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Aus: Ausgabe vom 20.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Zurück in den Müll

»Toy Story 4« folgt beinahe einem Drehbuch von Walter Benjamin
Von Peer Schmitt
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Im Staub und im Schatten: Woody (Mitte) zwischen Ramsch

Sie werden links liegengelassen, in die Rumpelkammer geworfen, die Spielzeuge in »Toy ­Story 4«. Das wurde ja vielleicht auch mal Zeit, nach einem Vierteljahrhundert dieser kleinen Serie aus dem Hause Disney/Pixar, sprich seit dem ersten »Toy Story« (1995) über die Rivalität zwischen einer Cowboypuppe und einer Astronautenfigur im Labor der Subjektwerdung – dem Kinderzimmer.

Doch kaum wird das eine vergessen, verloren, verlegt – »Alle Kinder verlieren ihr Spielzeug«, sagt in dem Film das Spielzeug über sein unvermeidliches Schicksal –, wird praktisch im selben Atemzug etwas Herumliegendes, scheinbar nicht Dazugehörendes mit beiläufigen Handgriffen zunächst zum Spielzeug/Kunstwerk und schließlich zum Subjekt gemacht.

Woody, der Spielzeugcowboy mit dem Sheriffstern und dem unerschütterlichen Pflichtbewusstsein (Stimme im Original bezeichnenderweise: Tom Hanks) hat das schon ein paarmal mitgemacht: das erstmalige Erblicken des Lichts der Welt, die Aneignung der eigenen Stimme, den Kampf um Anerkennung. In »Toy Story 4« ist alles etwas anders, auch wenn Randy Newman die alte Ballade vom Cowboy singt, der plötzlich nicht mehr einsam ist: »Jemand nimmt dich aus dem Regal und spielt mit deinem Song.« Die Bedeutung des Liedes, des Spiels, liegt im Gebrauch, den jemand davon macht.

In den bisherigen »Toy Story«-Filmen wurde vorgeführt: Spielzeuge bekommen einen Subjektstatus, wenn mit ihnen gespielt wird. Paradoxerweise belebt sich ihr Eigensinn nur in Abwesenheit der Spielenden, im Moment, da sie aus deren Blickfeld geraten. Von einer Abwesenheit zur nächsten gereicht, warten die Spielzeuge im Grunde auf die spielenden Kinder wie Raubtiere auf die Beute, Tagelöhner auf Käufer ihrer Arbeitskraft, Schauspieler aufs Engagement. Das Ausharren belebt sie, die Zweckerfüllung, das Spiel, lässt sie in den unbelebten Dingzustand zurückfallen.

Und dann geschieht das Wunder. Das Kind, an das der Cowboy weitergereicht wurde – diesmal ein Mädchen, Bonnie – baut sich im Kindergarten aus Plastikgabel, Faden und anderem Krimskrams ein neues Spielzeug, signiert und tauft es: »Forky«. Es erwacht zum Leben, der Traum der Kunst. Nur will Forky dieses Leben, diesen Subjektstatus nicht annehmen. Forky erlebt die eigene Stimme als Horror und will nichts als zurück in den Mülleimer, um sich in seine ursprünglichen Bestandteile, eben in Müll – Trash –, in ein stolz und glücklich zerstreutes Chaos zurückzuverwandeln.

Das folgt beinahe einem von Walter Benjamin geschriebenen Drehbuch: »Unwiderstehlich fühlen sie (die Kinder) sich vom Abfall angezogen, der sei es beim Bauen, bei Garten- oder Tischlerarbeit, beim Schneidern oder wo sonst immer entsteht. In diesen Abfallprodukten erkennen sie das Gesicht, das die Dingwelt gerade ihnen, ihnen allein zukehrt. Mit diesen bilden sie die Werke von Erwachsenen nicht sowohl nach als dass sie diese Rest- und Abfallstoffe in eine sprunghafte neue Beziehung zueinander setzen. Kinder bilden sich damit ihre Dingwelt, eine kleine in der großen, selbst. Ein solches Abfallprodukt ist das Märchen, das gewaltigste vielleicht, das im geistigen Leben der Menschheit sich findet: Abfall im Entstehungs- und Verfallsprozess der Sage.«

Gewaltiges ist aus Abfall – aus Trash – entstanden. Und es ist Aufgabe des Cowboys, dafür zu sorgen, dass das neue Leben sich nicht in selbstgewählten Zerfall stürzt, sondern mit ihm auf die Reise geht, wo es Jahrmärkte gibt oder verstaubte Ramschläden, nur um nach gewaltigem Aufwand von Intrige, Raub und Geiselnahme abermals achtlos weggeschmissen zu werden. Bei Disney/Pixar haben sie schon wieder den allerbesten Film im Zeichen des Mülls gemacht. Über ihre fürchterlich allmächtige Kunstproduktionskapazität, über den Schock, die Angst, die das Geschaffenwerden – nicht aus dem Nichts, sondern aus Abfall – mit sich bringt, über die Dialektik der Anerkennung am Beispiel der sogenannten Liebe, die so welterschaffend, allerdings auch so hinterhältig ist wie sonst nur Spielzeuge, so dass es vielleicht besser scheint, die Dinge einfach laufen zu lassen, bis man gefunden wird, aufgelesen, neu zusammengebastelt und am Ende sich so etwas wie eine Loslösung, ein Eigensinn, eine Souveränität des Abfalls wie von selbst einstellt.

»Oder vielleicht richtiger: Das ganze Resultat dieser ganzen Arbeit ist das Linksliegenlassen der Welt (Das In-die-Rumpelkammer-Werfen der ganzen Welt)« (Ludwig Wittgenstein, »Vermischte Bemerkungen«).

»A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando« (»Toy Story 4«), Regie: Josh Cooley, 100 min, bereits angelaufen

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