Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 14.08.2019, Seite 12 / Thema
AfD und Co.

»Unsere« Frauen

Vorabdruck. Der Fall Kandel. Rassistische Mobilisierungen im Namen der Frauenrechte
Von Eike Sanders, Anna O. Berg und Judith Goetz
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Mobilisierungspotential bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein – Demonstration von »Kandel ist überall« in der südpfälzischen Kleinstadt (24.3.2018)

Frauen sind im Umfeld der AfD nach wie vor eine Minderheit. Allerdings dürfen die Versuche der Rechten, sich nicht allein als »Retter des Abendlandes«, sondern auch als »Beschützer der Frauen« aufzuspielen, nicht leichtfertig abgetan werden. Ausbleibende Kritik und fehlender Widerstand nicht zuletzt von seiten der Linken spielen den Reaktionären in die Hände, deren vielfach auf Falschnachrichten gegründete Propaganda bis in den Mainstream reicht. Dies analysiert das Autorinnenkollektiv Fe.In in seinem neuen Buch »Frauen*rechte und Frauen*hass. Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt«, aus dem wir mit freundlicher Genehmigung der Autorinnen und des Verbrecher-Verlags vorab einen gekürzten Auszug veröffentlichen. (jW)

In Deutschland war es vor allem der Fall Kandel, der der Organisierung rechter Frauen in der und um die AfD den bis heute anhaltenden Aufschwung brachte. Dieser ist aber zeitlichen Konjunkturen und bezeichnenden regionalen Ausprägungen unterworfen. Allen gemeinsam ist die Instrumentalisierung des Todes einer jungen Frau.

Ende 2017 wurde die 15jährige Mia von ihrem Exfreund, einem damals möglicherweise minderjährigen Geflüchteten, in einem Supermarkt in Kandel getötet. Das Landgericht Landau verurteilte den Täter am 3. September 2018 wegen Mordes und Körperverletzung zu achteinhalb Jahren Haft, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, da die Staatsanwaltschaft mit der Forderung nach einem höheren Strafmaß Revision eingelegt hat.

Verschiedene Leitmedien der extrem rechten Bewegung wie die Wochenzeitung Junge Freiheit oder das Monatsmagazin Compact hatten ausgiebig über den Fall berichtet, seine Bedeutung ist sowohl überregional als auch lokal: Kandel liegt in Rheinland-Pfalz. Dort ist die AfD seit 2016 mit 12,6 Prozent und zwölf Mandaten im Landtag vertreten. Die rechten Mobilisierungen in und um Kandel, teilweise mehrere tausend Personen umfassend, waren regelmäßig, spektrenübergreifend und viele Monate von nur minimalen zivilgesellschaftlichen und antifaschistischen Protesten begleitet. Ende 2018 demonstrierten immer noch monatlich um die 200 Rechte.

Die Mobilisierungen

Um das »vielversprechende Mobilisierungspotential« des Mordes entspann sich eine Schlammschlacht zwischen verschiedenen regionalen und überregionalen Akteurinnen und Akteuren. Zum einen gibt es Myriam Kern, die sich selbst »die Stimme von Kandel« nennt und nach Eigenangaben die »Gründerin der Kandel-Mahnwachen« ist. Sie ist ehemalige AfD-Stadträtin aus dem nahegelegenen Landau. Christiane Christen (AfD Rheinland-Pfalz) kreierte die Marke »Kandel ist überall«, Christina Baum (AfD) organisierte die erste Großdemo am 3. März 2018 mit 3.500 Teilnehmenden. Zum anderen ist da Marco Kurz, der sich ebenfalls als Begründer der Kandel-Demos sieht. Kurz’ ­extrem rechte Vita begann als Organisator des glücklosen »Marsches 2017« auf das Kanzleramt, der nie stattfand, aber mit 500.000 Teilnehmenden einen Sturz Merkels erzwingen sollte. Bereits am 2. Januar 2018 mobilisierte er etwa 400 Menschen in den kleinen Ort, darunter Mitglieder von NPD, »Ein Prozent«, »Der III. Weg« und anderen extrem rechten Parteien. Nach einer kurzen Anfangsphase der Zusammenarbeit der verschiedenen Akteurinnen und Akteure, internen Querelen in der AfD Rheinland-Pfalz – angeblich wegen der Präsenz von Neonazis – und wachsendem Druck durch lokale antifaschistische Gegenproteste und die kritische Öffentlichkeit folgte der offene Bruch zwischen dem »Frauenbündnis Kandel« und dem Bündnis »Kandel ist überall«.

Marco Kurz sucht mit seinem »Frauenbündnis« den Schulterschluss zu dem, was die AfD-kritische, teils reichsbürgernahe extreme Rechte als westdeutsche oder gesamtdeutsche Pegida imaginiert. Ende 2018 versuchte er, die französische Protestbewegung der sogenannten Gelbwesten nach Kandel zu importieren. Die rassistisch zentrierten Forderungen des Frauenbündnisses reichen vom »Verbot von Gender und Frühsexualisierung« über die Abschaffung der Rundfunkgebühren (GEZ) bis hin zum Verbot »der Antifa und ihrer Unterstützer« als »terroristischer Vereinigung«. Die Diversität der (extrem) rechten Akteurinnen und Akteure, die sich um den »Kandel-Kuchen« streiten, sowie die schnell eskalierenden Ausschreitungen gegen Gegendemonstrantinnen und -demonstranten, offener Neonazismus und die Ausweitung der Forderungen und Parolen auf völlig themenfremde Gebiete verdeutlichen, wie schnell die (angebliche) Trauer um das Opfer zwangsläufig dem Opportunismus und Machtwillen auch überregionaler Kader weichen musste.

»Kandel ist überall« hingegen versucht sich als Marke (selbst über die deutschen Grenzen hinaus) zu etablieren, mit wechselndem Erfolg, ist insgesamt allerdings deutlich mobilisierungsfähiger als das »Frauenbündnis«. Die Kampagne orientiert sich an einem Pegida-ähnlichen, AfD-umarmenden Mobilisierungsmoment, das Ost- und Westdeutschland sowie das deutschsprachige Ausland verbinden soll. Die PR-Kampagne und das Layout sind verhältnismäßig professionell, der Hashtag hat sich etabliert, und es kann ein Pool an AfD-Rednerinnen und -Rednern gestellt werden, die sowohl in der Lage sind, das parlamentarische Parkett zu bedienen, als auch dem Straßenmob das Wort zu reden.

Im Laufe des Jahres 2018 gab es noch diverse Versuche, »Kandel« auf die eine oder andere Weise, ähnlich sinnentleert wie die Chiffre »Köln«, in anderen, vor allem westdeutschen Städten anzuwenden. So demonstrierten im März 2018 die »Mütter gegen Gewalt« in Bottrop, organisiert von Iris Swoboda, die sich Mona Maja nennt, mit circa 1.000 Teilnehmenden, darunter Neonazis wie Siegfried Borchardt (»SS-Siggi«). Im Mai 2018 folgten 200 Menschen in Duisburg dem Aufruf von »Mütter gegen Gewalt« und Pegida NRW. In Essen waren es sogar 600 Menschen – dort allerdings unter dem Motto »Eltern gegen Gewalt«. Die in diesen Mobilisierungen artikulierte »Angst um die Töchter« weitete sich schnell zu den üblichen rassistischen Parolen aus, die die Rolle von Frauen als besorgte Mütter wieder in den Hintergrund drängten.

»Leine des Grauens«

Die sächsische Stadt Chemnitz wurde im Sommer 2018 ebenfalls Schauplatz einer bedrohlichen rassistischen Mobilisierung, die sich innerhalb kürzester Zeit zuspitzte. Anlass war der gewaltsame Tod eines 35jährigen Mannes, der am Rande des Chemnitzer Stadtfestes durch mehrere Messerstiche tödlich verletzt worden war. Es ist kein Zufall, dass kurz nach dem Mord an Daniel H. – der AfD-Gegner, Punk-Hörer und Person of Color war – das Gerücht verbreitet wurde, dem Vorfall sei eine sexuelle Belästigung einer oder dreier nicht genannter Frauen vorausgegangen, das Mordopfer und die beiden anderen Verletzten hätten diese schützen wollen. Dieses Gerücht, das zum Beispiel das Newsportal Tag 24 mit kolportiert hatte, wollte die Polizei schon am Folgetag nicht bestätigen, es wurde kurz darauf offiziell dementiert.

In Chemnitz gab es kurz nach der Tat eine »Installation im öffentlichen Raum«, bei der eine Kette aus ausgedruckten Polizeimeldungen und Zeitungsartikeln mit Fotos von (teilweise angeblichen) Opfern von Gewalt durch »Ausländer« gezeigt wurde, sie soll 80 Meter lang gewesen sein. Diese sich als »Kunst« verstehende »Leine des Grauens«, die inzwischen »Mahnmal gegen das Vergessen« heißt, wurde schon in verschiedenen Städten bei rechten Aufmärschen aufgehängt. Sofern es sich erkennen lässt, versammelt die »Leine« eine lange Reihe extrem unterschiedlicher Taten mit – sofern bekannt – verschiedensten Täter- und Opferkonstellationen: von versuchten Vergewaltigungen und sogenannten Ehrenmorden über Gewalt unter Schülern, einen Leichenfund in Österreich (über den sich später herausfinden ließ, dass der mutmaßlich geistig verwirrte Täter ein weißer Österreicher und sein Opfer eine junge Ungarin war) bis zu einem Artikel über Säureattacken in Indien. Als Initiator gilt Robert V. aus Öhringen im baden-württembergischen Hohenlohekreis. Neben Kandel und Chemnitz sind als Einsatzorte der »Leine« Aufmärsche und Kundgebungen des Spektrums von »Hohenlohe wacht auf«, »Hand in Hand« oder »Beweg was!«, »Wir für Deutschland« und vergleichbaren Organisationen zu nennen.

Die Einreihung der Geschichte von Daniel H. in das dominante Narrativ geschah plastisch beim nächsten AfD-Pegida-Aufmarsch in Chemnitz: Große Plakate mit einzelnen Fotos von ausgewählten Toten, vornehmlich weiblichen, wurden, der eigenen Inszenierung als Trauermarsch dienend, von Teilnehmenden getragen – sowenig die Toten und ihre Todesumstände miteinander verbindet, sowenig interessieren sich die Teilnehmenden vermutlich für deren Persönlichkeiten und Geschichten. Beispielsweise im Fall einer ermordeten Studentin aus Leipzig. Der AfD-Politiker Björn Höcke sieht sich seit Ende 2018 dem Vorwurf der Familie von Sophia L. ausgesetzt, ein Foto ihrer Tochter, die von einem Lkw-Fahrer aus Marokko ermordet worden war, unrechtmäßig verbreitet zu haben. Den angestrebten Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft muss allerdings die Aufhebung von Höckes Immunität vorausgehen. Das Foto von Sophia L. war beim sogenannten Trauermarsch in Chemnitz, an dem auch Höcke teilgenommen hatte, neben anderen Fotos von vornehmlich weiblichen Opfern krimineller Taten getragen worden. Auch auf Höckes Facebook-Seite war das Bild anschließend zu sehen. Die Familie und der Freundeskreis von Sophia L., die sich selbst antirassistisch engagiert hatten, wehrten sich von Beginn an gegen eine rassistische Instrumentalisierung der Tat und eine Vereinnahmung der Toten, was ihnen frauenverachtende, rassistische und antilinke Hassbotschaften und Morddrohungen einbrachte.

Nicht nur die Fotos von ausgewählten Toten, sondern auch ihre Namen werden instrumentalisiert. Ein extrem rechter Webshop verkauft Aufkleber mit den Namen von »Merkel-Opfern«, auch von Sophia L., Daniel H. oder »Keira (15), Berlin«. Die – anders, als auf dem Sticker behauptet – 14jährige Keira G. war im März 2018 von ihrem Mitschüler Edgar H. (15) zu Hause brutal erstochen worden. Im Prozess soll der deutsche Jugendliche gesagt haben, er habe sich plötzlich in einem Blutrausch befunden. Er wurde zu neun Jahren Haft verurteilt. Obwohl es sich um sehr unterschiedliche Morde handelt, wird durch die Stickerreihe versucht, einen Zusammenhang zwischen diesen Taten zu konstruieren und selbige in rassistische Narrative einzureihen.

Darüber hinaus schreckt die rechte Propaganda auch nicht vor Holocaustvergleichen zurück, um ihrem Rassismus ebenso wie ihrem antisemitisch motivierten Hohn gegenüber Opfern der Schoah Ausdruck zu verleihen: Die Sticker sind messingfarben und quadratisch wie die Stolpersteine, mit denen auf Gehsteigen der Opfer der Schoah an ihren letzten Wohnorten vor der Ermordung gedacht wird. Die »Stolper-Aufkleber« sollen laut Webshop »die Betrachter zur Erinnerung anregen. Erinnerung an die Opfer des durch die #Blutkanzlerin #Merkel-#Merkill initiierten Vergewaltigungs-Jihads durch angebliche ›Flüchtlinge‹ in ganz Deutschland. Ihr Blut klebt an den Händen eines jeden, der mit #Refugees-Welcome-Schildern und -rufen die Invasion der feindlichen Islamisten-Soldateska befeuert hat« (sic!).

»Frauenmärsche« und AfD

Der Versuch rechter Frauen, sich als authentische Stimmen des (nationalen) Widerstandes zu inszenieren und anlassübergreifend zu Frauenmärschen zu mobilisieren, begann mit dem »Frauenmarsch aufs Kanzleramt« im Februar 2018. Der Frauenanteil – nach Angaben des Antifaschistischen Presse- und Bildungszentrums (Apabiz) gab es insgesamt circa 1.200 Teilnehmende – lag bei etwa 40 Prozent und war damit deutlich höher als bei vergleichbaren Demonstrationen des Spektrums. Frauen stellten bis zur erfolgreichen Blockade durch Gegendemonstrantinnen und -demonstranten die ersten zwei bis zehn Reihen, so dass die Presse die erwünschten Fotos von einem »Frauenmarsch« produzieren konnte. Während sich Rednerinnen und Redner jedoch meist an der Themenvorgabe »Frauenrechte« orientierten, blieben die vielen Demonstrantinnen und Demonstranten aus dem Pegida-Spektrum ihren ureigensten Themen und ihrer Wortwahl treu: Auf Schildern war zu lesen, es habe sich »ausge – MER (G) KEL – t!« (sic!), oder: »Massenzuwanderung ist auch Völkermord.« Antisemitische Stereotype von einer geheimen Weltverschwörung wurden bedient, Antifaschistinnen als »Systemhuren« diffamiert, die Merkel »die Stiefel lecken« würden. Im Aufruf zur Demonstration hieß es: »Jeder normal denkende und mit offenen Augen durchs Leben gehende Mensch sieht, wie sich unser Land, dank angeblicher ›Flüchtlinge‹, welche unsere Religion und unsere gesellschaftlichen und kulturellen Werte verachten, zu einem Moloch aus Brutalität und sexuellen Übergriffen bis hin zu Mord rückentwickelt.«

Die Organisatorin Leyla Bilge (Initiatorin von Leyla e. V. und Mitglied AfD) fungiert für die islamfeindliche extreme Rechte schon länger als »Vorzeigemigrantin«. Als gebürtige Kurdin und zum Christentum konvertierte ehemalige Muslima dient sie der AfD zur Kronzeugin für »die Verbrechen des Islam«. Sie selbst scheint sich in der Rolle der zuspitzenden Polemikerin zu gefallen. So meinte sie beispielsweise bei der Abschlusskundgebung vor dem Kanzleramt: »Ja, da haben wir Hassan 12, Mohammed 14 mit Schuhgröße 46, grauem Haar und Vollbart. (…) Sie rauben ihren Gastgeber nicht nur aus, sie vergewaltigen ihren Gastgeber nicht nur, sie morden, sie schlachten ab.«

Wie wenig tragfähig diese Inszenierung ist, zeigt sich an den großen Gegenprotesten und der breiten öffentlichen Kritik, die Teilnehmendenzahl beim nächsten Frauenmarsch war rapide gesunken: Im Juni 2018 brachte Leyla Bilge nur mehr 500 Menschen auf die Straße.

Auch die in Österreich und Deutschland 2012 nach französischem Vorbild gegründeten Identitären schreiben sich den vermeintlichen Einsatz für »Frauenrechte« immer wieder auf die Fahnen. Dass dieser stets mit einer rassistischen Komponente verbunden ist, zeigt sich vor allem daran, dass frauen- und geschlechterpolitische Themen nahezu ausnahmslos im Kontext von Migrations- und Bevölkerungspolitik verhandelt werden. So hat die Wiener Gruppe der Organisation im Februar 2016 (kurz nach der Silvesternacht in Köln) Pfeffersprays mit der Forderung »Frauen schützen – Grenzen schließen!« am Wiener Praterstern verteilt. Die Aktion wurde zu späteren Zeitpunkten auch in einigen deutschen Städten wiederholt (z. B. März 2016 in Paderborn, Oktober 2016 in Rostock, Mai 2017 in Potsdam und in Cottbus im Juli 2017). Zwar gab es bei den Identitären immer wieder Versuche, Aktivismus von Frauen zu stärken, beispielsweise als die »Mädelgruppe Edelweiß« oder später die inzwischen von Facebook gelöschte Gruppe »Identitäre Mädels und Frauen« gegründet wurden, dennoch appelliert ein Großteil der politischen Strategien an wehrhafte Männlichkeit, die »unsere Frauen« beschützen soll.

Trotzdem stechen zwei »identitäre« Projekte, die Frauen weniger als schützenswerte Objekte, vielmehr als aktive Subjekte in den Vordergrund stellen, aus der sonst männlich dominierten Agitation der Gruppe hervor: die Kampagne »#120db« und der Blog »Radikalfeminin«. Auf dem inzwischen wieder aus dem Netz verschwundenen antifeministischen Blog hatten es sich zwei Frauen der Gruppe zur Aufgabe gemacht, zu erzählen, wie sie »selbst aus der ›Feminismusfalle‹ entkommen sind«. Weil Feminismus »die Probleme unserer Gesellschaft nicht lösen« könne, sondern »selbst eines davon« sei, versuchten sie nicht nur gegen den vermeintlichen »Genderwahn« mobilzumachen, sondern, wenig erfolgreich, auch traditionelle Rollenbilder von Männern und Frauen zu rehabilitieren.

Gescheitertes rechtes »Me too«

Die größte Aufmerksamkeit (vor allem in der Linken) bekam die Kampagne »#120db« der Identitären. Anfang 2018 wurde ein Video im Internet veröffentlicht, auf dem verschiedene Frauen durch den von ihnen gesprochenen Text »Mein Name ist Mia, mein Name ist Maria, mein Name ist Ebba …« Bezüge zu jüngsten Gewaltverbrechen gegen Frauen herstellten und ihre Angst vor der Bedrohung sexualisierter Gewalt durch als migrantisch markierte Täter zum Ausdruck brachten. Namensgeber für die Kampagne war die Lautstärke eines »Taschenalarms«, der üblicherweise 120 Dezibel hat. Einen solchen müssten die identitären Frauen immer bei sich tragen, weil sie sich nicht mehr sicher fühlten. Obgleich weder im Video noch auf der begleitenden Kampagnenseite die sonst sehr präsenten Corporate-Identity-Symbole der Gruppe auftauchten, war nicht zuletzt aufgrund des Bekanntheitsgrads einzelner im Video auftauchender Aktivistinnen sowie der Tatsache, dass das Impressum Daniel Fiß, einen identitären Kader aus Rostock, nennt, die politische Verortung des Projekts relativ schnell klar.

Dass die Kampagne mit dem Ziel, einen »identitären Aufschrei« bzw. ein rechtes »Me too« zu starten, jedoch abseits des rechtsextremen Jubels nicht als besonders großer Erfolg verbucht werden kann, ist weniger dem schnellen Auffliegen dieser »Tarnung« geschuldet – schließlich hatten ja auch in anderen Kontexten Akteurinnen und Akteure unterschiedlicher politischer Spektren kein Problem damit, mit Rechtsextremen gemeinsame Sache zu machen, wenn es um den Einsatz für »Frauenrechte« unter rassistischen Vorzeichen ging. Vielmehr hatte ein Teil der Medien (aufgrund jahrelanger antifaschistischer Kritik) dazugelernt und war nicht mehr auf die Medienstrategie der Gruppe reingefallen, mit vermeintlichen Skandalen und Tabubrüchen (unkritische, unkommentierte) Aufmerksamkeit zu erheischen. Gerade weil Gewaltverbrechen (gegen Frauen) von als migrantisch markierten Tätern in der medialen Berichterstattung alles andere als unterrepräsentiert sind, ging die Selbstinszenierung als vermeintliche Tabubrecherinnen nicht auf. Insgesamt kann der Misserfolg auch darauf zurückgeführt werden, dass die Kampagne schlichtweg nicht besonders originell war, da rechtsextreme Gruppen seit geraumer Zeit das besagte Sujet bedienten und die Identitären dadurch eher die Regel als die große Ausnahme darstellen. So mag es wenig verwundern, dass die großen Massen, die aufgefordert wurden, unter dem Hashtag in sozialen Medien oder auf der Kampagnenseite ihre Erfahrungen mit als migrantisch markierten Männern zu veröffentlichen, ausblieben und die Kampagne abseits der rechtsextremen Blase und der antifaschistisch interessierten Öffentlichkeit wenig Aufmerksamkeit oder gar Zustimmung erlangte. Das konnten auch die gezielte Störung einer Diskussionsveranstaltung auf der Berlinale sowie weitere Sticker-, Flugblatt- und symbolische Aktionen nicht ändern. Dennoch muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass der Grund für den geringen Erfolg nicht das Thema oder die Form der Mobilisierung waren. Vielmehr verfügen die Identitären insgesamt (wie sich an ihren Aufmärschen und anderen öffentlichen Veranstaltungen zu anderen Themen zeigte) über keine Mobilisierungsfähigkeit und verlieren darüber hinaus zunehmend an Bedeutung.

Jeder einzelne Fall von sexualisierter oder Beziehungsgewalt durch als migrantisch markierte Männer, jede und jeder Tote hat nicht nur das Potential, eine rechte Mobilisierungswelle (im Namen von »Frauenrechten«) auszulösen, er befördert ebenso rassistische und antilinke Stimmungen auf der Straße und kann nationale und internationale Politik zuungunsten des Rechts auf Asyl und der Freiheit von Diskriminierung beeinflussen. Dieses Angst- und Feindbild verfügt also nicht nur über enorme Mobilisierungsfähigkeit, sondern führt auch zu Allianzen durchweg unterschiedlicher Akteure bis weit in die vermeintliche gesellschaftliche Mitte hinein. Die antifeministischen Rassistinnen und Rassisten auf der Straße und in den Parlamenten sind dabei nicht gewillt, den Wahrheitsgehalt der behaupteten Umstände einer kriminellen Tat zu hinterfragen, wenn sie in das eigene Narrativ eingereiht werden kann. Ihr Blick richtet sich auf den männlichen Täter und seine (vermeintliche) Gruppenzugehörigkeit. Die gleichzeitige Ignoranz gegenüber den Betroffenen und ihrem Bedürfnis nach Schutz sowie psychologischer und physischer Unterstützung ist buchstäblich das Gegenteil von frauenfreundlich. So mag es nicht verwundern, dass die bewusste Ablehnung feministischer, betroffenheitszentrierter Ansätze sich auch auf parteipolitischer Ebene durchsetzt, selbst wenn sie von Zusammenschlüssen von Frauen präsentiert werden und bei ihnen durchaus Frauen als Akteurinnen im Zentrum stehen.

Die rechten Mobilisierungen zu Frauenrechten, insbesondere die von Frauen werden von der Öffentlichkeit vorsichtig und ambivalent wahrgenommen und selten in ihrer Widersprüchlichkeit analysiert. Insbesondere überregional organisierte Antifaschistinnen und Antifaschisten hatten die genannten extrem rechten Mobilisierungen zwar auf dem Radar, die Genderkomponente wurde jedoch meist nur als rein opportunistische Instrumentalisierung zu rassistischen Zwecken erwähnt und die explizite und reale Mobilisierung rechter Frauen unsichtbar gemacht. Und das obwohl kein anderes politisches Spektrum in der letzten Zeit eine derart konsequente Thematisierung und Mobilisierung von Frauenrechten, Schutz vor sexuellen Übergriffen und Sicherheit im öffentlichen Raum zu Stande gebracht hat. Sexualisierte Gewalt wurde weiterhin vor allem dann zum Thema linker Kritik gemacht, wenn man sich an der extremen Rechten abarbeiten kann.

Fehlende linke Kritik

Viele antifaschistische Analysen reduzieren die Komplexität der Thematik bis heute darauf, dass die »Frauenthemen« reine Instrumentalisierung seien, oder es wird sich darüber lustig gemacht, dass hauptsächlich Männer auf die »Frauendemos« gingen. Hinter dem Lächerlichmachen der Präsenz von sexualisierter Gewalt und der Forderung nach Schutz davor innerhalb der extremen Rechten steht ebenso ein Prozess der Verdrängung wie bei den Rechten selbst. Die einen meinen, wenn sie ihr Umfeld nur so weiß wie möglich halten könnten, seien sie sicher vor Übergriffen – eine einfache, rassistische »Lösung« für ein komplexes Problem. Die anderen glauben, solange die Nazis keine komplett feministische Mobilisierung hinbekommen, müsse man sich nicht weiter um deren neue komische Masche mit der sexualisierten Gewalt kümmern. Dazu kommen eigene Unsicherheiten, wie das Thema angegangen werden könnte, wie die Angst von Frauen ernstgenommen werden kann, ohne in die gängige Erzählung zu verfallen, der öffentliche Raum sei erst seit 2015 unsicher.

Gerade das Ausbleiben fundierter linker Kritik ermöglicht es der extremen Rechten, weiterhin Agendasetting zu betreiben und sich erfolgreich als Tabubrecherin und teilweise als »Frauenrechtler« zu inszenieren. Das zeigt sich daran, dass auch andere Politikerinnen und Politiker das Thema kaum ignorieren können und der Widerspruch sehr leise ist. Wenn Angelika Barbe (CDU-Mitglied) in der Jungen Freiheit fragt: »Wer vertreibt Frauen aus dem öffentlichen Raum mit Vergewaltigungen, Morddrohungen, Gewalt, Verstümmelungen – sind es nicht vor allem nach Deutschland importierte kulturferne moslemische Männer?«, dann muss die Antwort in jedem Fall nein lauten – es sind immer noch in überwiegender Zahl die weißen deutschen Exfreunde, Ehemänner, Väter und Brüder. Und wenn Barbe dann Seyran Ates mit den Worten zitiert, dass muslimische Männer Angst vor unabhängigen Frauen hätten, da ihre Macht verlorengehe, »wenn Frauen stark werden«, gilt das genauso für alle Männer.

Die einzige stichhaltige Argumentation gegen die monokausal rassistische Erklärung sexualisierter Gewalt und das daraus resultierende Mobilisierungspotential ist der immer wieder zu führende Beweis, dass das Problem nicht die Ethnizität oder die Migrationsgeschichte von Tätern und Betroffenen sind, sondern eine bestimmte Form von Männlichkeit. Ein Identitätsangebot, für das sich Typen aus Tunesien, Afghanistan und Sachsen gemeinsam entscheiden, über alle politischen Grenzen hinweg. Und solange der gesamte Rest der Gesellschaft sexualisierte Gewalt als Resultat dieser Männlichkeit nicht ernst nimmt, werden die faktischen und ausgedachten Betroffenen von ausschließlich als migrantisch gedachter Männergewalt immense mobilisierende Wirkung haben.

Das Buch »Frauen*rechte und Frauen*hass. Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt« des Autorenkollektivs Fe.In, bestehend aus Eike Sanders, Anna O. Berg und Judith Goetz, erscheint im Berliner Verbrecher-Verlag und ist erhältlich für 15 Euro

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