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Aus: Ausgabe vom 20.08.2019, Seite 8 / Ansichten

Hongkong hängt sich ab

China plant Ausbau des Perlflussdeltas
Von Sebastian Carlens
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Strebt eine akademische Karriere in den USA an: Aktivist Nathan Law, hier am 24. Oktober 2017 vor einem Hongkonger Gericht

Nathan Law, ein prominenter Anführer der Regierungsgegner in Hongkong, hatte eine Idee, wie sich die seit Monaten tobenden Proteste in der Sonderverwaltungszone noch etwas länger fortführen lassen. Die Schüler und Studenten, die einen großen Teil der Teilnehmer stellen, müssten eigentlich bald zurück in ihre Bildungseinrichtungen – da bleibt keine Zeit mehr zum Marschieren. Also riefen Law und seine Mitstreiter zu einem »Studentenstreik« ab nächstem Monat auf. Keine Vorlesungen, keine Besuche der Universitäten, statt dessen: auf der Straße bleiben, gegen die VR China, für eine – wie auch immer geartete – »Unabhängigkeit« kämpfen.

Dieser »Streik« gilt natürlich nicht für US-amerikanische Universitäten, auch nicht für seine Anführer: Nathan Law teilte am Mittwoch auf Facebook mit, dass er in New York eingetroffen sei und nach Yale weiterreise. Dort wolle er nun sein Master-Studium beenden.

Law spielt seit den »Occupy-Central«-Unruhen 2016 eine prominente Rolle in Hongkongs »Demokratiebewegung«. Ein Mitglied seiner Gruppe entpuppte sich später als Mitarbeiter des US-Generalkonsulats. Erst Anfang des Monats war Law fotografiert worden, wie er sich mit Abgesandten der US-Organisation »National Endowment for Democracy« (NED) traf. Der Thinktank wird aus US-Haushaltsmitteln finanziert.

Was das beweist? Nicht, dass die Demonstrationen eine bloße Erfindung der CIA wären. Wohl aber, dass die Anführer ihre ganz eigene Agenda verfolgen. Es geht nicht um die Lösung vorhandener Probleme, sondern um Eskalation. Es werden keine Kompromisse gesucht, es soll Chaos erzeugt werden. Idealerweise bricht ein Bürgerkrieg aus, China wäre zum Eingreifen gezwungen, und die Kampagne könnte auf internationaler Ebene fortgesetzt werden.

Es spricht vieles dafür, dass dies nicht gelingen wird. Statt dessen kann sich die Nachbarstadt Shenzhen über besondere Aufmerksamkeit freuen. Im Rahmen der Verschmelzung des Perlflussdeltas zur sogenannten größeren Guangdong-Hongkong-Macao-Bucht soll das frühere Fischerdorf mit jetzt über 12 Millionen Einwohnern zu einer »sozialistischen Vorzeigestadt« ausgebaut werden. Die Gegend ist eine der dichtest besiedelten der Welt, rund 71 Millionen Menschen leben hier. Die Ankündigung der chinesischen Regierung vom Sonntag macht keinen Hehl daraus, dass dies als Signal gemeint ist: Wenn Shenzhen statt der früheren Kronkolonie zum Zentrum dieses riesigen Wirtschaftsgebietes wird, dürfte der – ohnehin schmelzende – Wohlstandsvorsprung Hongkongs bald ganz der Geschichte angehören.

Hongkong kann von nebenan der Zukunft zusehen. Nathan Law muss sich nicht mit den Folgen der von ihm angezettelten Randale herumschlagen, sondern kann seinen Master in Yale machen. Ein Promotionsthema hat er auch schon. Muss man über diese »Demokraten«, für die die USA Donald Trumps ein Sehnsuchtsland sind, noch ein einziges Wort verlieren?

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (19. August 2019 um 22:22 Uhr)
    Gut recherchiert und auf den Punkt gebracht.
  • Beitrag von josef w. aus H. (20. August 2019 um 09:06 Uhr)
    Die WDR-Nachrichten melden, dass Twitter vorsorglich 200.000 Konten gesperrt hat, um zu verhindern, dass von der VR China aus »Stimmung gegen die Demokratiebewegung in Hongkong« gemacht werde. Auch Facebook habe aus demselben Grund zahlreiche Konten gesperrt. Soviel zur Presse- und Meinungsfreiheit im Kampf um die Köpfe.

    Arte berichtet in einem Beitrag, dass vor allem die Tourismusbranche in Hongkong unter den Krawallen leidet; geschlossene Läden und Geschäfte in den Straßenzügen, die von den Demonstranten heimgesucht werden, unterstreichen diese Aussage. Vom Tourismus leben vor allem Kleinhändler und Dienstleister – sie machten laut Arte aber nur fünf Prozent des BIP Hongkongs aus. Die großen Banken könnten weiterhin ihre Geschäfte abwickeln.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Imperialismus Grenzen aufzeigen Wenn Hongkong so weitermacht, droht es von einer ehemaligen britischen Kolonie zu einem Erfüllungsgehilfen der USA zu mutieren. Wenn das die »Freiheit« sein soll, die die manipulierten Demonstranten m...

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