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Aus: Ausgabe vom 17.08.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Eine Handvoll Cent

Von Arnold Schölzel
Der Schwarze Kanal: Eine Handvoll Cent
Der Schwarze Kanal: Eine Handvoll Cent

Als Drohung bezeichneten die meisten deutschen Medien den Vorschlag des US-Botschafters Richard Grenell, die mehr als 50.000 in der Bundesrepublik stationierten GIs abzuziehen. Was sich wie eine Abrüstungsinitiative anhörte, war aber nicht so gemeint: Die Truppen könnten auch nach Polen verlegt werden, erläuterte Grenell. Das hatte sein Chef Donald Trump schon im Juni ins Spiel gebracht. Nun kommt hinzu: Auf seiner bevorstehenden Europareise schaut der US-Präsident nicht in Berlin, wohl aber in Kopenhagen und Warschau vorbei – eine Auszeichnung für wahre Nibelungentreue und fürs Einvernehmen beim Migrantenjagen.

Die erste Reaktion auf Grenells Angebot im deutschen Kriegsgewerbe einschließlich dessen publizistischen Armen war hühnerhaufenmäßiges Durcheinander. Am Sonnabend zündete dann wenigstens Welt-Chefkommentator Jacques Schuster den ultimativen Argumentenknaller: Grenell vertrete die »einzig verbliebene Supermacht der Welt«. Wertegemeinschaft? Der Größte hat immer recht. Ob das mit der »einzigen Supermacht« noch stimmt, erörterte Schuster nicht. Das ständige Genörgel im Weißen Haus, die Europäer kosteten zuviel, könnte ein Indiz dafür sein, dass sich das »einzig« gerade erledigt: Der Weltgendarm schafft es nicht mehr allein. Schuster fielen dann doch die Werte ein: Grenell habe »überdies« recht, die Deutschen sollten endlich ihre zwei Prozent von der Wirtschaftsleistung fürs Aufrüsten abliefern. Das war die richtige NATO-Reihenfolge: erst Macht, dann Recht. Als Abbitte schien das dem Welt-Mann nicht ganz ausreichend, also formulierte er wie eine groteske Knallcharge: »Ohne Amerikas Schutz gleicht die Bundesrepublik einem Staubkorn im Sturm der Weltpolitik.« Bleibt nur, sich am Boden zu wälzen.

Aber noch ist nicht alles verweht. Am Montag meldete sich in der Neuen Zürcher Zeitung der Präsident der dem deutschen Kanzleramt zugeordneten Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Karl-Heinz Kamp, zu Wort. Er knöpfte sich »die Mythen der deutschen Zwei-Prozent-Debatte« vor und begann mit einem Rechenexempel: Zwei Prozent bedeuteten »lediglich zwei Cent von einem Euro«. Den Bundeswehrsoldaten und den USA werde »schwer zu vermitteln sein, dass das wirtschaftlich stärkste Land der EU diese zwei Cent nicht aufbringt«. Auf bundesdeutsche Schulabsolventen mit den hierzulande üblichen Mathematikkenntnissen dürfte das entwaffnend wirken: Es geht nur um eine Handvoll Cent.

Mit Trump haben die zwei Prozent, so Kamp, auch nichts zu tun: Schon 2002 hätten die USA versucht, diese Regelung für alle NATO-Mitglieder einzuführen. Konnten sich aber nicht durchsetzen. Er bestätigt amtlich: Hochrüstungswahn ist in Washington und bei der NATO notorisch und unabhängig von den Konflikten mit Russland, die heute ins Feld geführt werden.

Und noch ein »Mythos«: Wenn aber »gar nichts mehr hilft«, verfange in Deutschland der Hinweis auf die sozialen Nöte. Die »polemische Frage, wie viele Kindertagesstätten man von den Kosten eines Großwaffensystems kaufen könnte, gibt es seit den heftigen Debatten mit der Friedensbewegung in den 80er Jahren«. Ist da einer sauer, weil er 35 Jahre lang keine Antwort gefunden hat? Scheint so, denn Kamp schiebt die Frage weiter: In den USA gebe es die gleiche Überlegung: »Wie viele zivile Infrastrukturprojekte könnten« dort für die Gelder finanziert werden, »die bis jetzt in die Bereitstellung militärischer Fähigkeiten für die europäischen Verbündeten fließen?«

Da lässt sich sagen: So viele wie für zwei oder ein paar mehr Cent von jedem US-Dollar zu haben sind. Hat in USA, Bundesrepublik und übriger NATO aber noch nie jemand abzuzweigen versucht. Fürs weltpolitische Staubkorn wie für die einzige Supermacht ist Abrüstung der Ernstfall. Es darf sie nie geben.

Kamp bestätigt amtlich: Hochrüstungswahn ist in Washington und bei der NATO notorisch und unabhängig von den Konflikten mit Russland, die heute ins Feld geführt werden.

Debatte

  • Beitrag von Joel K. aus G. (16. August 2019 um 21:15 Uhr)
    Statt sich erpressen zu lassen, lieber Folgendes tun: Alle Verträge über US-Basen in Deutschland sofort kündigen, die betroffenen Regionen mit Konversionsprogrammen schadfrei halten. Raus aus der NATO. Die Militarisierung der EU bekämpfen, zur Not auch austreten. Alle Auslandseinsätze sofort abbrechen. Neutral werden, eine reine Verteidigungsarmee behalten, mit Nachbarn Abrüstungsverhandlungen führen und dann multilateral schrittweise demilitarisieren. UN und OSZE, sowie andere Foren wie Europarat und Blockfreie, sollten genügen. Soziale Verteidigung an allen Schulen und Bildungseinrichtungen lehren, sowie einmal jährlich bundesweit auch in allen Betrieben an einem Tag proben. Das Völkerrecht und zivile Konfliktbewältigung sind in allen internationalen Beziehungen und Krisen zu achten.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Hans-Georg Vogl, Zwickau: Großes Glück Wir hatten das große Glück, Karl-Eduard von Schnitzler zu Lebzeiten auch in Zwickau begrüßen zu können. Wenn mit dem oben genannten jW-Beitrag anlässlich des 70. Jahrestags der Gründung der DDR der »S...

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