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Aus: Ausgabe vom 22.08.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Wenig Hoffnung

Zu jW vom 30.7.: »Linkes Aufbäumen«

(…) Ein »linkes Aufbäumen« wird es nach meinen Erfahrungen mit Katja Kipping und Bernd Riexinger und wohl auch Dietmar Bartsch nicht geben. Und wer weiß, wieviel Schaden sie in ihrer Amtszeit schon an der Basis angerichtet haben. Darum geht es mir altem Mann gar nicht, der ich schon lange vor meinem Austritt aus der Linkspartei auf kommunistischer Ebene angekommen bin – und eigentlich schon immer war. In der DDR war das selbstverständlich und wurde nicht besonders herausgestellt. Das bringt den Sozialismus nicht wieder, obwohl das so dringend notwendig wäre, wie ich in Anbetracht des kommenden 70. Jahrestages der Gründung der DDR denke.

Die DDR ermöglichte ein Leben, in dem die Menschen nicht verformt wurden, wie es heute der Fall ist. (…) Zur Wendezeit haben Westdeutsche gesagt: Ihr weinerlich und weich erzogenen DDR-Bürger müsst erst mal die Härte des Lebens kennenlernen, um existieren zu können. Wer ist nicht alles auf solche Pflastersteinreden hereingefallen? Heute ist doch klar: Weil uns der Staat DDR die Risiken des Lebens abgenommen hat, konnten wir unseren Horizont erweitern. Wir mussten nicht nach dem Slogan leben, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Klar, um die Menschen vom Kapitalismus loszureißen und in die sozialistische Gesellschaft hineinzuführen, musste ein bestimmter politischer Druck ausgeübt werden. Der, das wissen wir genau, ist nicht zu vergleichen mit dem ökonomischen in der BRD. (…)

Die Menschen im Sozialismus sind andere als im Kapitalismus und umgekehrt. Das trifft auch auf die Linkspartei zu. Ich meine damit, auch Mitglieder der Partei Die Linke sind daran zu messen, in welchem gesellschaftlichen System sie zu Hause sind, ob im Sozialismus oder Kapitalismus. Entsprechend unterschiedlich treten sie auf, wie man am Verhalten der heutigen Linkspartei merken kann. Sie dient eben dem demokratischen Sozialismus, der aus dem Schatten des Kapitalismus nicht hinauskommt und auch nicht hinauskommen will.

Gerhard Schiller, Dresden

Unhaltbare Zustände

Zu jW vom 12.8.: »Mann über Bord«

Das Problem der Ausflaggung, der Minimierung des Personals von Handelsschiffen und der regelrechten Akademisierung des Berufes des Seemannes hat sich seit Jahrzehnten angebahnt. (…) Dabei kamen gravierende Probleme auf. An Bord lebten verschiedene Arbeitskräfte. Die Offiziere waren oft Deutsche. Die ausländische Besatzung wurde erheblich schlechter bezahlt. Mit dem Beginn der Ausbildung und der Durchsetzung der weltweiten Ausflaggung und Totalminimierung der Arbeitskräfte verloren die Offiziere und Kapitäne den Bezug zur Basis und zu den Arbeiten an Deck sowie im Dreck des Maschinenraums. Während es früher üblich war, seine Laufbahn mit dem untersten Dienstrang als Schiffsjunge und Matrose zu beginnen, startet man heute sofort mit einer Fachhochschulausbildung und geht als Offizier an Bord. (…) Mittlerweile hat es die Globalisierung den Reedern sogar noch einfacher gemacht, die Schiffe und ihre Mannschaften den Billiglohnhaien zu überlassen. Heute gibt es keinerlei Decksbesatzung mehr, sondern nur noch Offiziere und Ingenieure. Es sind nur noch Absolventen von Hochschulen an Bord, ohne einen Bezug zur Arbeit und der Basis zu haben. Das Schiff geht einmal jährlich in die Werft, um dort Wartungs- und Konservierungsarbeiten durchzuführen, die bis dahin laufend auf See vorgenommen worden waren. (…) Dies sind Zustände, die früher nach der Seebesatzungsordnung unhaltbar gewesen wären.

Georg Dovermann, Bonn

Sieg der Diplomatie

Zu jW vom 12.8.: »Keine Allianz«

Ich verstehe nicht, wie irgend jemand der Sowjetunion – oder, genauer gesagt, Stalin – den Vertrag mit den Nazis ernsthaft vorwerfen kann. Wenn der eingeschworene Todfeind, der sich offen dazu bekennt, den Staat, das System und die »Rasse« vernichten zu wollen, plötzlich einen Nichtangriffsvertrag anbietet, wird man natürlich misstrauisch – ihn jedoch abzulehnen, wäre als schwächere Seite blanker Selbstmord! Die Sowjetunion hat sich mit diesem Vertrag wichtige Zeit zur Vorbereitung auf den drohenden Krieg erkauft, was letzten Endes wohl entscheidend war. Hinzu kommt, dass in den zwei Jahren bis zum Angriff wenigstens Ostpolen vor dem tödlichen Zugriff der Nazis geschützt war. Darüber hinaus waren die der Sowjetunion angeschlossenen Gebiete sowieso zuvor von Polen geraubt worden. In diesem Sinne wurden mit Vertragsabschluss drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Was will man von Diplomatie mehr verlangen?

Ralph Petroff, per E-Mail

Mehr davon

Zu jW vom 16.8.: »Kapitaler Mythos«

Woodstock war das größte und schönste Erlebnis, das ich – nicht – gehabt habe. Frank Schäfer sieht jene Tage, in denen sich viele junge Menschen wohl mehr als je zuvor und mehr als je danach als »Gottes Kinder, gemacht aus goldenem Sternenstaub, auf dem Weg zurück zum Garten Eden«, fühlten, rationaler und kritischer. Sicher, Woodstock war in der Tat nicht der Himmel auf Erden, sondern ein (…) medial und kommerziell aufbereitetes Magical. Aber was zählt und erzählt das heute, insbesondere in Anbetracht der US-amerikanischen Kultur und Politik? Woodstock steht im Widerspruch zur derzeitigen gesellschaftlichen Situation in Amerika, aber auch darüber hinaus. Es steht dafür, dass eine bessere, menschlichere Gesellschaft mit mehr Love, Peace and Understanding möglich ist. (…) Diese vermeintlich ewiggestrige Überzeugung mag indes noch archaischer anmuten mit der spitzfindigen Bemerkung, dass mir eine funktionierende Demokratie ohne ebendiesen Spirit (Liberalität, Verständnis und Solidarität als Dreiklang für ein friedlich(er)es Miteinander) realiter nicht möglich scheint. Doch auch viele derer, die bei der Mutter aller Festivals tatsächlich dabei waren, teilen den (ethischen) Idealismus: »Die Welt von heute braucht mehr Woodstock.«

Matthias Bartsch, Lichtenau

Woodstock steht im Widerspruch zur derzeitigen Situation dafür, dass eine bessere, menschlichere Gesellschaft mit mehr Love, Peace and Understanding möglich ist.