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Aus: Ausgabe vom 14.08.2019, Seite 8 / Inland
Gentrifizierung in der Hauptstadt

»Die Mieten sind hier teilweise höher als in Berlin-Mitte«

Gegen Verdrängung von Kiezkneipe: Aktivisten organisieren Widerstand in Neukölln. Ein Gespräch mit Frieda Sachsenheimer
Interview: Jan Greve
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Der Schillerkiez in Berlin-Neukölln ist Hotspot der Gentrifizierung

Verdrängung und steigende Mieten sind in Berlin allgegenwärtig und im Bezirk Neukölln ein besonderes Problem. Im Schillerkiez regt sich nun Widerstand gegen die zunehmende Gentrifizierung. Wie ist die Situation in Ihrer Nachbarschaft?

In den letzten gut zehn Jahren hat sich der Schillerkiez enorm verändert. Früher wurde Nordneukölln vor allem als »sozialer Brennpunkt« gesehen, heute hat sich die Lebensqualität für viele verbessert. Das betrifft auch den Umstand, dass der nahegelegene frühere Flughafen Tempelhof damals noch in Betrieb war, während die Fläche heute als großes Areal für Freizeitaktivitäten zur Verfügung steht. Das Problem dabei ist allerdings, dass im Zuge dieser Aufwertung die Wohnkosten im Kiez durch die Decke geschossen sind. Die Mieten sind hier teilweise höher als in Berlin-Mitte. Dadurch werden alteingesessene Neuköllner verdrängt. Diejenigen von ihnen, die noch da sind, fühlen sich zunehmend weniger wohl, weil es an Orten fehlt, die für sie einfach zugänglich sind. Es gibt immer mehr Läden, die teure Dinge verkaufen und in denen man nur noch auf englisch bestellen kann. Das hat auch damit zu tun, dass Gewerbe nicht unter den Milieuschutz fallen, der ansonsten für das Gebiet des Schillerkiezes gilt.

Wie kam es dazu, dass Sie sich nun als »Schiller-Initiative« organisiert haben?

Hintergrund ist die Kündigung der Kneipe »Schiller’s«. Der Wirt Waldemar Schwienbacher ist eine wahre Kiezgröße und hat mit seinem Laden einen Ort geschaffen, in dem sich bislang alle Nachbarn wohl gefühlt haben. Dort treffen sich Junge und Alte, Menschen mit mehr oder weniger Einkommen und kommen miteinander ins Gespräch. Entsprechend betroffen haben viele auf die Nachricht der Kündigung reagiert. Wir beschlossen, dass wir uns dagegen wehren und deutlich machen müssen, wie wichtig solche Räume für den Kiez und die Menschen hier sind.

Im Zuge der Organisierung haben wir uns mit den Leuten von der Bar »Labettolab« und der Kiezkneipe »Syndikat«, die auch hier in der Nachbarschaft von Verdrängung bedroht sind, ausgetauscht. Die Situation steht für viele Gewerbetreibende auf der Kippe.

Wie kam es zu der Kündigung des »Schiller’s«?

Nach zehn Jahren lief der Pachtvertrag für die Kneipe aus. Es hieß dann, der Wirt solle in drei Monaten raus sein. Im Vorfeld hatte es keine Gespräche über eine mögliche Zukunft des »Schiller’s« gegeben. Nachdem wir dagegen bei der Hausverwaltung protestiert hatten, kam ein Angebot, die Räume weiter zu bewirtschaften – für die zwei- bis dreifache Miete, je nach Renovierungsarbeiten. Das ist natürlich unbezahlbar.

Die Probleme, die es mit der Kneipe gibt, sehen wir übrigens auch bei den Bewohnern im Haus. Das läuft meist nur subtiler ab.

Was heißt das genau?

Seitdem vor vier Jahren der Eigentümer wechselte, wurden zum Beispiel die Betriebskosten schrittweise erhöht. Einmal stieg die Summe gar um das Dreifache – gegen diesen offenkundigen Berechnungsfehler gingen dann Bewohner vor, die sich letztlich auch durchsetzen konnten. Auch über fehlende Instandsetzung wird geklagt. Werden Wohnungen dann frei, finden teure Sanierungen statt.

Spaziert man heute durch den aufgewerteten Schillerkiez, sieht man diverse hippe Cafés, in denen hinter ausladenden Schaufensterscheiben überteuerte Biogetränke konsumiert werden. Diese Form neuer Lebensqualität, die Sie zu Beginn erwähnten, kommt nur bedingt den alteingesessenen Neuköllnern zugute. Diskutieren Sie innerhalb Ihrer Initiative diese Entwicklung als Teil des Problems?

Das tun wir. Es gibt in Berlin schon heute genug Orte für junge Leute, die sich teuren Kaffee leisten können. Für Ältere oder Ärmere gibt es dagegen immer weniger Möglichkeiten. Wir brauchen eine soziale Durchmischung in den Kiezen. Deswegen müssen wir für den Erhalt der Orte kämpfen, die genau dafür stehen.

Frieda Sachsenheimer ist Mitinitiatorin der »Schiller-Initiative«

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