Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Mittwoch, 18. September 2019, Nr. 217
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Aus: Ausgabe vom 17.08.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kaliningrader Klopse

Von Maxi Wunder

Wir lehnen an dem schmiedeeisernen Geländer der Jubiläumsbrücke, ehemals »Kaiserbrücke« in Kaliningrad, an dem sich auf Höhe unserer Unterleiber der romantische Aberglaube Tausender von Verliebter aus aller Welt manifestiert: Vorhängeschlösser noch und nöcher. Unter uns plätschert sacht die Pregolja, vor uns erstreckt sich eine historisierende, hanseatisch anmutende Uferbebauung im deutschen Gründerzeitstil mit Giebeln und Fachwerk – Königsberger Disneyland von 2007.

Ich überlege, ob sich wohl jemals einer die Mühe gemacht hat, nach Scheitern seiner »ewigen« Liebe das Schlösschen wieder abzumontieren, vorausgesetzt, er oder sie hätte es in diesem Wust von Alteisen wiedergefunden. Mit einer Flex, denn zu dem Aberglauben gehört, dass man die Schlüssel in den Fluss schmeißt. »Hallo Fräulein, hören Sie mich?« Aljoscha will sich unterhalten. Warum sich Menschen wohl für immer aneinander ketten? Das beschäftigt mich zur Zeit mehr als Essen und deutsch-russische Geschichte. »Hey, Maxi!« »Ja, was denn?«, frage ich geistesabwesend. »Also, der nächste Programmpunkt ist der Dom mit dem Grab von Immanuel Kant, stimmt’s? Weißt du was darüber?« Ich krame in meinen Unterlagen: »1945 fast völlig zerstört, ach nee, das ist Königsberg insgesamt ... hier: der Dom: preußische Backsteingotik, Baubeginn Ende 13. Jahrhundert, Reformation blabla, August 1944 geht der Dachstuhl in Flammen auf, wie Notre-Dame jetzt, aber mit vielen Toten. Hat die Sowjetunion aus Ehrerbietung vor Immanuel Kants Grab an der Nordwestecke des Chorbaus nicht abgerissen. 1992 begann die Rekonstruktion.« »Und die Synagoge?« »›38 von den Nazis zerstört‹, 2018 wiedereröffnet.« »Das Schloss?« »›44 ausgebrannt‹, 68 gesprengt.«

Ich muss aufstoßen. Auf der Ostpreußen-Nostalgie-Tour, die Aljoscha und ich im Rahmen unserer Reiseleiterausbildung gerade absolvieren, gab es heute Mittag wenig überraschenderweise »Kjonigsbergskij klopsy«, Königsberger Klopse. Dazu einen halben Liter bayerisches Bier. Eine Mischung, die in meinem Magen für Aufruhr sorgt.

»Kann man Königsberger Klopse nicht auch vegetarisch kochen?«, frage ich den Kollegen gequält, der übrigens kein Russe ist, sondern ein korpulenter Berliner Halbgrieche. Da er sich gerne mit Essen befasst, forscht Aljoscha sogleich im Internet und wird fündig: »Ja, hier mit Gerste. Also, geschrotete Rollgerste zusammen mit Majoran, Paprika, Salz, Pfeffer und Senf circa 15 Minuten köcheln lassen, ab und zu umrühren. Vom Herd runternehmen und ca. 10 Minuten abgedeckt quellen lassen. Semmelbrösel, Petersilie, Zwiebel und Knoblauch in den Brei geben und noch mal mit Salz und Pfeffer abschmecken. Aus der Masse mit befeuchteten Händen Klopse formen und diese in leicht kochende Gemüsebrühe geben. 20 Minuten köcheln lassen. Flamme ausmachen, aber Klopse in der Brühe lassen zum Warmhalten ... Soll ich die Kapernsauce auch vorlesen? Also, eine Mehlschwitze in Gemüsebrühe klümpchenfrei rühren, Kapern rein samt Flüssigkeit und aufkochen. Zitronensaft und Sahne unterrühren, würzen ...« Er hat so eine beruhigende Stimme. Aber vor diesen albernen Vorhängeschlössern kann ich ihn unmöglich küssen.

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