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Aus: Ausgabe vom 14.08.2019, Seite 7 / Ausland
Flucht nach Europa

Neue Route

Lage in Libyen verlagert Fluchtwege. Tunesische Regierung reagiert mit Repression auf Migranten
Von Sofian Philip Naceur, Tunis
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Brechen häufiger von Tunesien aus auf: Migranten, die mit Booten Europa erreichen wollen (vor Lampedusa, 4.7.)

Lange Zeit versuchten vor allem Einheimische von Tunesien aus nach Europa zu gelangen. Da die Lage für Migranten in Libyen immer angespannter und gefährlicher wird, weichen viele Flüchtende auf das westliche Nachbarland aus: »Die Anzahl der aus Subsahara-Afrika stammenden Migranten, die in Tunesien abgefangen werden, steigt mehr und mehr an«, erklärt Romdhane Ben Amor von der tunesischen Menschenrechtsorganisation FTDES gegenüber jW. Noch 2018 stammten rund zehn Prozent der Menschen, die von Tunesien aus in Richtung Europa aufbrachen und abgefangen wurden, aus den Ländern südlich der Sahara. Heute seien es schon fast 30 Prozent und allein im Juli habe ihr Anteil bei 48 Prozent gelegen, so der Menschenrechtler. Junge Einheimische, die das Land meist aufgrund der Perspektivlosigkeit und der sozialen Lage verlassen, setzen zudem verstärkt auf neue Routen, da Tunesier, die es auf die italienischen Inseln Lampedusa, Sizilien oder Pantelleria schaffen, systematisch von dort abgeschoben werden.

Der tunesische Staat reagiert auf die ansteigende Zahl an Überfahrtversuchen nichttunesischer Staatsbürger zunehmend repressiv. Vergangene Woche sorgte die Verhaftung von 36 Menschen aus Côte d’Ivoire für einen öffentlichen Aufschrei. Die Gruppe war am 3. August in Sfax verhaftet und nach Medenine im Süden Tunesiens gebracht worden, bevor sie – offenbar auf Weisung des Gouverneurs der Provinz – von der Nationalgarde in einem militärischen Sperrgebiet nahe der libyschen Grenze mitten in der Wüste ausgesetzt wurde.

Schnell rief der Fall lokale Menschenrechtsorganisationen sowie den Roten Halbmond und die UN-Organisation IOM auf den Plan, die sich seither mit Hochdruck für ihre Rettung einsetzten. Die Nationalgarde versorgte die Gruppe zwar noch Mitte der Woche mit etwas Wasser und Nahrung, doch Tunesiens Behörden weigerten sich tagelang, die Verantwortung zu übernehmen. Erst am Freitag bestätigte Mongi Slim vom Roten Halbmond der jW, die Nationalgarde habe 24 von ihnen zurückholen können. Sechs Frauen und zwei Kinder seien in einem Aufnahmezentrum in Medenine untergebracht worden, 16 Männer sollen in die Hauptstadt Tunis gebracht werden. Was mit den verbleibenden zwölf Menschen geschehen ist, bleibt weiter unklar.

Tunesiens Regierung setzte in dem Fall auf Aussitzen und Verschleiern. Das Innenministerium hatte letzte Woche erklärt, 70 Personen verschiedener Nationalitäten in Sfax bei dem Versuch eines »illegalen Grenzübertritts« verhaftet zu haben. Ein Sprecher des Innenministeriums behauptete zudem in einem Radiointerview, bei den an der libyschen Grenze ausharrenden Migranten handle es sich nicht um jene 36 Menschen aus Côte d'Ivoire. »Damit hat das Innenministerium offenbar versucht, den Gouverneur von Medenine zu schützen«, so Ben Amor, der dem tunesischen Staat vorwirft, seinen Pflichten nicht nachgekommen zu sein.

Der Fall ist bei weitem nicht der erste, bei dem Tunesiens Behörden die Verantwortung für sich im Land aufhaltende Migranten zurückweisen und auf Abschreckung setzen. Bereits im Juni weigerten sie sich, 75 Menschen eines havarierten Fischerbootes an Land gehen zu lassen. Das Boot war von Libyen aus in See gestochen und kurz darauf nahe der tunesischen Küste mittig durchgebrochen, erzählt ein junger Mann, der an Bord des Bootes war und anonym bleiben möchte. »Es tauchte ein Schiff auf, doch es blieb drei Tage lang auf Abstand. Erst als vier von uns ins Wasser gesprungen und zu dem Schiff geschwommen sind, haben sie uns aufgenommen«, so der Mann. Die Gruppe – überwiegend Menschen aus Bangladesch – musste 30 Tage auf See ausharren, bis die Regierung in Tunis einlenkte und sie an Land gehen ließ.

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