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Aus: Ausgabe vom 19.08.2019, Seite 7 / Ausland
Lehrerstreik in Chile

Gegen das Vergessen

Der Streik der Lehrkräfte als Kampf um die Deutung der chilenischen Geschichte
Von Jule Damaske
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Wie hier am 6. Juni in Santiago de Chile, erfuhr der Streik der Lehrkräfte große Solidarität aus der Bevölkerung

Über sieben Wochen streikten in Chile mehr als 100.000 Lehrkräfte öffentlicher Grund- und weiterführender Schulen für bessere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Finanzierung der Einrichtungen (jW berichtete). Unterstützung erhielten sie von einer Million Schülerinnen und Schülern, die sich mit den Protesten solidarisierten. Der Streik, der Ende Juli ohne Einigung mit der Regierung beendet wurde, war eine Reaktion auf die neoliberale Politik der rechten Regierung unter Präsident Sebastián Piñera, der Bildung wie eine Ware behandelt.

Direkter Auslöser des Ausstands war der Versuch der Regierung, die Lehrpläne zu reformieren und dabei Geschichte, Kunst und Sport in der Oberstufe zu Wahlfächern zu degradieren. Die Streichung von Geschichte als obligatorischem Fach für alle fördert das Vergessen von Vergangenheit. So entfiele unter anderem der an sich schon sehr geringe Teil des Unterrichtsstoffs, mit dem über die Militärdiktatur unter Augusto Pinochet aufgeklärt wird. Der rechte General hatte sich am 11. September 1973 mit einem brutalen Putsch gegen den linken Präsidenten Salvador Allende an die Macht gebracht und regierte das südamerikanische Land bis 1990.

In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Protesten und Streiks von Lehrkräften, Studierenden sowie Schülerinnen und Schülern. Der Grund für die Unzufriedenheit im öffentlichen Bildungsbereich ist zu einem bedeutenden Teil in der Vergangenheit des Landes zu suchen. Während der rechten Militärdiktatur baute Diktator Pinochet das Bildungssystem von Grund auf um und privatisierte Schulen und Universitäten. Die sogenannten Chicago Boys, eine Gruppe chilenischer Ökonomen, die überwiegend an der University of Chicago in den USA studiert hatten, etablierten ein praktisch alle Lebensbereiche einschließendes neoliberales System, das bis heute aufrechterhalten wird.

Die wochenlangen Proteste der Lehrkräfte waren Ausdruck der strukturellen Probleme im Bildungsbereich, dessen Kommerzialisierung existierende soziale Ungleichheiten weiter vertieft: Die chilenische Gesellschaft teilt sich in Familien, die ihre Kinder auf Privatschulen und -universitäten schicken können, und jene, denen das nicht möglich ist. So werden Klassenunterschiede zementiert.

An den Denkmälern der Opfer der Pinochet-Diktatur steht geschrieben: »Eine Gesellschaft ohne Erinnerung ist eine Gesellschaft ohne Zukunft«. Schon die Versuche vorheriger rechter Regierungen, das Wort Militärregime durch Militärregierung zu ersetzen, müssen als Versuche verstanden werden, das Geschehene zu bagatellisieren. Der Schritt, Geschichte nur noch als Wahlfach anzubieten, stellt einen weiteren Angriff auf die nach der Diktatur erkämpfte Erinnerungskultur dar und dient der Verharmlosung der Verbrechen Pinochets und seiner Anhänger.

Die chilenische Regierung hat kein Interesse an einer kritischen Aufarbeitung der – teils eigenen – blutigen Vergangenheit. Marcela Cubillos, seit 2018 Bildungsministerin des Landes, weigerte sich lange Zeit, auf die Forderungen der Streikenden einzugehen. Statt dessen verlangte sie von den Lehrkräften, an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren, und drohte, ihnen sonst die Gehälter zu streichen. Ihr Vater, Hernán Cubillos, war unter Pinochet Außenminister und gilt als einer der Hauptorganisatoren des Putschs am 11. September 1973 gegen Salvador Allende.

Der Streik der Lehrkräfte kann nur unter den genannten Vorzeichen verstanden werden. Der Kampf um die Deutung der chilenischen Vergangenheit wird auch in den Bildungsinstitutionen ausgefochten und ist eng mit der Zementierung sozialer Ungleichheiten verbunden. Wie die Gewerkschaft »Colegio de Profesores« in ihrer Ankündigung zum vorläufigen Ende des Ausstands erklärte, gehen die Auseinandersetzungen um ein gerechtes und qualitativ hochwertiges Bildungssystem in Chile weiter. Es handele sich vorerst um einen »Rückzug«, nicht aber um eine »Einstellung des Kampfes«, so der Vorsitzende Mario Aguilar.

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