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Aus: Ausgabe vom 19.08.2019, Seite 8 / Ausland
Umgang mit Pinochet-Diktatur

»Der Staat versucht, das Geschehene zu leugnen«

Politik, Justiz und Medien in Chile verharmlosen faschistische Diktatur. Ein Gespräch mit Dino Pancani
Interview: Jule Damaske, Santiago de Chile
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Aktivistinnen erinnern an während der Diktatur verschwundene Menschen (Santiago de Chile, 9.9.2018)

Sie waren Mitglied der Opposition gegen den chilenischen Diktator Augusto Pinochet. Seit wann sind Sie politisch aktiv?

Angefangen habe ich im Alter von 14 Jahren mit der Arbeit mit Kindern bei der Organisation Ocarin. Deren Ziel ist es, eine Kultur des Friedens sowie die Rechte von Kindern zu fördern. Als Schüler trat ich antidiktatorischen Bewegungen und dem Jugendverband der Kommunistischen Partei bei. Später war ich aktives Mitglied der studentischen Bewegungen. Wir protestierten auf den Straßen und führten Aktionen gegen lokale Politiker und später auch Pinochet durch.

Wie erlebten Sie die Diktatur, die von 1973 bis 1990 andauerte?

Meine Eltern waren in der Kommunistischen Partei. Als Kind durfte ich niemandem davon erzählen. Sie lehrten meinen Geschwistern und mir, dass wir nicht lügen sollten – gleichzeitig mussten wir einen Teil unserer Identität verstecken.

Es war eine Zeit der Unterdrückung. Jugendliche wie ich wurden gefoltert, verhaftet, geschlagen und verfolgt. Trotz allem war es auch eine Zeit der Freundschaft und des Austauschs. Uns verband unsere Ideologie und der Kampf gegen die Diktatur.

Wie stellten Sie sich die Zukunft nach der Diktatur vor?

Ich hoffte, wir würden in einer Demokratie leben, die sich zum Ziel setze, das Geschehene aufzudecken. Selbst die instabilste Demokratie ist besser als eine Diktatur. Was tatsächlich kam, war jedoch weit von unseren Vorstellungen entfernt. Die rechten Parteien erhielten in der ersten demokratischen Abstimmung 34 Prozent der Stimmen. Sie waren nicht durch die Diktatur beeinträchtigt worden, sondern konnten weiterhin Macht ausüben. Für meine Generation ist die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit nach jahrelangen Menschenrechtsverletzungen bis heute ein Thema.

In Politik und Medien wird die Militärdiktatur häufig bagatellisiert.

Der Staat versucht permanent, das Geschehene zu leugnen. Das ist eine der Schwächen der chilenischen Gesellschaft. Chile hat heute eine desorientierte Jugend, die ihre Vergangenheit nicht kennt. In Schulen, in den Medien und im Justizapparat wird die Diktatur verharmlost. Wir müssen deshalb an das erinnern, was wirklich passierte.

Was kann gegen das Vergessen unternommen werden?

Die Schule ist von entscheidender Bedeutung. Die Regierung will Geschichte als obligatorisches Schulfach für die Oberstufe streichen. Das Wenige, was – teilweise falsch –im Unterricht über die Diktatur gesagt wird, soll komplett entfallen, um das Geschehene unsichtbar zu machen.

Die Schule muss aber die Geschichte erzählen und neben den politischen Aspekten den Schwerpunkt auf die Opfer legen.

In der heutigen Regierung gibt es viele, die Pinochet während der Diktatur nahestanden.

Seine Komplizen wurden von jeher als Demokraten dargestellt. Das führten nachfolgende Regierungen fort. Sie versuchten nicht, zu intervenieren und das Geschehene aufzuarbeiten. Es wurde kein Bewusstsein für unser Trauma geschaffen. Nach der Diktatur wurden deren Opfer allein gelassen.

Unter Pinochet wurde 1980 die Verfassung geschrieben, die heute mit Veränderungen noch gilt. Muss sie überarbeitet werden?

Absolut. Eine Verfassung, die auf rechtswidriger Basis ruht, wird weiterhin eine Verfassung mit antidemokratischen Prinzipien sein. Die chilenischen Gesetze beruhen auf den Bemühungen zweier autoritärer Personen: Augusto Pinochet und Jaime Guzmán (enger Berater Pinochets und Begründer der rechten Partei Unión Demócrata Independiente, jW).

Die Verfassung muss nicht nur geändert, sondern als Schande angesehen werden. Alle Länder haben Ereignisse in ihrer Vergangenheit, die ihnen Schande machen. Die chilenische Verfassung ist Teil unserer Schande. Wir leben seit 40 Jahren mit einer Verfassung, die auf einen Diktator zurückgeht.

Dino Pancani (Jahrgang 1970) ist chilenischer Journalist und Dozent für Journalismus mit dem Fokus Kultur und Erinnerung an der Universidad de Chile

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