Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Montag, 16. September 2019, Nr. 215
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Aus: Ausgabe vom 17.08.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der Weg zum Fallbeil

Von Erwin Riess
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An den »Ständigen Ausschuss zur Klärung sämtlicher Welträtsel«, welcher beim Binder-Heurigen in Wien-Floridsdorf in Permanenz tagt

Hoher Ausschuss!

Am 13. Dezember 2006 verabschiedete die UNO-Generalversammlung in New York die »Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen«. Das Übereinkommen wurde seither von 179 Staaten angenommen und zählt neben der Charta der Vereinten Nationen vom 26. Juni 1945 zu den grundlegenden völkerrechtlichen Dokumenten. Beide sind Säulen der Weltzivilisation.

Mit Stichtag 1.1.2019 beträgt die Weltbevölkerung exakt 7.674.575.312 Menschen, einige sterben gerade, andere befinden sich auf dem Weg aus dem Mutterleib.

Jährlich wird die Erde um die Bevölkerung Deutschlands oder der Türkei oder des Iran oder der Demokratischen Republik Kongo, also um mehr als 80 Millionen Menschen bunter und vielfältiger. Somit steigt auch die weltweite Zahl behinderter Menschen. Weltbank und Weltgesundheitsorganisation beziffern ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung mit fünfzehn Prozent. Es gibt demzufolge weltweit 1.151.186.296 behinderte Menschen, keinen mehr und keinen weniger, ich habe sie alle eigenhändig gezählt. Angesichts der ausgewiesenen Zahlen verbietet es sich, von einer Minderheitenfrage zu sprechen. Im übrigen verbitte ich mir Zweifel an der Zählung. »Disabled persons« sind Menschen und keine Nummern.

Die UN-Konvention schreibt vor, dass unabhängige Monitoringausschüsse – sie werden von Betroffenen geleitet – der UN-Generalversammlung in regelmäßigen Abständen Berichte über die Lage in den einzelnen Ländern vorzulegen haben. Daraufhin werden Mängellisten festgelegt, die von den Staaten abzuarbeiten sind.

Im Folgenden erstatte ich Bericht über eine Ermittlung, die ich im Spätsommer an der ost- und zentraleuropäischen Donau, von Rumänien bis Österreich, durchführte. Die Ermittlung erfolgte auf dringliche Anregung eines New Yorker Freundes, die Kosten wurden zur Gänze von ihm übernommen. Kein Dollar und kein Euro an öffentlichem Geld stecken in der Arbeit.

Der Bericht erfolgt außerhalb des üblichen Ländermonitorings, er hält sich aber strikt an den Geist und die Systematik der UN-Konvention. Er ist sozusagen mein persönlicher UN-Bericht. Dem Hohen Ausschuss kommt das Vorrecht zu, die Ergebnisse meiner Ermittlungen noch vor der UNO zu hören.

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Hohe Versammlung!

Die Jahre des Niedergangs der Europäischen Union werden begleitet von einer Demontage sozialer Absicherung für das untere Drittel der Bevölkerung. Jahrelang wurden Sozialleistungen von den Regierenden und ihren Medien verleumdet und sturmreif geschossen. Gesellschaftliche Errungenschaften, die auch für ärmere Bevölkerungsschichten ein halbwegs erträgliches Auskommen garantierten, wurden und werden liquidiert. Gesetzlich verbriefte Rechte wandeln sich zu Almosen, und aus einer industriestaatlichen Sozialpolitik schlüpft ein ständestaatliches Armen- und Fürsorgewesen, das den Menschen in Form von Drohungen, Schikanen und Demütigungen gegenübertritt. An den Lebenschancen der Habenichtse wird herumgezupft und -gezerrt wie am Balg eines erlegten Tieres.

Seit geraumer Zeit wird dem ökonomischen Kalkül ein völkisches Ziel zur Seite gestellt. Kulturfremde Zuwanderer ins Sozialsystem hätten sich gegen die heimischen Leistungsträger verschworen, heißt es, sie bedrohten die Homogenität des Volkskörpers. Wie immer in finsteren Zeiten sind es Angehörige sozialer Randgruppen, denen der »Wind of change« zuerst ins Gesicht fährt. Adornos Satz von der Schwäche als ein zur Gewalttat herausforderndes Mal erlangt europaweite Gültigkeit.

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Hoher Ausschuss!

Der große europäische Umbau kennt zwei Sieger: die Groß- und Finanzindustrie sowie ein weit rechts stehendes Parteienbiotop, das große Gruppen der subalternen Klassen und kleinbürgerlichen Schichten aufsaugt und radikalisiert. Die einen scheffeln Rekordgewinne, die anderen verbuchen schwindelerregende Zuwächse bei Wahlen. Von einem Tag auf den andern werden vermeintlich gefestigte Demokratien von zwielichtigen Figuren regiert, alerte Blender, rachsüchtige Studienabbrecher, ausgebuffte Halunken und Schlägertypen, bei deren Erscheinen fühlende und denkende Menschen die Straßenseite wechseln.

In manchen Ländern sind es skrupellose Konservative und Liberale, die den Antipoden der Zivilisation den Zugang zu höchsten staatlichen Weihen und Ministerbänken eröffnen. Jene Staaten, in denen die Machtübernahme der neuen Herren sich noch nicht zur Gänze vollzogen hat, kommen auf einer schiefen Ebene dem politischen Fallbeil Tag für Tag näher. Kulturelle und sprachliche Codes, die vor noch nicht langer Zeit Erkennungsmerkmale brauner Rüpel waren, bestimmen die politische Auseinandersetzung.

Die Hetze gegen Minderheiten, der Hass auf Andersartige und bis zur Hysterie geschürte Ängste bilden einen Rauchvorhang, hinter dem zivilisatorische Standards, demokratische Verfahren und soziale Sicherheiten niedergerissen werden. Einst mächtige Sozialstaatsparteien verschwinden im Orkus der Geschichte. Das gesellschaftliche Leben ist vergiftet, ein geistiges findet nicht mehr statt. Statt dessen werden an jeder Straßenecke Wettbüros eröffnet.

Nicht wenige Europäer reiben sich verwundert die Augen. Teile der alten bürgerlichen Eliten und ein paar versprengte Restlinke reagieren angesichts des Tempos und der Wucht, mit denen die Staaten ausgehöhlt und umgebaut werden, mit ungläubigem Staunen. Nicht wenige alte Menschen wähnen sich in einem Alptraum, und jene, deren Vorfahren in den Gaskammern ermordet wurden, kontrollieren ihre fertig gepackten Koffer immer öfter.

In den Pyrenäen und in Nordgriechenland richten sich Tausende junge Menschen in Selbstversorgerhöfen als gesellschaftliche Eremiten ein, während in den Ballungszentren Millionen in Konsumwahn und weltanschaulichem Obskurantismus versinken. Die Nahrungsaufnahme wird zu einem säkularen Gottesdienst, Almkühe und Komposthaufen erfreuen sich größter gesellschaftlicher Fürsorge. In den großen Städten werden Bierzelte für Zehntausende Träger von Trachtenuniformen errichtet, und es wird geschunkelt und gedudelt, dass die Schwarten krachen.

Der Zweck der profanen Feldmessen tritt unverhüllt zutage: Die Volksgemeinschaft betet um den Anbruch einer neuen großen Zeit. Inbrünstig strebt sie danach, auch ihrer Generation einen Eintrag ins Hauptbuch der Barbarei zu erkämpfen.

In Osteuropa schrumpfte die Bevölkerung seit 1989 um fünfzehn Millionen Menschen. Gut ausgebildete Arbeitskräfte verlassen ihre Heimat und reihen sich in das Dienstleistungsproletariat der westeuropäischen Metropolen ein. Mit dem Mute der Verzweiflung klammern sie sich an den Traum vom sozialen Aufstieg. Zur selben Zeit geht es Abertausenden von sozial Deklassierten, die Kraft und Geld für die Emigration nicht aufbringen, in den Heimatländern an den Kragen. Verarmte Pensionistinnen verrotten in ihren Keuschen, Bettler und behinderte Menschen werden aus den Städten vertrieben. Alkoholiker ertränken sich und ihre Sucht in Tümpeln und Rinnsalen, seelisch angegriffene und gemütskranke Menschen tun es ihnen gleich.

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Hoher Ausschuss!

Das ist Europa heute: Ein digitalisierter Wirtschaftsraum zieht sich gesellschaftlich ins Mittelalter zurück. Der moderne Opferstock wird mit Milliarden von Daten gespeist, aber anstelle des grenzenlosen Paradieses für alle winkt die totale Kontrolle eines jeden.

Die Gefängnisse sind überfüllt. Die Hersteller von Stacheldraht, Sicherheitszäunen und Alarmanlagen melden Rekordgewinne. Als Kunstmäzene auftretende Glücksspielkonzerne schlagen aus der Ausbeutung des menschlichen Strandguts Extraprofite und veranlagen diese in Steuerparadiesen. Die Bauwerke der Antike und der Renaissance verblassen hinter Grenzbefestigungen und Abwehranlagen. Das Bienensterben wird durch den militärischen Drohnenflug kompensiert. Europa durchlebt fiebrige Jahre, wie sie Kriegen im Äußeren und im Inneren vorausgehen.

Das nachstehende Dossier wurde unter Einbeziehung mannigfaltiger Quellen erstellt. Sie wurden von mir nach bestem Wissen und Gewissen überprüft. Die meisten der unglaublichen Vorfälle und Verbrechen, von denen in der Folge die Rede sein wird, habe ich aus nächster Nähe miterlebt.

Der Bericht ist im Internet nicht zu finden, auch das Darknet bleibt in diesem Fall dunkel. Schriftliche Exemplare ergehen an Universitäten in Tel Aviv und Bogotá und an das Büro der UNO-Konvention. Sie dürfen nur von ausgewählten Personen eingesehen werden. Es könnte sein, dass sich auch in der Bibliothek der Fachhochschule St. Gallen ein unter Verschluss gehaltenes Exemplar befindet.

Ich bitte um strenge Prüfung des vorgelegten Berichts. Möge der Hohe Ausschuß seine Schlussfolgerungen ziehen!

Groll

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Aus Cornels Logbuch

Der Berg

Der Berg kam in der Nacht. Er hat nicht angeklopft. Das war gut so, die Viechsleut von der Heimleitung hätten ihn nicht eingelassen. Wie sie auch sonst niemanden hereingelassen haben, auf dass keiner das Elend schaut, die Kinder in den Gitterbetten und in ihrem Kot. Die Scheiße war das einzige, was die Kinder besaßen, und weil der Mensch nach Besitz strebt, gaben sie ihren nicht her. Manchmal aber waren sie großzügig und bewarfen die Pfleger mit ihrem stinkenden Besitz, ein Gruß aus der Menschenküche.

Der Berg kam in der Nacht, er hat nicht angeklopft. Und er hat sich das Heim geschnappt wie der triefäugige Labrador vom Oberpfleger unseren Fraß. So ein Berg, wenn er einmal ins Rutschen kommt, macht keine halben Sachen. Sollte man meinen. Bei uns aber zerriss er das Heim in zwei Teile, die einen wurden mitgerissen und verschwanden im giftigen Schlamm und hatten es hinter sich. Da waren Freunde, die konnten sich nicht verabschieden. Wir haben sie beneidet. Das halbe Heim weggeschwemmt, die halbe Belegschaft vom Berg geschluckt. Und die ganze Zeit hat es geregnet, einen ewigen Regen. Nach ein paar Tagen ist von der verbliebenen Hälfte der Insassen noch einmal die Hälfte eingegangen, an Hunger, Durst, Angst. Was einem so bleibt, wenn man sonst nichts hat. Dann wurden wir verlegt, in ein anderes Haus, das leider ganz geblieben war. Ein Drecksloch wie das alte, Ratten in der Küche, Wanzen im Bett. Und eine Pflegerin, groß wie ein Schrank. Sie schlug ohne Vorwarnung zu. In der Pädagogik ist am wichtigsten die Konsequenz, sonst kennt sich keiner aus. Schwester Jolanta kannte sich aus und waltete ihres Amtes. Bis mein Ordonnanzoffizier Matifu, der stark ist wie eine Armee, sie im Suppenkessel ertränkt hat. Matifu ist ein friedlicher Mensch, aber wenn die Lage es erfordert, kann er diese Schwäche überwinden. Die Suppe schmeckte säuerlich und stank bis in den Schlafsaal. Aber sie war essbar.

Eine gute Suppe ist eine große Auszeichnung für das Menschengeschlecht. Wenn selbiges aus Menschen bestünde, wär’s schön. Meist bleibt es ja beim Geschlecht, das Menschsein ist in der Packung nicht enthalten. Das wahre Menschentum zeigt sich erst auf Ebene sechs, sagte der Herr Anstaltspfarrer, der uns Schokolade zugesteckt hat, damit wir wegschauen, wenn er bei uns hingeschaut hat, sehr genau hingeschaut, mit zehn Augen auf seinen Drecksfingern. Das Haus war ein ehemaliges Verwaltungsgebäude eines E-Werks am Fluss, es hatte einen Lift und fünf Stockwerke. Die toten Kinder kommen in den sechsten Stock, hieß es, zu den Engeln, und am nächsten Tag wurden die Leichen abgeholt. Was dann geschah, weiß ich nicht. Für unsereins gab’s keinen großen Friedhof.

Das sage ich, Cornel Vanator, mit dem das Leben noch Großes vorhat.

Erwin Riess, geb. 1957, ist Schriftsteller. Er lebt und arbeitet in Wien-Floridsdorf und Pörtschach-Pritschitz am Wörthersee. Zudem ist er Aktivist der »Selbstbestimmt-Leben-Bewegung« behinderter Menschen. Bekanntheit erlangte Riess u. a. mit seinen »Herr Groll«-Romanen, jeden zweiten Montag erscheint in der jungen Welt seine Kolumne »Korrespondent Groll«. Der vorliegende Text ist ein Vorabdruck aus »Herr Groll und die Donaupiraten«, der dieser Tage im Otto-Müller-Verlag erscheint.

Zuletzt veröffentlichten wir an dieser Stelle am 24./25. September 2016 »Vorwahlherbst am Wörthersee oder Minoritäre Allianzen an der Macht«.

Erwin Riess: Herr Groll und die Donaupiraten. Otto-Müller-Verlag, Salzburg/Wien 2019, 302 Seiten, 23 Euro

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