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Aus: Ausgabe vom 13.08.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Dienstleistungsgewerkschaft »Vida«

Betriebsversammlungen beim Billigflieger

Österreichische Ryanair-Tochter »Laudamotion« will Beschäftigte in Zwangsurlaub schicken
Von Christian Kaserer
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Der übliche Vorgang: Ein Unternehmen will »finanzielle Mehrbelastungen« auf seine Beschäftigten abwälzen. Aktuelles Beispiel ist Laudamotion

Die österreichische Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft »Vida« bereitet sich bei Laudamotion (kurz: Lauda), der lokalen Tochter der irischen Billigfluggesellschaft Ryanair, auf erste Kampfmaßnahmen vor. Grund dafür sind unverhältnismäßige Zugeständnisse, die das Unternehmen von seinen Angestellten einfordert, um den Flugbetrieb profitabler zu machen. Das Unternehmen sieht sich vom drohenden Brexit als auch vom Flugverbot des Boeing Mittelstreckenjets »737 Max« laut eigenen Angaben einer finanziellen Mehrbelastung ausgesetzt. Von seinen Beschäftigten bei Lauda verlangte man daher Zugeständnisse beim für den Betrieb ausgehandelten und gültigen Kollektivvertrag.

So sollen Mitarbeiter bei Erreichen des gesetzlich bestimmten Höchstlimits von 900 Flugstunden im Jahr in den Zwangsurlaub geschickt werden. Das widerspricht allerdings nicht nur dem aktuell noch geltenden Kollektivvertrag, kritisiert Vida. Es ist auch mit dem Arbeitsrecht unvereinbar, das einen Urlaub zu Erholungszwecken vorsieht, was Planbarkeit einbezieht, die in so einem Falle nicht gegeben sei. Neben dem Zwangsurlaub nach Erreichen des Höchstlimits verlangt Ryanair überdies auch ein Minimum an Flugstunden beim Bordpersonal. Mindestens 850 Flugstunden im Jahr sollen Crewmitglieder absolvieren, andernfalls drohen Sanktionen, wie etwa die Verringerung der monatlichen freien Tage von zehn auf sieben. Da jedoch die geleisteten Flugstunden nicht vom einzelnen Beschäftigten, sondern ausschließlich vom Unternehmen durch die Dienstpläne bestimmt werden, wäre man hier »der absoluten Willkür der Unternehmensführung ausgesetzt«, kritisierte Roman Hebenstreit, Vorsitzender von Vida, vergangenen Mittwoch.

Darüber hinaus baut Ryanair eine Drohkulisse auf. Wenn bis zum 14. August keine Einigung gefunden sei, wolle die Fluggesellschaft 15 Piloten und zwölf Kopiloten entlassen und statt dessen polnische Leiharbeiter einer anderen Ryanair-Tochter einsetzen. Auch Gerüchte über eine Verringerung oder Umdisponierung der in Wien stationierten Flotte von Lauda und damit einhergehende Kündigungen machten bereits die Runde.

Eine erste mehrstündige Betriebsversammlung des Lauda-Bordpersonals fand vergangenen Mittwoch in Wien statt. Den Flugverkehr schränkte sie allerdings nicht ein, Reisende sollten keine Nachteile haben. Allerdings nur vorerst, denn Gewerkschaft und Beschäftigte machten klar, dass man sich von dem irischen Billigflieger so nicht behandeln lasse. »Die Beschäftigten haben dem Betriebsrat und der Gewerkschaft den Rücken gestärkt, indem sie mit riesiger Mehrheit gegen das rechts- und sozialwidrige Ultimatum der Lauda-Geschäftsführung gestimmt haben«, erklärte Hebenstreit am Donnerstag.

Statt einer Verschlechterung des Lauda-Kollektivvertrags fordert die Gewerkschaft einen branchenübergreifenden Kollektivvertrag. Da dem in Österreich nach sozialpartnerschaftlicher Manier auch die Wirtschaftskammer zustimmen muss, die das allerdings verweigert, plant die Gewerkschaft durch einen Antrag beim Sozialministerium den wirtschaftlich stärksten Kollektivvertrag von »Austrian Airlines« (Aua) als für alle gültig erklären zu lassen. Eine Forderung, die auch bei anderen Fluggesellschaften aufhorchen ließ. So erklärten sich die Beschäftigtenvertreter von Aua, Eurowings und Level solidarisch mit den Lauda-Beschäftigten und trafen sich vorige Woche zu einem Krisengespräch. Fest steht: Ein gemeinsames Vorgehen könnte das Potential von Kampfmaßnahmen deutlich erhöhen. Eine zweite Betriebsversammlung der Lauda-Beschäftigten fand gestern statt. Ergebnisse waren bis zum Redaktionsschluss noch nicht bekannt.

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