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Futureismus

Von Helmut Höge
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Futureismus heißt: Wir können die Klimakatastrophe abwenden, wenn wir uns anstrengen

Der Futureismus bezieht sich weder auf die italienischen und russischen Futuristen noch auf die US-amerikanischen und hessischen Futurologen (Zukunftsforscher), sondern auf die »Fridays for Future«-Jugendlichen in den Stadtzentren, die »Turning the Tide«-Klimaaktivisten auf dem Meer (die Anfang September im Konvoi von Lübeck nach Malmö segeln) und die »Scientists for Future«-Wissenschaftler in den Hörsälen. Ihr Futureismus heißt: Wir können die Klimakatastrophe noch abwenden, wenn wir uns jetzt gehörig anstrengen. Nicht zuletzt, um mit Aufklärung und Aktionen den einfach so weiter wirtschaften und konsumieren wollenden »Klimaleugnern« den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ob das auf einen Bürgerkrieg hinausläuft, kann man noch nicht sagen. Vielleicht aber, dass der fortschrittskritische Futureismus eher eine linke Bewegung etikettiert, während fortschrittsoptimistisches Verleugnen des Klimawandels die Rechten versammelt, die nahezu weltweit auf dem Vormarsch sind. In Ungarn, Indien, Brasilien, Türkei, USA etc. stellen sie gar die Regierung.

Hierzulande kann man den Eindruck gewinnen, dass es sich beinahe umgekehrt verhält: Die da oben gerieren sich als besorgte Klimaschützer, und selbst bei den kleinsten Kapitalvertretern gehört die Nachhaltigkeit zur »Firmenphilosophie«, während die da unten für stetige Zuwächse bei der AfD sorgen. Die AfD spricht von »Klimalügnern« und hält die Aufnahme von Flüchtlingen für ein Verbrechen am Volk. Die AfDler tun aber auch wirklich alles, um die Linken zu provozieren. Wobei das meiste im Internet stattfindet.

Kürzlich regte ich mich über einen Blog namens »Science Files« auf, weil ich das Stichwort »Universität Potsdam« in die Suchmaschine eingegeben hatte: Die Webseite hat nach eigenen Angaben in vielen Ländern Leser. Sie wird von dem »rechten Blogger Michael Klein«, einem Bildungsforscher, betrieben, wie das »Team AfD-Watch« schreibt, das sich nach Lektüre der »Science Files« fragt: »Warum versucht die AfD nicht, wenigstens den oberflächlichen Eindruck zu erwecken, dass sie nicht vollkommen wahnsinnig ist?« Zur Potsdamer Universität hatte der Bildungsforscher Folgendes zu sagen: »›Die Klimakrise ist nun auch an der Uni Potsdam angekommen‹, das neueste Produkt aus der Schmiede derer, die man nur noch als entweder infantile oder beschädigte Gemüter bezeichnen kann.«

Etwa 20 in Potsdam lehrende Professoren hatten sich zu einer Gruppe »Scientists for Future« zusammengefunden. Für Klein war die Uni damit zu einem »Ort des Glaubens« und der »politischen Ideologie« geworden – wo nicht mehr länger ordentliche Wissenschaft betrieben werde, sonst würden die »angeblichen Wissenschaftler« in Potsdam nicht der »Klimareligion« folgen, sondern »im Gegenteil [dem] Zweifel«. Das »AfD-Watch-Team« hat besonders erbost, dass der in Wales lebende Michael Klein die Betreiber des Berliner »Münkler-Watch-Blogs als Nachwuchs der Stasi betitelte«.

Gehen wir davon aus, dass es mindestens gedankliche Überschneidungen zwischen den beiden »Watch«-Blogs gibt. Bei dem Blog, der Seminarkritik am staatstragenden Kriegsforscher der Humboldt-Universität Herfried Münkler übt, wird quasi von unten und von innen gewatcht, und außerdem anonym. Was einige immatrikulierte Kleingeister den Unibloggern übelgenommen haben, erst recht Münkler, der sie »erbärmliche Feiglinge« und »Trotzkisten« schimpfte.

Die konservative Welt sprach von »Verleumdung« des Professors, die eher liberale Zeit erklärte: »Die Studenten dokumentieren vermeintliche Verfehlungen des Politologen.« Ihr Reporter traf sich mit einem der anonymen Watcher und schrieb anschließend: »Wie ein Trotzkist klingt er nicht.« War das eine Kritik an der politologischen Expertise Münklers?

In seinen »Science Files« hat Klein besonders ein Satz der Potsdamer »Scientists for Future«-Gruppe erbost: »Wenn wir die Wissenschaft zukunftsfähig machen wollen, müssen wir stetig unsere Treibhausgasemissionen vermindern.« Das ist eigentlich eine Binsenweisheit, sofern es vom Initiator der Gruppe, einem Linguisten, nicht fachbezogen gemeint ist, wovon ich ausgehe. Klein darauf: »Das steht tatsächlich in der Rundmail. Sie liegt uns vor. Wir können es belegen.«

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