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Aus: Ausgabe vom 17.08.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Faschismus

»Ich habe vor Freude geweint«

Vor 75 Jahren begann die Befreiung der französischen Hauptstadt. Ein deutscher Genosse war beteiligt. Gespräch mit Erhard Stenzel
Von Horsta Krum
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Die Bevölkerung begrüßt Charles de Gaulle und die Streitkräfte für ein freies Frankreich in den Straßen von Paris (26.8.1944)

Sie waren dabei, als Paris befreit wurde. Wie kamen Sie als 19jähriger Wehrmachtssoldat dazu?

Im August 1944, als Paris von der deutschen Besatzung befreit wurde, war ich natürlich kein Wehrmachtssoldat mehr, sondern gehörte zur französischen ­Résistance.

Wie kamen Sie zur Résistance?

Als ich, 17jährig, zur Wehrmacht eingezogen wurde, stand für mich fest: Für die Faschisten werde ich meine Waffe niemals gebrauchen. Als Junge von acht Jahren hatte ich erlebt, wie mein Vater von der Gestapo abgeholt und die Treppe runtergestoßen wurde; das hat mich geprägt, und dann auch die kommunistische Überzeugung meiner Mutter, die Textilarbeiterin war. In Norwegen hatte ich glücklicherweise keine Gelegenheit zu schießen, aber auch keine Gelegenheit überzulaufen. Als die Landung der Alliierten in der Normandie bevorstand, wurde meine Einheit nach Nordfrankreich verlegt.

Aber Desertion galt ja als todeswürdiges Verbrechen ...

Deshalb musste ich eine sichere Gelegenheit abwarten, die sich Anfang Januar 1944 bot.

Und dann gingen Sie zur Résistance?

So einfach war das nicht. Ich wurde viele Stunden lang verhört, bis sie mir schließlich glaubten, dass ich aus Überzeugung gekommen war. Und mehr noch: Sie fragten mich, ob ich Mitglied der Kommunistischen Partei werden wollte. Darauf bin ich bis heute stolz.

Wie haben Sie sich innerhalb Ihrer Einheit verständigt? Sie sprachen doch kein Französisch.

Das stimmt. In Deutschland hatte ich ja keine Möglichkeit gehabt, eine Fremdsprache zu lernen. Ich wurde einer Einheit mit überwiegend deutschsprachigen Kämpfern zugeteilt, zum Beispiel mit Österreichern, Niederländern. Wir hatten einen französischen Offizier und einen deutschen Kommandeur.

Wie sind Sie dann nach Paris gekommen?

Zunächst einmal führte meine Résistance-Einheit Sabotageakte in Nordfrankreich durch, zum Beispiel sprengten wir eine Eisenbahnbrücke in dem Augenblick, als ein Zug mit Waffen, Munition und Soldaten diese Brücke passierte. Das musste ganz sorgfältig geplant und nicht nur auf die Minute, sondern auf die Sekunde ausgeführt werden.

Was änderte sich für Sie und Ihre Einheit, als die US-Amerikaner und Engländer im Juni in der Normandie landeten?

Wir wurden in eine amerikanische Einheit eingegliedert. Zunächst verfolgten wir die fliehende SS. Dabei war mein schlimmstes Erlebnis das, was ich in Oradour sah, wo die SS Frauen und Kinder in der Kirche eingeschlossen und bei lebendigem Leibe verbrannt hatte. Die Männer waren in einer Scheune zusammengetrieben und dort erschossen worden. Wir fanden ausgebrannte Wohnhäuser vor, auf den Straßen lagen Tote – es war entsetzlich, wir waren fassungslos, ich habe geweint.

Nach diesem schrecklichen Erlebnis sind Sie also weiter nach Südosten vorgerückt. Wo waren Sie und Ihre Einheit am 18. August, als in Paris die Gewerkschaften den Streik verkündeten und die Résistance zum offenen Kampf gegen die Besatzer aufrief?

Nach dem 18. August haben wir geholfen, die nördlichen Vorstädte zu befreien, und bewegten uns dann Richtung Zentrum. Alle wussten, dass der Kampf um Frankreich vor allem in der Hauptstadt entschieden würde, aber die Alliierten hielten ihre schweren Waffen zurück.

Der Dichter Louis Aragon hat gesagt, dass Paris am 18. August die Stadt wurde, »die ihre Pflastersteine rausgerissen hat«. Haben Sie das auch so erlebt?

Ja, die Einwohner haben Pflastersteine herausgerissen, mit denen sie die deutschen Fahrzeuge angriffen, auch Barrikaden aus gefällten Bäumen haben sie gebaut, die Bekanntmachungen der Besatzer heruntergerissen und durch Plakate ersetzt, die zum offenen Widerstand aufriefen.

Wussten Sie, dass Hitler dem Kommandierenden General und Wehrmachtsbefehlshaber in Paris, Dietrich von Choltitz, befohlen hatte: »Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hände des Feindes fallen.«

Das erfuhren wir durch ein Rundschreiben. Aber am 25. August erfuhren wir vor allem, dass Choltitz um 14.45 Uhr die Kapitulation unterzeichnet hatte. Wir alle, Kämpfende und Zivilisten, lagen uns in den Armen, der Jubel war unbeschreiblich.

Und am nächsten Tag folgte eine große Siegesparade. Der Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre beschrieb sie so: »Ich habe nie einen seltsameren und schöneren Vorbeimarsch gesehen. Er hatte nicht die strenge Gliederung und den Aufwand der großen Truppenschauen. Zuallererst erinnerten diese bunten Wagen, die mit sonderbaren Zeichen und Streifen weißer Farbe bedeckt waren, an einen etwas dürftigen Karneval, einen Kriegskarneval. Auf kleinen Lastwagen zogen Männer und Frauen langsam vorüber, wie auf den großen Wagen am Karnevalsdienstag. Nur hielten sie in ihren Händen Gewehre, Handgranaten, Revolver. Die Menge klatscht Beifall, ruft, singt ›FFI‹ (Forces françaises de l'intérieur – Französische Streitkräfte im Innern, jW), sie spürte, dass es nicht nur darum ging, die Deutschen aus Frankreich zu verjagen, sondern darum, einen härteren und geduldigeren Kampf um die Eroberung einer neuen Ordnung zu beginnen.« Wie haben Sie das Ganze erlebt?

Ja, die Pariser Résistancekämpfer zogen auf Wagen vorbei, so wie Sartre schreibt. Die anderen Résistancekämpfer, zu denen ich ja auch gehörte, und die Alliierten standen am Straßenrand und bildeten Spalier.

Aber an einen Karnevalszug dachte ich überhaupt nicht, denn die Atmosphäre war ganz anders: Alle Glocken läuteten, die Kämpfer auf den Wagen sangen die Marseillaise und die Internationale. Sie hielten nicht nur Waffen in den Händen, sondern schwenkten auch rote Fahnen, die leuchteten – mehr als die weißen Zeichen und Inschriften auf den Wagen.

Nach monatelangem Kampf im Untergrund, immer mit dem Tode rechnend, muss das ja für alle Kämpfer überwältigend gewesen sein.

Ich habe zum zweiten Mal während meiner Zeit in Frankreich geweint, aber diesmal vor Freude. Ich musste an meinen Vater denken, meine Mutter, meinen kleinen Bruder: Wenn die das alles hier hätten erleben können! Ich war nicht der einzige, der weinte. Immer wieder drängten Menschen aus der dichten Menge auf die Straße und warfen den Kämpfern auf den Wagen Blumen zu.

Viele Pariser hatten im Laufe der Besatzung ihre Stadt verlassen. Wahrscheinlich wollten jetzt alle, die geblieben waren, irgendwie an dieser Freude teilhaben.

Das war aber nicht ohne Risiko. Denn es wurde immer noch gekämpft, besonders in den östlichen Vorstädten, Richtung Deutschland. Vor allem die Wehrmachtsoffiziere, die SS- und Gestapo-Angehörigen leisteten dort erbitterten Widerstand. Die hatten über besondere Klubs mit Bordellen verfügt, die besten Hotels besetzt. Sie lebten »wie Gott in Frankreich« und versuchten deshalb, sich so schnell wie möglich nach Deutschland abzusetzen.

Also konnte Ihre Einheit nicht in Paris bleiben.

Nein, zum Ausruhen hatten wir überhaupt keine Zeit, denn wir waren ja dabei, die fliehenden Besatzer zu verfolgen und weitere Verbrechen wie Oradour zu verhindern. Der französische Kommandeur unserer Kampfgruppe befahl, dass mein deutscher Kamerad und ich zurückbleiben und uns nicht der Grenze nähern sollten, um auf deutschem Boden nicht dem Feind in die Hände zu fallen. So hatten wir den Nachschub für die ostwärts vorrückenden alliierten Streitkräfte und die Résistance zu sichern: Waffen, Munition, Lebensmittel, Militärbekleidung usw. Nach dem Sieg wurden wir, meine ausländischen Kameraden und ich, nach Paris eingeladen; Frankreich hat sich offiziell bei uns bedankt.

Wie geht es Ihnen heute mit dem, was Sie in Frankreich erlebt haben?

Ganz wichtig ist für mich, dass ich vor mehr als vierzig Schulklassen über meine Erfahrungen in Frankreich sprechen konnte, das waren ohne Ausnahme sehr gute, ernsthafte Gespräche. 1945 hätte ich mir nicht vorstellen können, dass heute bei uns, in Frankreich und anderen Ländern Faschisten auf der Straße marschieren und ihr Gedankengut verbreiten. Ich bin überzeugt, dass die jungen Leuten, zu denen ich gesprochen habe, und vielleicht auch ihre Familien mit mir der Überzeugung sind: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus. Menschen mit diesem Willen sind meine Hoffnung für die Zukunft.

Nach dem Krieg kehrte Erhard Stenzel im Alter von 20 Jahren in seine Heimatstadt Freiberg zurück und nahm Lernangebote begierig wahr. Beruflich und ehrenamtlich arbeitete er in Partei- und gesellschaftlichen Organisationen. Bis 2014 war er Mitglied der Linkspartei in der Stadtverordnetenversammlung seines Wohnortes Falkensee

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