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Aus: Ausgabe vom 17.08.2019, Seite 15 / Geschichte
Arbeiterbewegung

»Teamsters« on strike

Mitten in der Wirtschaftskrise streikten 1934 in Minneapolis die Lkw-Fahrer – ein Arbeitskampf mit Ausstrahlung auf die gesamten Vereinigten Staaten
Von Steve Hollasky
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Angehörige der »Teamster«-Gewerkschaft im Straßenkampf mit der Polizei (Minneapolis, Juni 1934)

»Das waren keine Streiks, das waren Bürgerkriege«, erklärte Jack Maloney, Teilnehmer des Teamsterstrikes in Minneapolis, 40 Jahre nach dem siegreichen Ende des Arbeitskampfes dem lokalen Fernsehender KTCA. Der Streik, einer der gewaltigsten der US-Geschichte, legte 1934 nicht nur eine ganze Stadt lahm, sondern inspirierte auch Arbeiter überall in den USA. Trotzdem ist er heute fast vergessen.

Die Vereinigten Staaten von Amerika befanden sich 1934 im fünften Jahr der bis dahin tiefsten Krise des Kapitalismus. Die industrielle Produktion war auf etwas über 60 Prozent des Niveaus von 1929 gefallen. Die sozialen Auswirkungen waren verheerend. Im August 1931 hatten 1.500 Arbeitslose in Indiana Harbor die Fruit Growers Express Company gestürmt und Arbeit verlangt, weil sie fürchteten zu verhungern. Die Firma rief kurzerhand die Polizei. Ganze Familien lebten auf der Straße. Gut jeder Dritte war arbeitslos und hätte jeden noch so kärglichen Lohn akzeptiert.

Minneapolis, die größte Stadt des Bundesstaates Minnesota im Norden der USA, wurde von der Krise besonders hart getroffen. Die von Unternehmern gegründete »Citizen’s Alliance« organisierte erfolgreiche Kampagnen gegen die Gewerkschaften. Siegreiche Arbeitskämpfe hatte es auch vor dem Börsencrash 1929 kaum gegeben. Während die Löhne in den USA in den 1920er Jahren im Durchschnitt um elf Prozent gestiegen waren, betrug der Zuwachs in Minneapolis gerade einmal zwei Prozent.

In dieser Situation, so die feste Überzeugung der American Federation of Labor (AFL), des Dachverbandes der US-Gewerkschaften, waren erfolgreiche Streiks praktisch ausgeschlossen, denn eine Armee von Streikbrechern schien an allen Ecken und Enden zu lauern. Auch Daniel Tobin, Präsident der International Brotherhood of Temasters (IBT), der Gewerkschaft der Lkw-Fahrer, lehnte Arbeitskämpfe ab.

Ausnahme »Local 574«

Tobin setzte seine Hoffnungen auf den 1932 gewählten demokratischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, dessen »New Deal« Jobs und Prosperität durch staatliche Interventionen versprach. Zudem sicherte der »National Industrial Recovery Act« (NRA) von 1933 Arbeitern auch die Möglichkeit gewerkschaftlicher Organisierung zu. Das reichte der Führung von AFL und IBT aus – auch dann noch, als die Arbeitslosenzahlen weniger sanken als versprochen, die Löhne hinter den Preisen herhinkten und die Unternehmer ihren Kleinkrieg gegen die Gewerkschaften fortsetzten.

Aber ausgerechnet im gebeutelten Minneapolis setzte sich innerhalb der dortigen Gliederung der IBT, des »Local 574«, eine andere strategische Ausrichtung durch. Die Führung des »Local 574« bestand aus entschlossenen Aktivisten rund um den gebürtigen Schweden Carl Skoglund. Das Mitglied der trotzkistisch orientierten Communist League of America (CLA) hatte früh seinen Vater verloren und brachte seine Geschwister mit Gelegenheitsarbeiten durch. Sein Ruf, Streiks zu organisieren, eilte ihm voraus und verhinderte, dass er in seiner Heimat Arbeit fand. Im Alter von 27 wanderte er deshalb in die USA aus. In Minneapolis wurde er Kohleausfahrer und trat der IBT bei.

Trotz des geringen Ogranisationsgrades hatten sie es bereits im Februar 1934 geschafft, die Ausfuhr von Brennstoffen für zwei Tage zum Erliegen zu bringen. Die Unternehmer knickten ein. Der Sieg bescherte der IBT einen ungeahnten Zulauf, nicht weniger als 3.000 Beschäftigte verstärkten innerhalb weniger Wochen ihre Reihen.

Im April übergab »Local 574« einen Forderungskatalog der Lkw-Fahrer an die »Citizen‘s Alliance«. Diese lehnte jedes Zugeständnis ab. Daraufhin beschloss die Vollversammlung der Beschäftigten am 15. Mai 1934 den ersten Streik der Teamster. Das Hauptquartier schlug das aus 100 Kollegen bestehende Organisationskomitee in einer alten Garage auf. Die Streikenden trafen sich dort jeden Morgen und planten die Aktionen des Tages. Von dort wurden Wagenladungen voller Streikposten an die vorgesehenen Orte transportiert.

Ein Frauenkomitee unterstützte den Ausstand, ebenso ein eigens organisiertes Komitee von Arbeitslosen. Farmer spendeten Essen und Milch für die Kinder der Streikenden, Ärzte und Schwestern halfen nach ihrem Dienst bei der Versorgung von Verletzten. Und die gab es zuhauf: Bereits am 19. Mai versuchten Polizisten mit Gewalt, eine Streikpostenkette zu durchbrechen, letztlich erfolglos. Die Auseinandersetzung ging später unter dem Namen »The Battle of Deputies Run« in die Geschichte der Stadt ein.

Trotz der Propaganda der bürgerlichen Medien und obwohl sich der Chef der IBT Tobin öffentlich vom Streik distanzierte, hielten die Reihen der Streikposten. Unter dem Druck der Ereignisse verlangte Gouverneur Floyd B. Olson von der Bauern- und Arbeiterpartei von Minnesota, die später in der Demokratischen Partei aufging, eine Übereinkunft, und die »Citizen’s Alliance« stimmte massiven Lohnerhöhungen, Arbeitsschutzmaßnahmen und einem Kündigungsschutz zu. Alle erwarteten ein Ende des Ausstandes. Da sich die Unternehmer aber weigerten, den Abschluss auch auf die Beschäftigten der Lager auszuweiten, beschlossen die Teamster im Juli den Streik von neuem aufzunehmen.

Blutiger Freitag

Lkws konnten lediglich dann fahren, wenn sie die Erlaubnis des »Local 574« hatten. Das Streikkomitee organisierte die Belieferung der Stadt mit Essen durch die angrenzenden Farmen und gab eine tägliche Zeitung, The Organizer, heraus, Chefredakteur war James P. Cannon, Vorsitzender der CLA. In Minneapolis standen im wahrsten Sinne des Wortes die Räder still. Umso härter griff nun der Staat durch. Verhaftungen auch von Streikführern und Knüppeleinsätze kannten die Teamster bereits. Nun wurde die Nationalgarde in Bewegung gesetzt. Am 20. Juli, dem »blutigen Freitag«, eröffnete die Polizei sogar das Feuer auf Streikposten, verletzte 67 und tötete zwei von ihnen. An der Beisetzung nahmen Zehntausende Einwohner der Stadt teil.

Je länger der Streik anhielt, desto mehr Unternehmer scherten aus der Phalanx der »Citizen’s Alliance« aus und verlangten, die Forderungen des Streikkomitees zu akzeptieren. Selbst Präsident Roosevelt schaltete sich ein. Nach mehr als sieben Wochen Streik gaben die Unternehmer nach. Die Löhne der Teamster stiegen von 28 auf 52 Cent pro Stunde. »Local 574« erklärte den Ausstand am 22. August für beendet. Es war der erste große Streikerfolg in den USA seit 1929 und löste eine ganze Welle von erfolgreichen Arbeitskämpfen aus, in deren Folge die Löhne erstmals wieder spürbar stiegen.

Was ist anders an Local 574? Die Antwort ist, fast alles ist anders. (…) Einer der zahlreichen Beiträge, die Local 574 geleistet hat, ist die Organisierung der Frauen der Streikenden und deren direkte Beteiligung am Streik durch die Frauenhilfsorganisation. (…)

Wir sehen die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit als einen unaufhörlichen Kampf zwischen der ausgebeuteten Klasse der Arbeiter und der Klasse der ausbeutenden Parasiten. Das ist Krieg. Was in diesem Krieg, wie in allen anderen, entscheidet, ist Macht. Die Ausbeuter sind organisiert, um uns im Staub zu zermahlen. Wir müssen unsere Klasse organisieren, um zurückzuschlagen. Und die Frauen bilden die Hälfte der Arbeiterklasse. Ihre Interessen sind dieselben wie unsere, und sie sind bereit, dafür zu kämpfen. Deshalb: Organisiert sie, damit sie an den Klassenkämpfen teilnehmen. Das ist die Idee hinter der wundervollen Organisation der Frauenhilfsorganisation und seiner effektiven Kooperation mit der Gewerkschaft im Kampf.

James P. Cannon: Das Geheimnis von Local 574, The Organizer, 18.8.1934

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