Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Montag, 19. August 2019, Nr. 191
Die junge Welt wird von 2208 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 15.08.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Handelsstreit

Boykott für Gerechtigkeit

Südkorea kippt Vorzugsbehandlung Japans. Ehemalige Zwangsarbeiter fordern Entschädigung von Tokio
Von Rainer Werning
Handelsstreit_zwisch_62196000.jpg
Südkoreanische Produkte in Tokio. Der Handelsstreit zwischen Japan und Südkorea spitzt sich zu (30.7.2019)

Es sind Geschichten wie die nachfolgende, die aktuell die Gemüter in Südkorea wie in Japan aufwühlen. Aufgeheizt wird die Lage dadurch, dass die Schicksale der von japanischen Großfirmen zwangsrekrutierten koreanischen Arbeiter während des Zweiten Weltkrieges gänzlich unterschiedlich bewertet werden. Was in reaktionären Kreisen Japans schlichtweg geleugnet oder bagatellisiert wird, gilt in Südkorea als noch immer anhaltende Demütigung und Schmach.

Kim Geung-Sok war der erste (süd-)koreanische Zwangsarbeiter, der Ende September 1991 erstmals in Japan eine Schadensersatzklage gegen seinen früheren »Dienstherren«, die Kawasaki-Stahlhütte im Besitz der NKK Corporation, einreichte. Im Oktober 1942 war der damals 16jährige Kim als »Ersatz« für seinen älteren Bruder nach Japan verschleppt worden, weil dieser als einziger Verdiener in der Familie unabkömmlich war. Seine Erlebnisse schilderte er fast 50 Jahre später seinen Anwälten: »Als im April 1943 koreanische Arbeiter gegen die schlechte Behandlung durch das japanische Wachpersonal demonstrierten und streikten, wurde ich als einer der Rädelsführer verdächtigt und brutal zusammengeschlagen. Dabei brach man mir mehrere Rippen und kugelte meinen rechten Arm aus. Da ich nicht mehr arbeitsfähig war, wurde ich schließlich im Februar 1944 nach Korea zurückverfrachtet. Das Leben blieb hart. Zwischenzeitlich war auch mein älterer Bruder in ein Kohlebergwerk in Yubari auf der nordjapanischen Insel Hokkaido verschleppt worden. Er starb kurz nach dem Krieg. Ich vermute, er liegt dort irgendwo begraben.« Kims Mutter starb 1987. Ihr letzter Wunsch an ihn soll gewesen sein, die Überreste des älteren Bruders zu finden und in Südkorea zu bestatten.

Kims Klage wurde abgeschmettert, und die Geschichte erregte damals kein Aufsehen. Anders ist das heute, nachdem seit Herbst vergangenen Jahres mehrere südkoreanische Gerichte, darunter auch der Oberste Gerichtshof in Seoul, entschieden hatten, dass mehrere namhafte japanische Firmen – darunter der Schwerindustriekonzern Mitsubishi Heavy Industries Ltd. – ehemaligen koreanischen Zwangsarbeitern Entschädigungen zahlen müssen.

Die Reaktion aus Tokio folgte prompt. Dort zeigte man sich erbost und verwies auf den im Jahre 1965 unterzeichneten bilateralen Grundlagenvertrag. Als Kompensation für die Kolonial- und Kriegszeit (1910-45) gewährte Japan Seoul damals Wirtschaftshilfe in Höhe von 300 Millionen Dollar und Aufbaukredite über 500 Millionen Dollar, womit aus der Sicht Tokios sämtliche Schadenersatzansprüche abgegolten sind. Südkoreas Präsident Moon Jae-In argumentiert indes, dass dieser Vertrag nur die zwischenstaatlichen Ansprüche regelt, nicht aber jene von Einzelpersonen. Die inkriminierten japanischen Unternehmen lehnen ihrerseits unter Berufung auf den Grundlagenvertrag Entschädigungszahlungen kategorisch ab. Im Gegenzug erwägen südkoreanische Richter, demnächst Vermögenswerte der betroffenen Unternehmen zu konfiszieren, um aus den Erlösen die Kläger zu entschädigen.

Am 12. August erklärte der südkoreanische Handels- und Industrieminister Sung Yun-Mo, seine Regierung habe entschieden, Japan im bilateralen Handel von der Liste der Länder mit Vorzugsbehandlung zu streichen. Ein Schritt, den die japanische Seite bereits im Vormonat vollzogen hatte. Das hat zur Folge, dass beispielsweise fluorierte Polyimide, die Konzerne wie Samsung für die Produktion von Smartphone-Displays verwenden, sowie Fotolack und Ätzgase für die Chipherstellung aus Japan nur beschränkt bezogen werden können.

Die Stimmung ist dermaßen aufgeheizt, dass vor allem in Südkorea eine Protestbewegung gegen den Inselstaat ins Rollen gekommen ist. Allerorten sind »Boycott Japan«-Plakate zu sehen. Selbst ein Boykott der Olympischen Spiele im Sommer 2020 in Tokio wird erwogen. Laut jüngsten Berichten der südkoreanischen Zollbehörde sowie der »Koreanischen Vereinigung der Automobilimporteure und -händler« gab es beispielsweise für Bier und Autos aus Japan signifikante Rückgänge bei den Verkaufszahlen. Allein vom 1. Juli bis zum 4. August ging der Konsum japanischen Bieres um 52,2 Prozent zurück. Im selben Zeitraum brachen auf dem südkoreanischen Markt Verkaufszahlen von Toyota um 38 Prozent, von Honda um 42 Prozent und von Nissan um 20 Prozent ein.

Ähnliche:

  • Symbolisiert das Schicksal zahlreicher, durch japanische Truppen...
    14.08.2019

    Streit um Aufarbeitung

    Japan will nicht an Verbrechen im Zweiten Weltkrieg erinnert werden
  • Protest vor der japanischen Botschaft in Seoul (3.8.2019)
    06.08.2019

    Stillstand in der BRD

    Wirtschaft kommt zum Erliegen. Nächster Handelskonflikt in Südostasien
  • Späte Anerkennung: Erst seit 1999 erinnert eine Stele im Frieden...
    06.08.2015

    Vergessen durch Erinnern

    Auch 70 Jahre nach den Atombombenabwürfen auf Hiroschima und Nagasaki dominiert die Trauer über die japanischen Opfer. Dagegen wird des koreanischen Leids kaum gedacht und die Verbrechen von Nippons Kolonialherrschaft werden verwschwiegen

Mehr aus: Kapital & Arbeit