründer der antisowjetischen »Volksfront« Sajudis in Litauen war der Musikwissenschaftler Vytautas Landsbergis. Seinem Lebenslauf nach arbeitete er vor seinem Eintritt in die Politik über das Werk des litauischen romantischen Komponisten Mikalojus Konstantinas Ciurlionis (1875–1911).

Doch Landsbergis ist kein harmloser Schreibtischgelehrter. Sein Vater Vytautas Landsbergis-Zemkalnis war Mitglied der »Litauischen Aktivistenfront«, einer Ende 1940 in Berlin gegründeten Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hatte, mit deutscher Hilfe die sowjetische Herrschaft über Litauen zu beenden. Die Gelegenheit schien sich schon nach wenigen Monaten zu ergeben. Bereits am 22. April 1941, also zwei Monate vor dem deutschen Angriff, gründete die »Front« eine »Provisorische Regierung« in der Erwartung, bei einem deutschen Angriff auf die Sowjetunion die Unabhängigkeit des Landes wieder ausrufen zu können.

Landsbergis senior, von Beruf Architekt, übte in dieser Regierung und anschließend in der von Pjatras Kubiljonis geleiteten deutschen Besatzungsverwaltung bis 1944 – also dem Jahr der Befreiung von Vilnius – das Amt des Ministers für Kommunalwirtschaft aus. Nicht erstaunlich, dass sich die Familie im Gefolge der Wehrmacht nach Deutschland absetzte und sich nach 1945 einige Jahre in dem von US-Geheimdiensten geförderten Milieu antikommunistischer Emigranten aus allen Teilen des entstehenden sozialistischen Lagers in München durchschlug, bevor ihr 1959 die Rückkehr in die UdSSR gestattet wurde.

Von einer Distanzierung des Sohns von der Kollaboration seines Vaters ist nichts bekannt. Im Gegenteil brachte er 2000 ein Gesetz durch das litauische Parlament, wonach die »Provisorische Regierung« als offizielle und legale Regierung des Landes anerkannt wurde. (rl)

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