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Aus: Ausgabe vom 16.08.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Autozulieferer

Arbeitskampf bei Mahle

Betriebsrat und IG Metall fordern Beschäftigungsgarantie bis 2025 und Qualifikationsfonds
Von Steffen Stierle
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Mahle-Beschäftigte demonstrieren vor dem Werk in Stuttgart (25.7.2019)

Im Arbeitskampf beim Stuttgarter Autozulieferer Mahle geht der Betriebsrat in die Offensive. In einem Strategiepapier forderten die Arbeitervertreter eine langfristige Beschäftigungsgarantie. »Diese soll nicht nur kurzfristig, sondern bis mindestens 2025 einen tragfähigen Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen beinhalten. Dazu gehören neben anderen Themen eine aktive Ausbildungspolitik, eine attraktive Altersteilzeit und eine klare Begrenzung von prekärer Beschäftigung«, heißt es in dem Papier, das jW vorliegt.

Derzeit gibt es eine Beschäftigungsgarantie nur bis 2020. Das Management hatte im Mai Stellenstreichungen am Standort Stuttgart sowie eine komplette Schließung des Werks in Öhringen bei Heilbronn angekündigt. In Stuttgart soll nach den Plänen der Kapitalseite fast jede zehnte Stelle wegfallen: 380 der 4.300 Beschäftigten wären betroffen. In Öhringen gingen 240 Arbeitsplätze verloren. Erfahren haben die Betroffenen laut Mahle-Betriebsrat von den Plänen aus der Zeitung. Insgesamt beschäftigt der Konzern in Deutschland an 26 Standorten rund 13.000 Mitarbeiter, weltweit sind es knapp 80.000.

Das Strategiepapier des Betriebsrates kursiert seit Donnerstag im Intranet des Unternehmens und hängt an den schwarzen Brettern aus. Dem Management wird vorgeworfen, Arbeitsplätze in Billiglohnländer in Osteuropa zu verlagern. »Dieser Prozess ist bereits im Gange. Nicht nur die Produktion, sondern auch die Entwicklung ist davon betroffen«, sagte der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Uwe Schwarte, gegenüber jW.

Wie die gesamte Automobilindustrie steht Mahle vor großen Umbrüchen. Die Herausforderungen ergeben sich aus Dieselkrise, der Umstellung auf Elektromobilität und neuen digitalen Produktionsverfahren. Während die Konzernlenker etwa bei Opel, Volkswagen und Daimler in den letzten Monaten umfassende Stellenstreichungen verkündeten und offenbar die Gelegenheit nutzen wollen, Kernbelegschaften zu dezimieren, vermehrt Leiharbeiter einzusetzen oder Standorte zu verlagern, fordern Betriebsräte und Gewerkschaften, die Belegschaften in den Wandel einzubeziehen und etwa durch entsprechende Qualifizierungsmaßnahmen bestehende Arbeitsplätze zu erhalten.

So fordert auch der Betriebsrat bei Mahle neben der Beschäftigungsgarantie einen Investitionsfonds, mit dem die Standorte technisch umgerüstet werden, und einen Qualifizierungsfonds, aus dem Weiterbildungsmaßnahmen für die Belegschaft finanziert werden sollen. »Produktionswerke, Entwicklungsbereiche und Verwaltung müssen technisch und organisatorisch so weiterentwickelt werden, dass sie zukunftsfähig sind und ihre führende Position im internationalen Produktions- und Entwicklungsnetzwerk beibehalten können«, heißt es in dem Papier.

Einen Termin für die Verhandlungen um die Zukunft der Standorte gibt es laut Betriebsratschef Schwarte noch nicht. Lediglich das Prozedere sei abgesprochen. Das Management will demnach einer längeren Beschäftigungsgarantie nur zustimmen, wenn aus seiner Sicht geeignete »Ausstiegsszenarien« vorgesehen werden.

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