Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 20.08.2019, Seite 12 / Thema
Sowjetisches Erbe

Hand in Hand

Internationalisten in der Sowjetunion. Die Arbeit der Kooperative »Interhelpo« prägt bis heute das Stadtbild der kirgisischen Hauptstadt Bischkek
Von David Leupold
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Neben einem Elektrizitätswerk sowie Textil- und Möbelfabriken errichteten die Mitglieder der »Interhelpo«-Genossenschaft im kirgisischen Frunse (heute Bischkek) auch eine Brauerei – Aufnahme von 1927

Der Sozialismus zielte darauf ab, das gesellschaftliche Leben grundlegend zu verändern. Der urbane Raum wurde hierbei als das wohl wichtigste Gesellschaftslabor verstanden, aus dem der »neue Mensch« hervorgehen sollte. Seit Anfang der 1920er Jahre nahmen die Stadtplanung und der Bau einer »Stadt der Zukunft« (»Gorod budu­sch­ewo«) einen Spitzenplatz auf der politischen Agenda der Sowjetunion ein. Die sozialistische Zukunftsvision sollte direkt und unwiderruflich im materiellen Gefüge der Stadt verankert und die abstrakte Ideenwelt des Sozialismus in eine physische Realität übersetzt werden – eine Realität, welche tagtäglich erlebbar gemacht werden sollte.

Wenn man die Stadt als Aushängeschild des sowjetischen Gesellschaftsexperiments versteht, so spiegelte der städtische Raum Anfang der 1990er Jahre gleichermaßen dessen Niedergang wider: »Nach der Auflösung der Sowjetunion glich die urbane Landschaft mit halbfertigen Bauten, verfallenden Wohnungen und verwilderten Parks dem Mahnmal einer Zukunftsvision (…) welche nun der Vergangenheit angehörte«, bemerkt Stephen J. Collier in seiner anthropologischen Studie »Post-Soviet Social. Neoliberalism, Social Modernity, Biopolitics«. Oder wie es der marxistische Historiker Ronald Grigor Suny in einer Analyse zur westlichen Wissensproduktion über die Sowjetunion treffend zusammenfasst: In den Augen der westlichen Welt verharren »die Staaten der ehemaligen Sowjetunion im Dämmerlicht eines gescheiterten Sozialismus, aber ohne das gleißende Licht der verheißenen, demokratisch-kapitalistischen Morgendämmerung«.

Ein vergessenes Viertel

Auf den ersten Blick mag Bischkek, die Hauptstadt der zentralasiatischen Kirgisischen Republik, in diesem Kontext wie ein typischer Vertreter der (post-)sowjetischen Stadt erscheinen, mit modernistischen Wohnbauten entlang der alten Sowjetskaja (heute: Abdrachmanow), weitläufigen Parkanlagen und einem rasterförmig angeordneten Straßennetz. Doch wenn der Trolleybus der Linie 2 das hektische Treiben um den im Westen der Stadt gelegenen Osch-Basar und den Den-Xiaoping-Boulevard hinter sich gelassen hat, offenbart sich dem Besucher ein ganz anderes Bild: ein- und zweistöckige Wohnhäuser mit Giebeldächern, Sprossenkreuzfenstern und massiven Außenwänden. Während die meisten Wohnblöcke im Stadtzentrum nach den blutigen Unruhen und Plünderungen, die den Sturz von Staatspräsident Kurmanbek Bakijew im Jahr 2010 begleiteten, von Zäunen umgeben wurden, sind die Innenhöfe und Wohnanlagen des Viertels offen zugänglich und vermitteln eine Atmosphäre, die eher an das Leben in einer ländlichen Gemeinde erinnert. Und tatsächlich entstammen viele der Verkäuferinnen, welche in den kleinen provisorisch erbauten Geschäftsbaracken ihrer Arbeit nachgehen, aus den ländlichen Regionen Südkirgistans.

Das Viertel ist nicht nur ein vergessener Ort, sondern auch ein Ort der Vergessenen. An den Wasserhähnen in den Höfen versammeln sich Menschen, die unter den prekärsten Arbeitsbedingungen und unter Armut leiden. Dies vor Augen ist es schwer zu glauben, welche Geschichte sich hinter dem Viertel verbirgt, eine Geschichte die eng mit der Entstehung der modernen kirgisischen Hauptstadt und dem Internationalismus der Arbeiterbewegung verbunden ist.

»Wenn wir von Auswandern sprechen, denken wir an slowakische Väter, Mütter und Töchter, die Ende des 19. Jahrhunderts des Broterwerbs wegen in Scharen in die USA, nach Kanada, Argentinien und Brasilien ausgewandert sind«, schreibt der slowakische Historiker Pavel Pollak 1969 in einem Aufsatz über »Die Auswanderung in die Sowjetunion in den zwanziger Jahren«. Aber in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wollten viele Menschen in die Sowjetunion. Von 1921 bis 1922 erreichten die sowjetischen Migrationsbehörden mehr als eine Million Einwanderungsanträge von Arbeitern aus aller Welt. Begeistert vom Erfolg der Oktoberrevolution zogen es diese oft qualifizierten Fachkräfte, die wohl auch leicht woanders Fuß gefasst hätten, allen persönlichen Entbehrungen zum Trotz vor, am Aufbau eines Landes mitzuwirken, das der tschechoslowakische Schriftsteller Julius Fucik später enthusiastisch als »eine Welt, in der das Morgen schon Geschichte ist«, beschreiben wird.

Neben Europäern siedelten sich auch Tausende von Auswanderern aus den Vereinigten Staaten und Kanada in der Sowjetunion an. Tatsächlich war eine der ersten Gemeinden internationaler Arbeiter eine US-amerikanische Kooperative von Arbeitern und Technikern. Sie kamen bereits 1921 mit dem Ziel in die Sowjetunion, eine Reparaturwerkstatt in das erste Automobilwerk des Landes zu verwandeln. Das Moskauer AMO-Werk, später bekannt als Lichatschow-Werk (SIL), sollte bis in das Jahr 2012 als wichtiger Standort für die Produktion von Pkw, Lkw und Militärfahrzeugen dienen.

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»Proletarier aller Länder, vereinigt euch! – Kommune ›Interhelpo‹«

Angesichts stetig steigender Migrationszahlen wurde auf dem IV. Kongress der Kommunistischen Internationale, der im Dezember 1922 in Petrograd und Moskau abgehalten wurde, eine Resolution für die »Proletarische Hilfe Sowjetrusslands« verabschiedet. Während das Hauptziel des globalen Proletariats weiter dem »revolutionären politischen Kampf der Arbeiter« gegen ihre jeweiligen Regierungen galt, wurde ein institutioneller Rahmen geschaffen, um »die gesamte Wirtschaftsmacht des Proletariats zur Unterstützung Sowjetrusslands zu forcieren«. Um jedoch einer »Massenumsiedlung ausländischer Arbeitnehmer« in die Sowjetunion vorzubeugen, die zu dieser Zeit selbst mit hohen Arbeitslosigkeit kämpfte, beschränkt sich dieser Ruf auf »einzelne Spezialisten«.

Eine Kooperative für Pischpek

Neben den wirtschaftlichen Herausforderungen war das Land vom Bürgerkrieg gebeutelt, der sich in Zentralasien als zermürbender Kampf zwischen Vertretern der Sowjetmacht und Basmatschen darstellte. Auf seiten der Bolschewiki kämpfte im Siebenstromland (Dschetisuu), das sich entlang der heutigen kirgisisch-kasachischen Grenze erstreckt, auch der Slowake Rudolf Pavlovic Marecek (1888–1970). Die bergige Landschaft erinnert den leidenschaftlichen Bergsteiger an die »schönen Eisenbahnen und Autostraßen in den Gebirgslandschaften der Alpen und Karpaten«. Angesichts der Tatsache, dass die Bevölkerung in und um das Siebenstromland jedoch praktisch nomadisch lebe, stehe man in Zentralasien vor der Herausforderung, so Marecek, wie ein Übergang von »feudaler und patriarchalischer Rückständigkeit zum Sozialismus« ohne die Zwischenstufe der kapitalistischen Entwicklung zu erreichen sei. Anders als in den bereits industrialisierten Westgebieten der Sowjetunion, folgert er, seien gerade hier »große wirtschaftliche Veränderungen vorzunehmen«, welche nur durch Organisation einer industriellen Kooperative möglich seien.

Die Idee lässt ihn fortan nicht los, und als Marecek in die Tschechoslowakei zurückkehrt, wo ihn Massenarbeitslosigkeit und Wohnungsnot erwarten, macht er sich an deren Umsetzung. 1923 rekrutiert er in seiner slowakischen Heimatstadt Sväty Martin aus dem Kreis eines Sprachklubs der Plansprache Ido, die auf der Basis des reformierten Esperanto geschaffen wurde, erste potentielle Mitglieder für das spektakuläre Unterfangen: den Direktor der Verbrauchergenossenschaft Baca, den Buchbinder Duricek, den Schlosser Rucek sowie die drei Maurer Sousedik, Gurt und Poljaska. Am 1. Mai 1923 wird schließlich die Kooperative »Interhelpo«, was auf Ido so viel wie »gegenseitige internationale Hilfe« bedeutet, im nahe gelegenen Zilina gegründet. Die Kooperative zieht neben tschechoslowakischen Kommunisten auch Ungarn, Deutsche sowie Uk rainer aus dem Karpatengebiet an. Tatsächlich melden sich mehr Freiwillige, als Plätze zu vergeben sind. Dementsprechend streng sind auch die Anforderungen an die zukünftigen Mitglieder: Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei, hohe berufliche Qualifikation, körperliche Gesundheit und ein finanzieller Beitrag von 5.000 Kronen. Letzteres zwingt viele Teilnehmer, wie etwa den Vater des späteren Generalsekretärs der tschechoslowakischen Kommunisten, Alexander Dubcek, ihr gesamtes Hab und Gut zu verkaufen und somit praktisch alle Brücken in Zentraleuropa hinter sich abzubrechen. Während kein Gesetz offiziell die Auswanderung in die Sowjetunion untersagt, unternehmen die tschechoslowakischen Verwaltungen dennoch große Anstrengungen, um die Abwanderung zu verhindern. Hausdurchsuchungen werden vorgenommen, Informationsmaterial wird beschlagnahmt, und der Sozialminister wendet sich brieflich eigens an potentielle Emigranten, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen.

Allen Widrigkeiten zum Trotz erreicht am 24. April 1925 die erste Gruppe der insgesamt 1.317 Mitglieder der Kooperative das zentralasiatische Pischpek. Um 1900 verfügte Pischpek, wie Bischkek noch bis in die frühe Sowjetzeit hieß, über 752 Haushalte. In ihnen lebten hauptsächlich Russen und Ukrainer sowie Dunganen, Tataren und Usbeken. Es gab so gut wie keine Industrie, auch ein Stromnetz und ein Bewässerungssystem fehlten. Ein zeitgenössischer Reisender beschrieb die Stadt am Vorabend der Novemberrevolution als »einen großen Markt, der von allen Seiten mit weißen, grauen und blauen Lehmbauten umgeben ist«. Daran hat sich auch sieben Jahre nach der Revolution wenig geändert. Dem Autonomen Gebiet Kara-Kirgis, das 1926 zur Kirgisischen Autonomen Sowjetrepublik wird, fehlt praktisch jede Form der wirtschaftlichen Entwicklung.

Schwere Ankunft

Unmittelbar nach der Ankunft drängt sich, bis die ersten Wohnbaracken errichtet sind, die Frage nach einer vorübergehenden Unterkunft auf. Die Pläne zur Unterbringung der »Interhelpo«-Mitglieder in umliegenden Dörfern – wie von den lokalen Behörden vorgeschlagen – erweisen sich als unrealistisch, so dass zunächst ehemalige Militärgebäude genutzt werden. Als dann die Baracken stehen, erweist sich deren schlechte Isolierung angesichts des harten Winters als verhängnisvoll. Zudem breiten sich unter den Mitgliedern tödliche Krankheiten wie Malaria und Typhus aus. 30 von ihnen sterben – darunter alle Kinder im Alter bis drei Jahre. Einige der Internationalisten treten daraufhin sofort die Rückreise an.

Die Verbleibenden haben in den Folgejahren Anteil haben an einem der erfolgreichsten internationalistischen Projekte in der Geschichte der Sowjetunion. Denn die »Interhelpotschus«, wie sie von der lokalen kirgisischen Bevölkerung genannt wurden, sind keine realitätsfremden Träumer, sondern fachkundige Arbeiter. Über einen Zeitraum von gut zehn Jahren errichten sie in Frunse, wie Bischkek ab 1926 heißt, einen ganzen Stadtteil, ein Elektrizitätswerk (das erste seiner Art im ganzen Land), Textil- und Möbelfabriken, Werkstätten für Schneider, Schuhmacher und Tischler, eine Schule, einen Kindergarten, eine Gerber- und eine Brauerei. »Interhelpo« unterstützt die Arbeiter der Kirgisischen Sowjetrepublik ferner beim Bau eines Bewässerungssystems im Tal des Tschüi-Flusses, einer Zuckerfabrik in der nahe gelegenen Stadt Kant und der Turkestan-Sibirischen Eisenbahnlinie.

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Am Eingang der 1925 von den Internationalisten errichteten Lederfabrik

Über die Bauprojekte hinaus prägt »Interhelpo« auch das kulturelle Leben der frühsowjetischen Stadt. Das 1930 errichtete Kulturhaus »Club der Pariser Kommune« dient sowohl als Bühne für eine Theatergruppe unter der Leitung von Eduard Peringer als auch als Ausstellungssaal für eine Gruppe von Amateurfotografen. An den Wochenenden besuchen die »Interhelpo«-Mitglieder die umliegenden Dörfer, um die Bevölkerung mit modernen Produktionsmethoden bekannt zu machen. Im Laufe der Jahre treten mehr und mehr Anwohnerinnen und Anwohner der Kooperative bei. Um die Kommunikation untereinander zu gewährleisten, bedienen sich die Mitglieder einer improvisierten Arbeitssprache, genannt »Spontánne Esperanto«, die organisch Satzelemente aus dem Tschechischen, Slowakischen, Deutschen, Ungarischen und Ruthenischen mit dem Vokabular lokaler Sprachen wie dem Kirgisischen, Usbekischen, Russischen, Ukrainischen, Uigurischen oder Tadschikischen verbindet. »Bei uns in der Kooperative war es wirklich egal, wer welcher Nationalität angehörte«, erinnert sich das Mitglied Jan Nezval später.

Als sich das politische Klima in der Sowjetunion Mitte der 1930er Jahre dramatisch verschlechtert, geraten auch die Internationalisten in Frunse in den Verdacht sowjetfeindlicher Tätigkeiten. Während der »Säuberungen« werden bis 1936 mindestens vierzehn »Interhelpo«-Mitglieder des Landesverrats und der Spionage bezichtigt und hingerichtet. In den Folgejahren leitet der Rat der Industriegenossenschaften der Kirgisischen Sozialistischen Sowjetrepublik eine grundlegende Umstrukturierung der Genossenschaft ein, in deren Zuge die Aktivitäten der Kooperative eingeschränkt und unrentable Zweige abgestoßen werden. 1943 wird »Interhelpo« schließlich aufgelöst. Damit endet eine der erfolgreichsten Basisinitiativen internationalistischer Hilfe in der Geschichte der Sowjetunion.

Verlust des historischen Erbes

Heute, knapp hundert Jahre später, erinnert nur wenig an die Errungenschaften der Kooperative. Einzig »Nazdar«, ein kleiner Verein, bemüht sich mit finanziell begrenzten Mitteln um den Erhalt des historischen Erbes. Das Vereinsbüro gleicht einem Privatmuseum: ein kleines Zimmer, angefüllt mit Geschichtsbüchern, Fotos und Souvenirs aus der Slowakei, Tschechien und Ungarn. »Es gibt in Bischkek kein einziges Museum, das der Genossenschaft gewidmet ist«, beklagt die Journalistin Jewgenija Martjanowa. Archivmaterial sei nach der Privatisierung der Fabrik Frunse buchstäblich in den Mülleimer geworfen worden.

Auf der Fucik-Straße, unweit vom »Interhelpo«-Viertel, befindet sich das historische Gebäude der einst von den Internationalisten errichteten Lederfabrik. Am Eingang erklärt mir die Empfangsdame, dass die Firma kurz vor der Schließung stehe und ab dem Herbst mit dem Abriss begonnen werde. Damit wird eine weitere Gedenktafel, die die Geschichte des Internationalismus in Bischkek bezeugt, verschwinden. Einer der »Interhelpo«-Nachfahren, der noch in der Stadt lebt, bemerkt im Gespräch hierzu: »Das ist rentabler Baugrund in Zentrumsnähe, das wird früher oder später alles verschwinden.«

Doch geht es beim Erhalt des historischen Erbes der Genossenschaft nicht um »postsowjetische Nostalgie«, sondern um die Anerkennung und den Erhalt eines beeindruckenden Beispiels des proletarischen Internationalismus. »Interhelpo« kann nicht nur unser Geschichtsbild bereichern, sondern in einer von apolitischem Denken und restaurativem Nationalismus gekennzeichneten Gegenwart eine hoffnungsstiftende und zukunftsweisende Wirkung entfalten. »Auch wenn nicht alles gelang, erreichten die Mitglieder von Interhelpo viel«, stellt die Enkelin des Genossenschaftsgründers Elwira Marecek fest und fragt: »Was, wenn es keine solche Menschen mehr gibt und jeder nur noch für sich allein lebt?« Menschen wie Elwira, die sich für eine konstruktive und ausgewogene Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe der Sowjetzeit aussprechen, fehlt es an institutioneller Unterstützung. Das offizielle Bischkek interessiert sich nicht für sie.

Ronald Grigor Suny beklagt in seinem jüngsten Buch »Red Flag Unfurled« (2017), dass »jetzt, wo das politische Ziel, für das die UdSSR stand, nicht mehr seine frühere Wirkungskraft entfalten kann, weniger Anreize bestehen, die Geschichte in ihrer vollen Komplexität und Widersprüchlichkeit zu erzählen«. In einer von Pessimismus und Entleerung gekennzeichneten Welt der Postmoderne, in der sich die »Ökonomie nichtkapitalistischer Gesellschaften als Studienfach verflüchtigt hat«, werde das sozioökonomische Experiment des Staatssozialismus seiner geschichtlichen Vielschichtigkeit beraubt und, statt dessen ausschließlich auf »Tragödien des Stalinismus, des Gulag und des Terrors« reduziert. Zudem werde der Werdegang der UdSSR mit dem des Sozialismus gleichgesetzt und das Scheitern so als unausweichliches historisches Schicksal begriffen, das angeblich bereits im »genetischen Code der Revolution« angelegt sei.

Korrektiv gegen Mythen

Die Geschichte von »Interhelpo« widerspricht einer solchen Auffassung. Und sie fordert zudem eine der bedeutendsten postsowjetischen Mythen heraus – den »Homo Sovieticus«. So wird Alexander Sinowjews Karikatur des stets passiven und korrumpierten »Sowjetmenschen« die historische Gestalt der tschechoslowakischen Internationalisten entgegengesetzt, die schwersten persönlichen Entbehrungen und den widrigen Bedingungen der zentralasiatischen Steppe zum Trotz zusammen mit Arbeiterinnen und Arbeitern der Sowjetrepublik den Grundstein legten für den Bau der heutigen Hauptstadt Kirgistans.

David Leupold ist promovierter Sozialwissenschaftler und forscht zu Geschichtspolitik und umkämpften Erinnerungsräumen im Nahen Osten und auf dem Gebiet der ehemaligen So­wjetunion.

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