Gegründet 1947 Mittwoch, 13. November 2019, Nr. 264
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 17.08.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Patriotismus« und anarchistische Phrase

Nationale oder antinationale Taktik gegen Militarismus und Krieg? Eine Untersuchung Lenins aus dem Jahr 1908
S 03 Kopie.jpg
Entfesselter Wahn: Auszug deutscher Soldaten zum Beginn des Ersten Weltkriegs (1. August 1914)

Der prinzipielle Zusammenhang zwischen Militarismus und Kapitalismus steht bei den Sozialisten durchaus fest, und es gibt in dieser Frage keine Meinungsverschiedenheiten. Aber die Anerkennung dieses Zusammenhangs bestimmt noch nicht konkret die antimilitaristische Taktik der Sozialisten, entscheidet nicht die praktische Frage, wie gegen die Last des Militarismus zu kämpfen ist und wie Kriege verhindert werden können. Und gerade in den Antworten auf diese Fragen gehen die Auffassungen der Sozialisten erheblich auseinander. (…)

Auf dem einen Pol stehen die deutschen Sozialdemokraten vom Typ (Georg von) Vollmars (1850–1922, 1894 bis 1918 Vorsitzender der bayerischen SPD, jW). Da – so argumentieren sie – der Militarismus ein Produkt des Kapitalismus ist und Kriege eine unvermeidliche Begleiterscheinung der kapitalistischen Entwicklung bilden, bedarf es keinerlei spezifischen Antimilitarismus. (…) In der Frage, wie sich die Sozialdemokraten im Falle einer Kriegserklärung verhalten sollen, steht die Mehrheit der deutschen Sozialdemokraten (…) hartnäckig auf dem Standpunkt, dass die Sozialdemokraten ihr Vaterland gegen einen Angriff verteidigen müssten und verpflichtet seien, an einem »Verteidigungskrieg« teilzunehmen. (…)

Auf dem anderen Pol steht die zahlenmäßig kleine Gruppe der Anhänger (Gustave) Hervés (1871–1944, französischer Antimilitarist, ab dem Ersten Weltkrieg Nationalist, jW). Das Proletariat hat kein Vaterland – argumentieren die Herveaner. Also ist jeglicher Krieg ein Krieg im Interesse der Kapitalisten; also muss das Proletariat gegen jeden Krieg kämpfen. Auf jede Kriegserklärung muss das Proletariat mit dem Militärstreik und dem Aufstand antworten. (…)

Dergestalt sind die zwei »extremen« Standpunkte zu dieser Frage in den Reihen der westeuropäischen Sozialisten. »Wie die Sonne in einem kleinen Wassertropfen«, so spiegeln sich in ihnen die beiden Krankheiten wider, die immer noch die Tätigkeit des sozialistischen Proletariats in Westeuropa schädlich beeinflussen: die opportunistischen Tendenzen auf der einen Seite und die anarchistische Phrasendrescherei auf der anderen. Zunächst einige Bemerkungen über den Patriotismus. Dass »die Arbeiter kein Vaterland haben«, steht wirklich im »Kommunistischen Manifest«; dass die Haltung von Vollmar, Noske und Co. dieser Grundthese des internationalen Sozialismus »ins Gesicht schlägt«, ist ebenfalls richtig. Aber daraus folgt noch nicht, dass die Behauptung Hervés und seiner Anhänger richtig ist, es sei dem Proletariat gleichgültig, in was für einem Vaterland es lebt: ob im monarchistischen Deutschland, im republikanischen Frankreich oder in der despotischen Türkei. Das Vaterland, d. h. das gegebene politische, kulturelle und soziale Milieu, ist der stärkste Faktor im Klassenkampf des Proletariats; und ist Vollmar im Unrecht, wenn er ein »echtdeutsches« Verhältnis des Proletariats zum »Vaterland« feststellt, so hat Hervé nicht minder unrecht, der einem so wichtigen Faktor des Befreiungskampfes des Proletariats unverzeihlich unkritisch gegenübersteht. Dem Proletariat können die politischen, sozialen und kulturellen Bedingungen seines Kampfes nicht gleichgültig sein, folglich können ihm auch die Geschicke seines Landes nicht gleichgültig sein. Jedoch interessieren es diese Geschicke nur insofern, als sie seinen Klassenkampf betreffen, nicht aber kraft eines bürgerlichen, im Munde von Sozialdemokraten ganz unangebrachten »Patriotismus«. (…)

Der Streit wird darum geführt, ob man das Proletariat durch Beschluss binden soll, jeden Krieg mit dem Aufstand zu beantworten. Diese Frage in dem zuletzt genannten Sinne (Hervés, jW) entscheiden heißt, dem Proletariat die Möglichkeit nehmen, den Zeitpunkt des Entscheidungskampfes zu wählen, und dies seinem Gegner überlassen; nicht das Proletariat wählt, seinen eigenen Interessen entsprechend, den Zeitpunkt der Schlacht – wenn sein allgemeines sozialistisches Bewusstsein einen hohen Grad erreicht hat, seine Organisiertheit stark, der Anlass günstig ist usw. – , nein, die bürgerlichen Regierungen könnten es auch dann zum Aufstand provozieren, wenn die Verhältnisse für das Proletariat ungünstig sind, zum Beispiel durch Erklärung eines solchen Krieges, der besonders geeignet ist, in breiten Bevölkerungsschichten patriotische und chauvinistische Gefühle auszulösen, der also das aufständische Proletariat isolieren würde. (…) Wenn das Proletariat es für zweckmäßig und geeignet erachtet, so kann es eine Kriegserklärung mit dem Militärstreik beantworten; es kann, neben anderen Mitteln zur Herbeiführung der sozialen Revolution, auch zum Militärstreik greifen. Aber es liegt nicht im Interesse des Proletariats, sich durch dieses »taktische Rezept« zu binden.

Wladimir Iljitsch Lenin: Der streitbare Militarismus und die antimilitaristische Taktik der Sozialdemokratie. Proletari Nr. 11, 5. August 1908. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 15. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 188–191

Mehr aus: Wochenendbeilage