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Aus: Ausgabe vom 14.08.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Sonnenenergie

Solarbranche im Aufschwung

Viele neue Photovoltaikanlagen am Netz. Produktion in Deutschland scheint realistisch
Von Bernd Müller
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Schwimmende Solaranlage in Baden-Württemberg (Renchen, 4.7.2019)

Gute Laune in der Solarbranche der Bundesrepublik: Aus Sonnenenergie wird inzwischen fast genausoviel Strom gewonnen wie in Steinkohlekraftwerken. Im ersten Halbjahr haben Photovoltaikanlagen rund 25 Terawattstunden in das öffentliche Stromnetz eingespeist, meldete die Nachrichtenagentur dpa am Dienstag mit Verweis auf das »Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme« (ISE). Damit produzierten Solaranlagen rund 5,6 Prozent mehr Strom als im Vorjahreszeitraum. Im Juni soll die Sonnenenergie sogar erstmals die stärkste Energiequelle in einem einzelnen Monat gewesen sein, noch vor der Braunkohle und der Windkraft.

Zudem werden immer mehr neue Solaranlagen angeschlossen. Von Januar bis Mai seien demnach rund 40.000 Anlagen mit einer Gesamtleistung von etwa 1.800 Megawatt neu ans Stromnetz gekommen. An das Spitzenjahr 2012 kommt die Summe allerdings noch nicht heran. Damals kamen laut Bundesnetzagentur insgesamt 7.600 Megawatt hinzu. Das Schlimmste hat die Branche aber nach Einschätzung des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW) überstanden. Im Gesamtjahr 2019 könnten den Schätzungen des BSW zufolge bis zu 4.000 Megawatt Leistung hinzukommen.

Experten sind sich einig: Ohne einen verstärkten Ausbau der Solarenergie wird die Bundesrepublik die selbstgesetzten Klimaziele verfehlen. Andreas Bett, Leiter des ISE, sagte gegenüber der dpa: »Wir bekommen durch die Klimabewegung einen massiven Druck, mehr Photovoltaik zu installieren«. Erforderlich sei ein jährlicher Zubau von fünf bis 15 Gigawatt. Der Markt sei da, und er werde weiterwachsen, so Bett.

Ende Juli hatten Branchenvertreter ihrerseits vor einem Rückschlag beim Ausbau der Sonnenenergie gewarnt. Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des BSW, hatte gegenüber dpa betont, dass bereits in wenigen Monaten ein starker Investitionsrückgang für Solarstromdächer drohe. Hintergrund sei ein 2012 im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgelegter Förderstopp beim Erreichen einer Gesamtleistung von 52 Gigawatt. Aktuell sind in Deutschland knapp 48 Gigawatt installiert. Deshalb hatte der BSW wiederholt von der Bundesregierung gefordert, den sogenannten Solardeckel zu streichen. Es sei klar, »dass die inzwischen preiswerte Solarenergie deutlich stärker ausgebaut werden muss, um die Klimakrise einzudämmen«, betonte Körnig. Schon im Februar hatten sich mehrere Verbände dieser Forderung angeschlossen, darunter der Deutsche Mieterbund, der Eigentümerverband Haus & Grund sowie der Deutsche Naturschutzring.

Die Solarbranche verweist auch auf die stark gesunkenen Kosten für Anlagen auf dem Dach und auf Freiflächen. Die Solartechnik zähle inzwischen »zu den klimapolitisch besonders niedrig hängenden Früchten«, warb Körnig bereits im April. Bestätigt werde dies auch bei den gemeinsamen Auktionen bei der Ökostromförderung für Sonnen- und Windenergie. In den bisherigen drei Runden seien nur Solaranlagen zum Zuge gekommen. Bei der jüngsten Ausschreibung der Bundesnetzagentur in diesem Frühjahr sei sogar kein einziges Gebot für eine Windenergieanlage eingegangen.

Mit einigem Optimismus schaut auch ISE-Chef Bett auf die Branche. Obwohl es derzeit keinen nennenswerten deutschen Produzenten von Solarzellen gebe, sieht er reale Chancen, dass sie wieder in der Bundesrepublik produziert werden könnten. Forschung und Entwicklung seien noch auf einem ganz hohen Niveau, aber die Produktion müsse wieder aufgebaut werden.

Konkurrenzfähig wäre eine Produktion in der Bundesrepublik seiner Meinung nach durchaus. Die Kosten lägen in Deutschland nicht höher als in China, weil die Produktion stark automatisiert sei. Dagegen wachse der Anteil des Transports aus Asien an den Gesamtkosten der Module. Damit der Aufbau der Produktionskapazitäten aber gelinge, müsste die Politik für »faire Wettbewerbsbedingungen« sorgen.

Die Bundesrepublik war in den Jahren 2005 bis 2008 führend bei der Produktion von Solarzellen. Der Niedergang setzte aber ein, weil die Hersteller nicht gezielt in den schnellen Aufbau der Siliziumphotovoltaik investiert hätten, »wie das die chinesischen Produzenten gemacht haben«, betonte Bett.

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